„Das Herz von Alno schlägt nun wieder in Pfullendorf“, begrüßte Vorstandschef Max Müller die Aktionäre gestern erstmals am Firmensitz zur Hauptversammlung. Als „schwierigstes Jahr der 85-jährigen Firmengeschichte“ bezeichnete er 2011 und bekannte, dass das Unternehmen vor vier Wochen vor der Insolvenz stand. Zum 20. Juli wären 54 Millionen Euro Darlehensverbindlichkeiten an Banken, 14,3 Millionen Euro an die Comco AG, 48 Millionen Euro an die Bauknecht Gruppe fällig sowie fast 100 Millionen Euro an Warenkreditlinien und Factoring-Vereinbarungen gestrichen worden. „Die Zahlungsunfähigkeit wäre da gewesen“, bestätigte Finanzchefin Ipek Demirtas. Nur durch das am 11. Juli vorgelegte Finanzierungs- und Kapitalkonzept wurde die Insolvenz abgewendet. Kernstück sind eine Herabsetzung des Grundkapitals und die Ausgabe von 44 Millionen neuer Aktien für je 1,05 Euro. Max Müller, der bislang 520 000 Alno-Aktien hält, wird wie seine Vorstandskollegen Demirtas und Elmar Duffner neue Aktien kaufen. Alle nicht am Markt platzierten Papiere übernimmt eine Tochterfirma des Alno-Hauptlieferanten Whirlpool, sodass der Emissionserlös von 46 Millionen Euro gesichert ist.
Curd Borgensteen, ein in der Schweiz lebender Schwede, erklärte bei der anschließenden Aussprache, dass er Aktien kaufen will, denn die Bilanz von Alno sei eigentlich stärker, als das schlechte Bild, das in der Vergangenheit gezeichnet wurde. „Ich würde noch mehr Produktion in Pfullendorf konzentrieren“, erklärte der Unbekannte. Zustimmung kam auch von Hans-Joachim Adler, nach eigenen Angaben im Küchenmöbelmarketing tätig. Mit Elmar Duffner habe die Alno ein Vorstandsmitglied, das höchste Reputation genieße. Kritischer äußerte sich Ten Doornkaart von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger, der eindeutige Aussagen, Fakten und Ziele in der Alno-Strategie vermisste.
Von einem „rhetorischen Wolkenkuckucksheim“ von Max Müller sprach Aktionär Dietmar Kurz, der das Finanzkonzept als „halsbrecherisches Konstrukt“ bezeichnete und die Kapitalerhöhung ablehnte. Und er behalte sich eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Konstanz gegen Müller wegen dem Verdacht der Insolvenzverschleppung vor. Siegfried Pfündel von der deutschen Schutzvereinigung Wertpapierbesitz erinnerte an den „irrsinnigen Umzug von Jörg Deisel nach Düsseldorf“, der 2011 auch fatale Preisabsprachen getroffen und das Unternehmen kurz vor den Abgrund geführt habe. Der neue Vorstand habe diese Fehler nicht zu verantworten und dessen Prognose im Jahr 2012 eventuell eine „schwarze Zahl“ im operativen Ergebnis zu liefern, sei glaubwürdig.
Auf Anfrage bestätigte Alno-Chef Müller, dass er im Rahmen der Sanierungsvereinbarung II mit der Comco AG für die Vermittlung einer Investorengruppe und Verhandlungen von Sanierungsbeiträgen, die Alno um 40 Millionen Euro entlasteten, zwei Millionen Euro erhalten habe. Damals war er aber nicht Mitglied des Vorstandes und seit der Übernahme des neuen Amtes wurden neue Verträge stets vom Aufsichtsrat gebilligt.
Die Alno AG ist einer der weltweit größten Küchenmöbelhersteller. Sitz des Unternehmens war bis 2010 und ist seit 2011 wieder Pfullendorf.
