Mein

Pfullendorf Einen „unbekannten“ Hermann Hesse entdeckt

09.08.2012
Pfullendorf -  Heute jährt sich der Todestag des Literaturnobelpreisträgers Hermann Hesse, der mit 125 Millionen Büchern der meistgelesene deutsche Autor ist. Unzählige Biografien über das Leben und Schaffen des deutsch-schweizerischen Dichters wurden schon veröffentlicht, aber der Literaturwissenschaftlerin Carina Gröner aus Pfullendorf ist es gelungen, tatsächlich eine unbekannte Seite zu entdecken.

Die Pfullendorferin Carina Gröner ist Assistentin am Lehrstuhl für Deutsche Sprache und Literatur an der Universität St. Gallen und hat ein Buch über Hermann Hesse verfasst.  Bild: volk

Service
Artikel drucken  Artikel drucken
  Artikel versenden

  Newsletter
  RSS-Feed


Die 34-Jährige arbeitet seit 2007 als Assistentin am Lehrstuhl für Deutsche Sprache und Literatur an der Universität St. Gallen und beschäftigte sich mit drei Briefnachlässen von Hesse, die sich in der Kantonsbibliothek Vadiana in St. Gallen befinden. Dabei beleuchtet sie, wie der Dichter sein Leben und Schreiben finanzierte. Der Titel ihres daraus entstandenen Buches „Ja, das Nehmen und das Geben…“, zeigt schon, wie der Dichter dabei seine Brieffreundschaften gleichermaßen als Lebensaufgabe und Geschäftsmodell betrachtete.

Der 1877 in Calw geborene Hermann Hesse absolvierte nach gescheiterter Schullaufbahn eine Lehre als Buchhändler in Tübingen und hatte Gelegenheit, sich ein umfangreiches Wissen über Handel und die literarischen und buchtechnischen Vorlieben seines Publikums anzueignen. Schon während seiner Zeit als Buchhändler veröffentlichte er Gedichte und nach dem Erfolg seines Romanerstlings Peter Camenzind 1904 lebte Hesse überwiegend von der Schriftstellerei, was jedoch eine andauernde wirtschaftliche Unsicherheit mit sich brachte.

„Aus diesem Grund kam er bald auf die Idee, handschriftliche Abschriften seiner Gedichte an Freunde und Bekannte zu verkaufen oder gegen anderweitige materielle Unterstützung einzutauschen“, hat Carina Gröner herausgefunden. Zwischen 1904 und 1912 lebte er in Gaienhofen am Bodensee und wurde schnell bekannt. Danach siedelte er in die Schweiz um, wo er zunächst in Bern und später in Montagnola im Tessin lebte und seine großen Romane wie, Demian, Siddharta oder den Steppenwolf verfasste.

Die wirtschaftliche Situation Hesses spitzte sich zu, als in Deutschland der Erste Weltkrieg ausbrach, er bekam, da er in der Schweiz lebte, nur einen kleinen Teil seiner Tantiemen ausbezahlt und so griff er auf die zuvor erprobte Möglichkeit zurück, handgeschriebene Sammlerstücke an Freunde und Briefpartner zu verkaufen oder gegen materielle Zuwendungen einzutauschen.

„Die Freunde unterstützten ihn, indem sie ihm beispielsweise Papier und Schreibmaterial, Essenspakete, Kleidung, Cognac oder Zigarren schickten“, beschreibt Gröner im Gespräch mit dem SÜDKURIER sein einträgliches Geschäftsmodell. Hesse erwiderte, wie die Korrespondenzen zeigen, jede materielle Zuwendung durch eine literarische Gegengabe, jedoch passte er keinen seiner Texte einem Wunsch der Gönner an.

Hesse führte im Laufe seines Lebens unzählige Korrespondenzen, mit dem Dichterfreund Thomas Mann oder dem Komponisten Othmar Schoeck, aber auch die Briefe seiner zahllosen Bewunderer hat er stets gewissenhaft beantwortet. Carina Gröner zeigt, wie sich aus diesem Gelegenheitsverdienst heraus ein umfassendes Netzwerk aus Freunden und Gönnern bildet, das dem Dichter über lange Zeit den Lebensunterhalt sicherte, und auch sein humanitäres Engagement für die deutsche Kriegsgefangenenfürsorge über den Literaturnobelpreis 1946 bis nach dem Zweiten Weltkrieg als Geschäftsmodell trug. Hesse habe es sehr geschickt verstanden, sich in der persönlichen Korrespondenz als Dichterpersönlichkeit zu vermarkten, indem er seinen Briefen Angebotsblätter von eigenen Neuerscheinungen, Portraitpostkarten von sich und seiner Familie oder auch Durchschläge von Honorationsbriefen beilegte, die er selbst erhalten hatte, resümmiert die Pfullendorfer Literaturwissenschaftlerin.

Äußerungen des Dichters, in denen er seine Korrespondenztätigkeit augenzwinkernd als „Laden“ bezeichnete, zeigen nach Überzeugung von Carina Gröner, dass er sich der ökonomischen Basis seiner Brieffreundschaften bewusst war. „Ja, das Nehmen und das Geben, das An sich selbst arbeiten und das sich der Welt hingeben. Das ist zwar ein Gegensatzpaar aber ein schönes und positives, es ist wie Ein und Ausatmen. Danke für Ihren Beitrag“, zitiert sie aus einem Brief von 1951.

„Im Prinzip ist das wie heute bei Facebook“, sieht Gröner den Dichter, der bekanntlich für viele Mitglieder der 68erBewegung die literarische Grundlage bildete, auch hier als Vorreiter der Moderne. Gröner, die derzeit an ihrer Dissertation arbeitet und sechs Jahre als SÜDKURIER-Mitarbeiterin tätig war, hat schon mehrere Vortragseinladungen erhalten, um ihre ungewöhnlichen Forschungsergebnisse vorzutragen.

zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Schreiben Sie Ihre Meinung
Überschrift
Text


noch 1000 Zeichen


Informiert bleiben:
Bei jedem neuen Kommentar in dieser Diskussion erhalten Sie automatisch eine Benachrichtigung
Unsere Community-Regeln