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Pfullendorf TV-Anwalt Ingo Lenßen vertritt Nachbarn vor Gericht

Mit Ingo Lenßen hatte ein 86-Jähriger einen prominenten Rechtsbeistand an seiner Seite. Der Senior hatte Widerspruch gegen die Höhe eines Strafbefehls eingelegt.

Eine fast herzliche Verhandlungsatmosphäre herrschte gestern Nachmittag im Amtsgericht wegen eines Straßenverkehrsdelikts, was nicht zuletzt am Beschuldigten lag. Erschienen ist ein 86-Jähriger, der erstmals in seinem Leben vor Gericht steht und jede Frage höflich und fast immer mit etwas Humor aus seiner früheren norddeutschen Heimat würzt und als Rechtsbeistand den bekannten Fernsehanwalt Ingo Lenßen mitgebracht hat. Der Senior hatte im Sommer 2015 mit seinem Auto den Sicherheitsabstand zum Vordermann nicht eingehalten und war gegen dessen Fahrzeug geprallt, hatte kurz angehalten und fuhr dann weiter. Zwei Monate später gab es für den Blechschaden samt unerlaubten Entfernens vom Unfallort die juristische Quittung: Einen Strafbefehl von mehr als 2000 Euro und neun Monate Fahrverbot. Der Beschuldigte hatte den Strafbefehl akzeptiert, aber gegen die Folgen Einspruch eingelegt.

Als Amtsrichterin Nadine Zieher die persönlichen Verhältnisse des Beschuldigten abfragt, wird klar, dass der Rentner aufgrund seiner Einkommenssituation den Widerspruch formuliert hat. Er bekommt rund 980 Euro Rente und „meine Frau so wenig, dass sie mir die Höhe noch nie verraten hat.“ Das Ehepaar wohnt schuldenfrei im eigenen Haus und hat zwei Autos, wobei der Mann höchstens 2000 bis 3000 Kilometer jährlich fährt.

Der korrekt gekleidete Mann berichtet, dass er den Unfallgeschädigten kurze Zeit später angerufen und sich entschuldigt habe und die Versicherung habe den Schaden von 2400 Euro auch beglichen. „Erzählen Sie mal, wo und wie sie den Führerschein gemacht haben“, ermuntert Anwalt Lenßen seinen Schützling. Als 18-Jähriger geriet dieser 1945 in Kriegsgefangenschaft und war drei Jahre in England, wo er die Fahrprüfung machte und den dortigen „Linksverkehr“ kennenlernte. Und nach mehr als sieben Jahrzehnten als Autofahrer weist das Bundeszentralregister keinen einzigen Eintrag auf, lobt Richterin Zieher. Bei seinem Plädoyer besteht der Staatsanwalt auf dem neunmonatigen Fahrverbot, beantragt angesichts der finanziellen Situation aber selbst eine Reduzierung der Geldbuße auf 900 Euro. Anwalt Lenßen schließt sich dem Ansinnen seines Juristenkollegen vollinhaltlich an. „Mir ist das wirklich peinlich“, erklärt der Beschuldigte im berühmten Schlusswort. Nach fünf Minuten verkündet Richterin Zieher ihr Urteil und reduziert den Strafbefehl auf 900 Euro und verringert auch den Führerscheinentzug um zwei auf sieben Monate. In vier Monaten könne er bei der zuständigen Führerscheinstelle den Antrag auf Wiedererteilung stellen, tröstet Zieher den Senior. Das Fahren im Winter sei ja ohnehin nicht so schön.

„Wissen Sie, das ist mein Nachbar und da helfe ich natürlich“, antwortet Ingo Lenßen auf die SÜDKURIER-Frage, warum ein so bekannter Anwalt sich in einer solchen Sache engagiere. Der Beschuldigte nimmt das Urteil an und macht sich dann auf den Heimweg– auf dem Beifahrersitz des schmucken Autos seines anwaltlichen Nachbarn.

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