„Ich kann denken. Ich kann reden!“ Das Gehirn, der Mund funktionieren, der übrige Körper von Karin Seibold-Rager ist schlaff, matt, stillgelegt – durch Multiple Sklerose. Vor 30 Jahren ist die furchtbare Krankheit bei ihr ausgebrochen, hat die Körperfunktionen stückweise zum Erlöschen gebracht und sie dann an den Rollstuhl gefesselt. Das wuchtige Gefährt bewegt sie mit dem Kinn. Seit sechs Monaten hat sie eine Art Steuerungsweste, an der vorne ein Hebel befestigt ist. Auf diesen drückt sie ihr Kinn und der Rollstuhl fährt.
Den Kopf kann Karin Seibold-Rager noch bewegen, aber niemand weiß, ob und wie lange das noch möglich ist. Die zweifache Mutter ist 24 Stunden am Tag auf Hilfe angewiesen. „Wenn eine Fliege auf meiner Nase sitzt, muss ich meinen Mann rufen“, beschreibt sie die Hilflosigkeit, die sie verzweifeln lässt. Dass sie und ihr Mann Norbert immer noch über Lebensmut verfügen, liegt an ihren beiden zehn und 14 Jahre alten Kindern, für die sie ihr Dasein bewältigen. Denn der 49-jährige Vater ist gesundheitlich gleichfalls so angeschlagen, dass er eine befristete Erwerbsunfähigkeitsrente bezieht. Kennengelernt hat der gelernte Stukkateur seine Frau, als sie schon seit vielen Jahren an MS erkrankt war und es mit ihrer Gesundheit stetig bergab ging.
Nach der Schule lernt die gebürtige Ravensburgerin Druckerin, wobei sie schon unter Sehstörungen leidet. „Und ich war ständig müde“, erzählt sie vom Beginn ihrer Leidenszeit. Ihr Hausarzt vermutet Kreislaufprobleme und lange bleibt ihre MS unentdeckt. Die Augenprobleme werden offensichtlicher, die Druckerin kann die Schrift der Druckerzeugnisse nicht mehr richtig lesen. Dann wechselt sie mit 19 Jahren die Arbeitsstelle, aber am ersten Tag im neuen Betrieb übersieht sie eine Treppe und bricht sich das Bein. Die Operation verläuft gut, aber sie kann nicht mehr stehen und dann nimmt sie ihren Mut zusammen und fragt den Oberarzt: „Habe ich MS?“, was dieser mit einem knappen „Ja“ beantwortet. Im Krankenhaus hatte sie Patienten mit ähnlichen Symptomen kennengelernt und so war in ihr der furchtbare Verdacht aufgekommen. In den nächsten Jahren folgen viele Krankenhaus- und Rehaaufenthalte. „Dabei habe ich meinen Körper lahm gelegt“, sagt sie resigniert. Die Wirbelsäule verkrümmt sich extrem. Dann muss der rechte Hüftkopf entfernt und der Oberschenkel um acht Zentimeter verkürzt werden. Die Stimme wird brüchiger, der Atem schwächer, so dass Karin Seibold nun nachts eine Atemmaske benötigt. Immer mehr Körperteile versagen ihren Dienst, zuletzt Arme, Hände und Finger.
Die Schwerstkranke ist in Pflegestufe III eingestuft. Morgens und abends kommen Mitarbeiter der Sozialstation für zwei Stunden ins Haus und tagsüber sind noch Einsatzkräfte der Zieglerischen für vier Stunden da, die übrigen 18 Stunden muss ihr Mann die Betreuung übernehmen. Vor drei Jahren zog die Familie von Weingarten in eine Ergeschosswohnung nach Ostrach, nachdem Seibolds zuvor schon vier Jahre im Ortsteile Burgweiler gewohnt hatten. „Ist das ein Leben?“, fragt die Frau im Rollstuhl und blickt dem Gesprächspartner offen in die Augen.
Sie kann fast nicht mehr am öffentlichen Leben teilnehmen. Nur wenn ihr Mann sie mit dem behindertengerecht umgebauten Auto aus der Isolation der Wohnung wegfährt, dann spürt sie die Augenblicke des Lebens. Aber das Fahrzeug, das vor Jahren mit Spenden und Krediten angeschafft werden konnte, ist alt, reparaturanfällig und braucht zu viel Sprit, den sich das finanziell klamme Rentnerpaar nicht immer leisten kann. „Das Auto macht es nicht mehr lange und wir haben kein Geld für Ersatz“, zeigt Norbert Seibold auf das Vehikel. Er bittet deshalb Stiftungen oder Organisationen wie „Mobil mit Behinderung e.V“, um Unterstützung, die schon bei der Finanzierung des derzeitigen Autos geholfen haben. Für die Familie wäre es ein Segen, wenn sie wieder ein Auto hätte, denn sonst reduziert sich das Leben für seine Ehefrau nur auf die Räume der Mietwohnung. „Wir brauchen ja kein neues Auto, sondern einfach ein Fahrzeug, wo man meinen Rollstuhl reinschieben kann“, ergänzt Karin Seibold-Rager.
Der Wunsch nach Unterstützung und die Hoffnung auf Hilfe haben das Ehepaar Seibold bewogen, ihr Schicksal öffentlich zu machen. Und eine neue Hiobsbotschaft muss die Familie verkraften – eine Krebsdiagnose bei Ehemann Norbert, der am Samstag operiert werden musste.
