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Neuhausen ob Eck So feiern Southsider

25.06.2012
Neuhausen ob Eck -  Es ist ein Dejá-Vu der miesen Sorte: Trotz aller passablen Wetterprognosen bricht am Donnerstagabend die wettertechnische Hölle über den Southside-Campingplatz herein. Der Regen peitscht in entsetzte Gesichter, der Wind pfeift über die Zeltstadt und schon bald segeln Pavillons durch die Lüfte und Zeltstangen brechen wie Salzstangen.
Southside

 Bild: Oliver Hanser

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Kein Southside ohne Sturm – und manch einer hatte es voraus gesehen. „Das läuft doch bislang alles viel zu glatt heute. Keine Wartezeiten, befestigte Wege und freundliche Securitys. Da kommt noch was auf uns zu“, prophezeite Max aus Bayreuth wenige Stunden zuvor.

Und tatsächlich: 2012 haben die Veranstalter des Southsides zwei der organisatorischen Hauptmakel der vergangenen Jahre ausgemerzt: Das neue Einlasssystem „Fast Lane“ sorgt für verkürzte Wartezeiten und eine stressfreie Anreise und darüber hinaus sind zahlreiche Wege abseits der Landebahn befestigt. Gegen die Launen des Wettergottes hilft allerdings kein organisatorischer Kniff dieser Welt. Doch das Southside-Publikum wäre nicht das Southside-Publikum, wenn es nicht Petrus breit ins Gesicht grinsen würde: Unter einem Pavillon, der gleich von zehn Mann am Boden gehalten wird, sammelt sich eine unglaubliche Menschenmenge. Felix greift zur Gitarre, von der fortan im Sekundentakt die Saiten springen und die Menge singt sarkastisch und aus vollen Kehlen in den Sturm „American Pie“: „This could be the day when I die.“ Und irgendwie kann es dann doch keinen schöneren Auftakt geben.

Der nächste Dejá-Vu-Moment durchrüttelt das Gelände des Southside-Festivals am Freitagabend um etwa 22.45 Uhr – mittlerweile hatte sich die Sonne durch den Wolkenhimmel gefressen und die deutsche Nationalmannschaft Griechenland mit 4:2 zersägt – ein Sieg, den Zehntausende beim Public Viewing auf der Landebahn verfolgen. Zu diesem Zeitpunkt bespielen die Ärzte die Hauptbühne des größten süddeutschen Festivals. Natürlich als Headliner – genau wie schon 2005. Die selbsternannte beste Band der Welt ist selbstredend noch die alte – BelaFarinRod blödeln sich wie eh und je durch ihre ultra-kurzweilige, legendäre Best-Of-Show – aber ansonsten hat sich der Festivalkosmos im vergangenen Jahrzehnt entscheidend gewandelt. Das zeigt bereits der Blick auf den Geländeplan und den Timetable: Den beiden großen Open-Air-Bühnen wurden mittlerweile zwei Zeltbühnen zur Seite gestellt, die eine ganze andere Quantität und eine neue Vielfalt der Musik ermöglichen. Während die White-Stage in erster Linie von angesagten Elektroacts wie Fritz Kalkbrenner bespielt wird, bietet die Red-Stage Platz für Genre-Bands aus Folk, Hardcore und Hip-Hop. So erscheint das Southside 2012 abwechslungsreicher als je zuvor und man erwischt sich selbst dabei, wie man sich Bandkombinationen der Marke Die Antwoord – Eagles Of Death Metal – The Shins – Steve Aoki zusammenstellt. Zur Verdeutlichung: Das ist in etwa so, als würde man sich einen Drink aus Tabasco, Erdbeersaft, Sauce Hollandaise und gutem Rotwein zusammenbrauen – aber es schmeckt und das kann nur das Southside!

Auch das Publikum hat sich gewandelt. Die Festivalneulinge von damals sind heute Veteranen und so mancher, der einst kopfschüttelnd an New Order vorbei schlenderte, findet sich heute in der ersten Reihe, um den alten Helden zu huldigen. Und natürlich drängen neue Generationen von Fans und Musikern aufs Southside. Da wären zum Beispiel Casper und Kraftclub, die beide im vergangenen Jahr Nummer-eins-Alben auf den Markt geschmissen hatten und nun für unvergleichliche Euphorie beim jungen Publikum sorgen. Die Zeiten ändern sich, sie änderten sogar New Order (die heuer ohne Peter Hook auf der Bühne stehen) und sie änderten den Anspruch der Festivalbesucher.

