Pfullendorf Trigema-Chef Grupp fordert anständige und persönlich haftende Unternehmer
Pfullendorf - Der 68-Jährige begeisterte mit seiner geschliffenen Rhetorik und der Fähigkeit, auch komplexe Themen verständlich zu erklären. Die Nachvollziehbarkeit seiner Argumente, verbunden mit der ehrlichen Schilderung persönlicher Erfahrungen, animierte das vielhundertfache Publikum immer wieder zum Beifall. „Verantwortungsgefühl, Vorbildfunktion und die persönliche Haftung“, sind für den seit 1972 beim Textilunternehmen „Trigema“ allein verantwortlichen Geschäftsführer die wichtigsten Tugenden eines Unternehmers. Stattdessen gebe es zu viele verantwortungslose Hasardeure, die abkassierten und dem Steuerzahler die Kosten für ihr Desaster aufbürdeten: „Wir brauchen endlich Anständigkeit und Wahrheit“, forderte er unter dem Beifall des Publikums. Harsch kritisierte er die deutsche Exportgläubigkeit und mit Blick auf die New-Economy-Krise und die aktuelle Bankkrise die Unfähigkeit aus Fehlern zu lernen. „Dass die Politiker nicht in der Lage sind, das Problem in den Griff zu kriegen, verstehe ich nicht“, war Grupp die schiere Verzweiflung anzusehen.
Bürgermeister Thomas Kugler, der sich als Mitdiskutant den Fragen von SÜDKURIER-Redakteur Peter Ludäscher stellte, sprach von einem „hochgezüchteten Sozialsystem“, das auf Pump finanziert wurde und den Schwierigkeiten von Politikern solche Wohltaten abzuschaffen, wenn sie diese wieder dem Wählervotum stellen müssten. Er plädierte für eine Systemänderung, eine klare Linie in der Europapolitik, wo man auch „mal Kante zeigen muss.“ „Mir sind die Tränen gekommen, als ich die Schilder am Ortseingang gesehen habe“, antwortete Grupp auf die Frage, was er von der Situation bei Alno halte. Für ihn sei der Küchenmöbelhersteller ein Vorzeigeunternehmen gewesen, das aber dem „Größenwahn“ anheim fiel. „Was mit den Menschen passiert ist eine Schweinerei hoch Drei“, bezeichnete Rathauschef Kugler den früheren Kauf von Wellmann als „trojanisches Pferd“. „Sie wurden durch Alno gerettet und fressen uns jetzt“, sieht Kugler mit Blick auf die Sonderabschreibungen im Geschäftsbericht 2009 „den Standort Pfullendorf schon aus den Büchern getilgt.“ Die nächsten Jahre würden für die Kommune problematisch, prognostizierte er einen Gewerbesteuerrückgang 2011 von etwa 20 Prozent. Dass der Alno-Umzug ins westfälische Enger dort durch Landesbürgschaften gesichert werde, die durch den baden-württembergischen Länderfinanzausgleich finanziert würden, sei nicht nachvollziehbar.
Eine Generalschelte gab's von Wolfgang Grupp für die USA, die er als „größten Wirtschaftsgegner der EU“ bezeichnete und auch deshalb hätten US-Rating-Firmen bis zuletzt malade Immobilienfonds hoch bewertet, damit „die Dummen das Zeug kaufen.“ Ein Besucher wollte wissen, ob Grupp seine Unternehmensnachfolge geregelt habe, was dieser bejahte. Seine zwei 19 und 20 Jahre alten Kinder studierten derzeit in London, vor allem um die Weltsprache Englisch perfekt zu lernen, „aber spätestens mit 23 oder 24 Jahren müssen sie in das Unternehmen.“ „Ich vertraue meinen Kindern“, erklärte Grupp, dass er seine Firma niemals von fremden Managern führen lassen würde.
Der Beifall für die Diskussionsrunde und besonders für Wolfgang Grupp wollte nach fast zwei Stunden beinahe nicht enden und die junge Pfullendorferin Marlene Mießmer kann vielleicht bald prüfen, wie Grupp seine Prinzipien im eigenen Unternehmen umsetzt. Die junge Studentin überreichte ihm auf der Bühne ihre Bewerbungsunterlagen für ein Praktikum.
Kommentar, Seite 22
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