Mein
 

Pfullendorf Ein Urteil zerreißt eine Familie

Nach einem Urteil des Oberlandesgerichts Karlsruhe muss ein Vierjähriger, der eine Woche nach seiner Geburt in eine Pflegefamilie kam, am morgigen Donnerstag seine Pflegeeltern endgültig verlassen. Das Gericht sprach dem leiblichen Vater das alleinige Sorgerecht zu, in dessen Familie der Junge nun wechselt.

Dieser Novembermorgen im Jahr 2007 ist genauso trist, wie die Zukunft eines kleinen Jungen sein wird, der Stunden zuvor auf die Welt kam. Seine Mutter hat ihn geboren, kann ihn aber nicht erziehen. Schon zwei ihrer Kinder wachsen bei Pflegeeltern auf. Der Vater trennte sich während der Schwangerschaft, wegen unüberbrückbaren Differenzen. Das zuständige Jugendamt Friedrichshafen weiß Bescheid und es ist alles vorbereitet. Und so kommt es, dass eine Woche nach der Geburt Colette P., die mit ihrem Mann in einer Bodenseegemeinde wohnt, ins Krankenhaus kommt und den Winzling in den Arm nimmt. Sie ist die Pflegemutter für das Neugeborene, ausgewählt vom Jugendamt.

Rückblick: Das Ehepaar P. will Kinder, aber das Schicksal ist grausam und zwei Mal verliert die Schwangere ihre ungeborenen Babys, darunter ein Zwillingspärchen. Das Paar will dann ein Kind adoptieren, aber Beide sind Mitte Dreißig und die Behörden machen ihnen aufgrund des Alters wenig Mut, dass sie ausgewählt werden. Sie können ja einen Kurs als künftige Pflegeeltern machen, wird ihnen gesagt. Sie folgen dem Rat und dann kommt ein Anruf vom Jugendamt: Eine junge Frau erwartet ein Baby und sei einverstanden, dass das Kind in eine Pflegefamilie kommt.

„Wir haben die schwangere Mutter dann auch kennengelernt“, erzählt Colette P., wie sehr sie sich mit ihrer ganzen Familie auf das Pflegekind freute. Angesichts der schwierigen Situation der Kindeseltern macht ihr die Behörde große Hoffnungen, dass der Junge nicht nur vorübergehend bei der Pflegefamilie bleiben darf, sondern vielleicht sogar ein Leben lang. Die Kindesmutter behält das Sorgerecht, besucht wöchentlich ihr Kind, der Vater darf seinen Sohn alle zwei Wochen sehen. Noch während der Schwangerschaft seiner Ex-Partnerin hat er aber erklärt, selbst für das Kind sorgen zu wollen und sich gegen die Pflegefamilie ausgesprochen. Deren Glück tut das zu Beginn keinen Abbruch. Ja, es wird schöner, denn völlig überraschend wird Colette P. nochmals schwanger und bringt einen gesunden Jungen zur Welt. Die beiden Jungs wachsen fortan wie Zwillinge auf.

Leiblicher Vater fordert mehr Umgang mit seinem Sohn

Aber der leibliche Vater fordert mehr Umgang und für die Pflegeeltern beginnt ein Gerichtsmarathon und ein Wechselbad der Gefühle, das im März 2012 mit einem für sie furchtbaren Urteil des Oberlandesgerichts Karlsruhe beziehungsweise des zuständigen Sozialsenats Freiburg endet – der nunmehr 4,5-Jährige soll bis spätestens Ende August aus der Pflegefamilie heraus, um dann für immer in der neuen Familie des Vaters leben. Ein furchtbarer Schock für die Pflegeeltern, die am Verzweifeln sind. In einer ersten Verhandlung hatte das Amtsgericht Überlingen dem Vater im Jahr 2008 das Sorgerecht zugesprochen, aber der Junge verblieb in der Pflegefamilie. Das Oberlandesgericht Freiburg verwarf später das Urteil und sprach der Mutter wieder das Sorgerecht zu. Der kleine Junge verblieb bei Familie P. und es folgten weitere Klagen, psychologische Gutachten und der Vater erhielt mehr Umgang. Wieder und wieder insistierte er, will den Sohn ganz für sich und im März 2012 urteilt der Familiensenat Freiburg, dass sich der leibliche Vater“ die Erziehungsfähigkeit angeeignet habe“ und es für das Kindeswohl am besten sei, wenn der Kleine nicht bei seinen „sozialen Eltern“ bleibe.

In dem 40-seitigen Urteil ordnen die Richter eine „Hinführungsfrist“ bis zum 31. August an. Der Junge soll immer länger beim Vater bleiben, zuletzt war er erstmals zehn Tage dort und ab dem morgigen Donnerstag soll er für immer seine Pflegeeltern verlassen. Gegen dieses Urteil wurde keine Berufung zugelassen. Das zuständige Jugendamt Friedrichshafen und die so genannte Verfahrenspflegerin hätten sich regen können, aber nichts passierte. „Ihre Pflegschaft ist beendet“, erhielt Frau P. später ein lapidares Schreiben, und ihre Wut, Zorn, Enttäuschung und Verzweifelung über die Behörde sind mit Händen zu greifen. „Da wird einfach eine Akte geschlossen“, empört sie der kühle-bürokratisch Umgang, wo es doch um einen kleinen Jungen gehe. Sie fürchtet, dass er angesichts der dramatischen Veränderungen Schaden nimmt und berichtet, dass er nach Besuchen beim leiblichen Vater, Hautausschläge bekommen habe und er sich in der fremden Umgebung auch weigere, auf Toilette zu gehen. Dass ein Vater um sein Kind kämpfe, verstehe sie, aber im Fokus müsse dessen Wohl stehen. „Ich will nur das Beste für ihn“, fordert sie mit tränenerstickter Stimme, dass die Übergangsfrist verlängert wird und der Junge mehr Eingewöhnungszeit bekommt, um seine neue Lebenssituation zu begreifen.

