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Pfullendorf Walter Schramm schildert seine Flucht aus Ostpreußen 1945

„Die Flucht begann um 5 Uhr und bei minus 30 Grad“: Walter Schramm erlebte gegen Ende des zweiten Weltkriegs als Siebenjähriger die Flucht aus Ostpreußen und erinnert sich an viele Einzelheiten der lebensgefährlichen Odyssee.

Seit sechs Jahrzehnten lebt Walter Schramm in Pfullendorf, war viele Jahre bei Alno beschäftigt und die Verbundenheit zum Unternehmen hält bis heute. So trifft er sich mit weiteren ehemaligen Mitarbeitern beim monatlichen Stammtisch. Die große Leidenschaft des 78-Jährigen ist neben seinen Oldtimern die Jagd und er engagiert sich ehrenamtlich in vielen Projekten. In der Kasimir-Walchner-Schule ist er als „Lernpate“ und zeigt Jugendlichen, wie man beispielsweise ein Mofa wieder flott bekommt.

Walter Schramm ist ein „Pfullendorfer“, aber nicht von Geburt an, denn seine Familie kam vor vielen Jahren als Flüchtlinge in den Linzgau, wo sie heimisch wurde. Als Siebenjähriger erlebte Walter Schramm die Vertreibung aus der ostpreußischen Heimat und er erinnert sich an viele Einzelheiten der lebensgefährlichen Odyssee: Meine Eltern besaßen in der Ortschaft Kreuzhütte in Oberschlesien einen großen Gutshof. Dort erlebten meine Geschwister und ich glückliche Tage. Um 5 Uhr am 18. Januar 1945 mussten sich die Bewohner der Ortschaft zur Flucht vor den herannahenden russischen Soldaten versammeln, dann ging die Flucht los. Dann ereilte uns noch eine traurige Botschaft – einen Tag vor der Flucht. Im Nachbardorf hatte eine Dame zu ihrem Dienstmädchen gesagt, dass sie ihr die Badewanne befüllen soll, weil sie noch ein Bad nehmen wolle. Als das Mädchen später nach der Dame schaute, lag sie leblos in der Wanne und im Abschiedsbrief war zu lesen: „Ich verlasse meine Heimat nicht!“
 

Der Himmel war „rot“...

 

Diese Parole ging auch vor der Flucht durch, dass man nur das Nötigste einpacken sollte, denn man komme ja wieder zurück. Aber meine Mutter packte sehr viel ein, darunter den Kfz-Brief von unserem Opel, den ich heute noch habe. Unser Verwalter glaubte an die Parole und blieb mit unserem Schäferhund „Roland“ zurück. Als die Russen das Schloss stürmten, dachten sie, er wäre der Gutsverwalter und wollten ihn erschießen. Aber er hatte gute polnische Sprachkenntnisse und erklärte den Soldaten die Situation – er blieb am Leben, der Hund wurde erschossen. Die Temperaturen lagen bei minus 30 Grad und ich kann mich noch gut erinnern, dass nach wenigen Tagen viele Menschen, auch viele Kinder, erfroren im Straßengraben lagen. Wir hatten das Glück, in einem geschlossenen Wagen zu fahren. Mein Bruder Siegfried war gerade mal sechs Monate alt. Zur Absicherung der Flüchtlingsstrecke war ein Oberst mit älteren Soldaten abkommandiert und er hatte vor der Flucht auf unserem Gut gewohnt. Wir waren schon zwei Wochen auf der Flucht, als plötzlich unsere Wagentür geöffnet wurde und der Oberst sagte zu meiner Mutter einen Satz, den ich nie vergessen werde: „Gnädige Frau. Trennen sie sich von diesem Treck!“ Meine Mutter hörte auf seinen Rat und wir fuhren „eigenmächtig“ zu unseren Verwandten nach Grodwitz-Herzberg in Sachsen, wo wir am 8. Februar ankamen. Fünf Tage später sahen wir am Himmel, dass alles „rot“ war und hörten im Rundfunk, dass Dresden mit Phosphorbomben bombardiert wurde. Zehntausende Menschen starben, darunter viele Vertriebene und später haben wir erfahren, dass „unser Treck“ sich nach Dresden geflüchtet hatte.

Auch mein Vater hatte den Krieg überlebt und kam aus der Kriegsgefangenschaft zurück, aber wir besaßen nichts mehr, denn man hatte alle Gutsbesitzer enteignet. In Herzberg, das auf dem Territorium der DDR war, bewirtschafteten wir eine kleine Landwirtschaft und wir besuchten in Herzberg die Schule mit dem Pflichtfach „Russisch“. Im Mai 1956 bei einem großen SED-Parteitag wurde mein Vater als ehemaliger Großgrundbesitzer und Junker ausgeschrieen und seine Verhaftung gefordert, aber glücklicherweise konnte er fliehen. Einige Wochen später folgten wir nach und zwar in das Lager Berlin-Marienfelde. Dort konnte man angeben, wohin man weiter wollte und da Verwandte in Pfullendorf schon eine Heimat gefunden hatten, gaben wir auch Pfullendorf an, wo wir dann herzlich aufgenommen worden sind. Meine Schwester Gisela und ich traten dann bei der Fasnet im Ballett auf und meine Schwester Ilse hat als Säuglingsschwester im heimischen Krankenhaus so manchen Pfullendorfer auf dem Arm getragen. Wir alle haben hier einen Beruf gelernt, Arbeit gefunden und heute bin ich als Rentner in etlichen Ehrenämtern aktiv.

 

Flüchtlinge

Von September bis Oktober 1939 waren in Pfullendorf 800 Flüchtlinge aus dem Breisgau und Kaiserstuhl. 1944 werden 2400 Flüchtlinge gezählt. Bei einer amtlichen Volkszählung im März 1946 hatte Pfullendorf 3087 Einwohner, darunter 1234 männliche und 1791 weibliche Deutsche sowie zwei Franzosen, fünf Österreicher, 30 Polen, neun Schwezer, fünf Angehörige der UdSSR, zwei Ungarn, vier sonstige Europäer und fünf Staatenlose.

Quelle: „Die Chroniken der Stadt Pfullendorf“, hrsg. von Josef Groner, 1982).

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