Angesichts der wachsenden Konkurrenz muss ein Festival heute mehr bieten als nur Musik. Festivals sind Events, Gesamtkunstwerke. Vorbild sind dabei sicherlich die britischen Giganten wie das Glastonbury – aber auch die deutschen Festivalriesen und allen voran das Southside hat zur internationalen Konkurrenz aufgeschlossen: Da ist die bereits erwähnte musikalische Vielfalt, da sind die Grillstationen, die Fußballübertragungen, die Zirkusbühne, das generalüberholte Partyprogramm, der festivaleigene Radiosender, der Festivalsupermarkt und so weiter und so weiter. Das Southside gleicht dabei einem Ameisenbau– das bunte Gewusel ist durchweg chaotisch, aber scheint einer eigenen anarchischen Logik zu folgen. Ein Ministaat, in dem sich einer zum König krönt, losmarschiert und kurz darauf Hundertschaften anführt. Der breiteste Strom schlängelt sich entlang der Hauptschlagader der Landebahn über den Take-Off-Gewerbepark. Hier steht die große Bühne für Hobbymusiker, Spaßmacher, Verlorene und Flunkyball-Turniere – in diesem Jahr gibt es eine ganze Reihe von spektakulären Performances zu sehen. Wir begegnen einem kunterbunten Alien-Trio, das sich durch die Mondlandschaft kämpft, zwei Robotern, die ruckartig über das Gelände tuckern und auf der Landebahn schiebt sich ein durch Stangen bewegbarer Stahlriese durch die Menge. Als weitere Modetrends der Landebahn erweisen sich definitiv die hautengen Morphsuits und – aus welchem Grund auch immer – dichtbehaarte Bärenkostüme.

Das echte Festivalleben spielt sich aber tief drin im Zeltedschungel ab. Hier entstehen unzählige Mikrokosmen innerhalb des Mikromakrokosmos Festival. Spontanität und Anarchie geben dabei den Southsiderhythmus vor. Eine Gruppe aus Stuttgart ist besonders gut vorbereitet. Direkt nach dem Aufstehen erfolgt etwa eine zeremonielle Auslosung, die jedem Campteilnehmer einen Partner zulost, an den er dann mit Kabelbinder gekettet wird. Es entwickelt sich ein erbarmungsloser Wettkampf, denn selbst die einfachsten Aktivitäten wie Bier öffnen, eincremen oder Zähne putzen werden nun zur Prüfung; richtig interessant wird es allerdings erst, als bei den ersten Wettkampfteilnehmen die Blase drückt… Am nächsten Tag werden die Bandagen härter: Auf dem Programm steht Bungee-Roulette. Wieder wird gelost und der Verlierer (oder wahlweise Gewinner) muss sofort auf den Bungeeturm.

Aus Sicht des Musikfans lässt das Southside 2012 ohnehin keine Wünsche offen: Noel Gallagher spielt „Don't Look Back in Anger“ und lässt die Menge grölen, Mumford & Sons sorgen für Gänsehautmomente und die Ärzte für die Party zum Deutschlandsieg. Die Antwoord spielt das debilste und abgedrehteste Konzert der Southsidegeschichte, während bei The Shins reihenweise Herzen schmelzen. Kraftclub sprengt die Zeltbühne, ehe The Cure Musikgeschichte greifbar machen. Das Southside funktioniert als stark gewürztes Potpourri der Sinne, als ein Eintopf der Gefühle – eine eigene kleine Welt voller Absurditäten, gewichtigen Momenten und grandioser Musik.

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Mehrere zehntausend Musik-Fans kommen jährlich zum Southside. Das Festival, das seit 2000 in Neuhausen ob Eck bei Tuttlingen stattfindet, hat sich zu einer der größten Open-Air-Veranstaltungen in Deutschland entwickelt.
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