Aussortieren und weg", sagt Liebling - "und in der Stadtbücherei einen Leserausweis holen!" Hab ich erledigt: Ausweis geholt, ausgeliehene Bücher heimgeschleppt und eigene Bücher aussortiert. Grimms Märchen, Kinderlieder, Weihnachtsbücher, Tim und Struppi und dergleichen dürfen nicht in die Sortieranlage, die müssen bei uns bleiben. Wegen der Gerechtigkeit. Weil man einzelne Exemplare nicht durch mehrere Kinder teilen und ihnen in ihr eigenes Zuhause mitgeben kann. Bücher, in denen wichtige oder interessante Dinge stehen, verlassen das Haus auch nicht.
Aussortiert werden Bücher, die ich kaufe, wenn ich eine Ablenkung ohne Intelligenzanspruch benötige, oder wenn nicht jeder mit der Nase auf meine momentane faule Phase gestupft werden soll. Lesen erweckt zumindest den Anschein, als sei man beschäftigt. Diese Sorte Bücher müssen irgendwann wieder aus dem Haus, sonst müssen wir anbauen. Die letzte Ladung habe ich zur Gebrauchtwarenbörse in die Stadthalle kutschiert. Vielleicht hat jemand anderes auch mal eine faule Phase.
Neuerdings achte ich darauf, dass die Bücher, die ich ausleihe oder kaufe, vor der Rechtschreibreform geschrieben wurden. Sonst bleibe ich alle paar Meter im Text hängen und überlege, warum da zum Beispiel steht, etwas ginge "zulasten" von irgendwem, wo ich der Meinung bin, man schreibt das "zu Lasten".
Ob Autor und Lektor das übersehen oder die Reformer ihre fünf Minuten hatten und das als neueste Errungenschaft der deutschen Rechtschreibung verkaufen? Nicht nur in der Reform geborene schriftliche Verdrehtheiten kommen einem unter die Augen.
Der Geistesblitz, wo denn bei manchen Schreibweisen und Wortkreationen der gesunde Menschenverstand ihrer Erfinder abgeblieben sein könnte, kam bei mir bisher noch nicht. Viele dieser Ungereimtheiten machen mich ganz wirr im Kopf und gehen eindeutig zu Lasten meines Leseflusses. Deshalb habe ich mir schon überlegt, auf Hörbücher umzusteigen. Da sieht man die Wörter nicht. Hörbücher brauchen aber eine Abspielstation - und die steht nicht in jedem Raum. Wenn ich mich auf meinem Küchensofa installiert habe, kann ich dort in Ruhe ein Buch lesen oder dem Brummen des Kühlschranks zuhören. Aber Hörbücher hören kann ich da nicht. Hörbücher kann man bei uns nur hören, wo "Otto" steht - dick, breitohrig, verrupft und gemütlich weich. Kuschelt man sich bei Otto ein, hat man es bequem.
"Bitte nicht stören!" steht in Großbuchstaben auf Lieblings Stirn, wenn er auf diesem Sessel sitzt. Er beansprucht Otto, bis dessen Eigentumsverhältnisse zwischen uns geklärt sind. Deswegen, und weil Bücher den Vorteil haben, dass man sie überall und ganz für sich allein lesen, wichtige Stellen mit Bleistift unterstreichen und Seiten mit Eselsohren dekorieren kann, vergnüge ich mich weiter lieber mit Gedrucktem. Von vor der Rechtschreibreform. Theresa Clayton