Kinderschutzbund und Kindergarten sind entsetzt

Entsetzt über das Urteil zeigt sich auch der Kinderschutzbund und der Kindergarten, den das Pflegekind besucht, hat sich in einem Brief an Sozialsenat für dessen Verbleib in der Pflegefamilie einsetzte, was der Senat in seinem Urteil aber ablehnte. Auch die in Pfullendorf wohnende Pflegeoma wandte sich an das Gericht und erklärte, dass es Deutschland vielen Kindern schlecht gehe, ihrem Enkelsohn aber sehr gut und den man nun „vorsätzlich kaputt“ mache.

Kein Trost ist ihr und der ganzen Familie, dass der Familiensenat in seinem Urteil den weiteren Umgang zwischen dem Jungen und seiner Pflegefamilie befürwortet, wobei das Gericht aber keine konkreten Vorgaben macht, sondern die Regelung den Betroffenen überlässt. Bislang hat sich der Kindesvater aber noch nicht gemeldet, sondern wiegelt nach Angaben von Colette P. ihre Vorschläge nur ab und die leibliche Mutter ist derzeit unauffindbar.

„Ich kann meinem Kind morgen nicht sagen, ob und wann wir uns wiedersehen dürfen. Wie grausam ist das?“, bangt die von unvorstellbaren Ängsten geplagte Frau um das Wohlergehen ihres Jungen.
Nachdem der leibliche Vater (Antragsteller) auf das Sorgerecht geklagt hatte, erließ der 18. Familiensenat des Oberlandesgerichts Karlsruhe nachfolgendes Urteil (Aktenzeichen 18 UF 224/11), aus dem die nicht vollständig wiedergegebenen Kernsätze wie folgt lauten:

Auszüge aus dem Urteil des OLG Karlsruhe
  • Das Urteil: Auf die Beschwerde des Antragstellers werden die Beschlüsse des Amtsgerichts Überlingen vom 24. Mai aufgehoben.
  • Die Konsequenzen: Dem Antragsteller wird das alleinige Sorgerecht für das Kind, geboren am … 2007, übertragen. Es wird angeordnet, dass das Kind bis 31. August 2012 in der Familie der Pflegeeltem verbleibt. Im Übrigen wird der Antrag der Pflegeeltern auf Erlass einer Verbleibensanordnung zurückgewiesen. Die Rechtsbeschwerde wird nicht zugelassen.
  • Der Ablauf: Der Antragsteller holt das Kind bei den Pflegeeltern … ab und bringt es zum Ende des Umgangs wieder dorthin zurück. Die Pflegeeltern halten das Kind zur Abholung bereit und nehmen ihn nach dem Umgang wieder in Empfang. Die Beteiligten werden darauf hingewiesen, dass das Gericht bei der Zuwiderhandlung gegen diese Anordnung gegenüber dem Verpflichteten Ordnungsgeld von bis zu 25?000 Euro und für den Fall, dass dieses nicht beigetrieben werden kann, Ordnungshaft anordnen kann.
  • Die Folgen: Im vorliegenden Fall sind zwar beim Kind als Folge einer Trennung von seinen Pflegeeltern gewisse Belastungsreaktionen wahrscheinlich. Es liegen jedoch keine Anhaltspunkte dafür vor, dass die zu gewärtigenden Beeinträchtigungen des Kindes über das mit einem Wechsel der Hauptbezugspersonen typischerweise verbundene Maß hinausgehen werden. Insbesondere kann nicht festgestellt werden, dass die Trennung von den Pflegeeltern mit überwiegender Wahrscheinlichkeit bei (...) psychische oder physische Schäden nach sich ziehen wird.
  • Die Annahme: Der Senat geht davon aus, dass der Vater im Fall eines Wechsels des Kindes in seinen Haushalt den Pflegeeltern – auch ohne dass es hierfür einer gerichtlichen Regelung bedarf – ein regelmäßiges und ausgedehntes Umgangsrecht – mehrmals im Monat – einräumen wird.
  • Die Möglichkeit: Selbst wenn (...) möglicherweise bei den Pflegeeltem ein noch besseres Umfeld als beim Vater mit optimalen Förderungsmöglichkeiten geboten werden könnte, spräche dies für sich allein nicht gegen den Wechsel des Kindes zum Vater. Denn zum Wächteramt des Staates zählt nicht die Aufgabe, für eine den Fähigkeiten des Kindes bestmögliche Förderung zu sorgen.
  • Die Kosten: Gerichtskosten werden für beide Instanzen nicht erhoben. Der Verfahrenswert wird für beide Instanzen auf jeweils 5000 Euro festgesetzt.
 

Regionale Produkte von Bodensee, Schwarzwald und Hochrhein auf SÜDKURIER Inspirationen. Gleich Newsletter abonnieren und sparen!
Erlesene Bodenseeweine jetzt bei SÜDKURIER Inspirationen!
Korrekturhinweis
Neu aus diesem Ressort
Pfullendorf
Pfullendorf
Pfullendorf
Pfullendorf
Pfullendorf
Pfullendorf
Die besten Themen
Kommentare (45)
    Jetzt kommentieren