Wenn Frühaufsteher am Morgen des 1. August in der Nähe der geplanten Baustelle der karolingischen Klosterstadt „Campus Galli“ in Meßkirch unterwegs waren, konnten sie gegen 5 Uhr als frühmittelalterliche Mönche verkleidete Personen sehen, die mit seltsamen Geräten hantierten. Dabei handelt es sich um Teilnehmer des Seminarkurses des Ludwig-Uhland-Gymnasiums aus Kirchheim unter Teck, teilt Bert M. Geurten, Vorsitzender des Vereins Karolingische Klosterstadt mit.
Die Gruppe um den Mathematiklehrer Martin Kieß bestimmte anhand von Berechnungen den Ort des Sonnenaufgangs am 1. August und damit die Hauptachse des künftigen Klosterkomplexes, die in Richtung Osten verlaufen soll. Der erste Sonnenstrahl am Horizont entsprach so der Richtung der Baulinie für die Errichtung der künftigen Klosteranlage.
In der Gruppe von Kieß, die sich an diesem Morgen aus zwei ehemaligen Gymnasiasten und aus fünf Schülern zusammensetzte, die die erste Woche ihrer Sommerferien so in den Dienst des Klosterstadtprojekts stellten. „Genau in die Richtung, in der am 1. August in Meßkirch die Sonne aufgeht, wird die Klosteranlage gebaut werden. Da wird, wie im Mittelalter üblich, später der Hauptaltar der Klosterkirche stehen“, stellte Geurten fest.
„Die Orientierung, so nennt man diesen Vorgang, erfolgte immer vor der Grundsteinlegung und war für die mittelalterliche Welt die erste heilige Handlung eines entstehenden Kirchengebäudes. Man hat für die Messung im Mittelalter den Tag gewählt, der mit dem Heiligen, dem die Kirche geweiht werden sollte, in Zusammenhang stand“, erläutert Kieß. Da der heilige Gallus, dem in dem Klosterplan von St. Gallen der Hauptaltar gewidmet ist, ja in der Schweiz tätig war, habe sich dieses Datum angeboten, fährt Geurten fort. Sei doch der 1. August der Nationalfeiertag der Schweizer Eidgenossen. Die Kirchheimer verweisen zudem auf den Heiligentag „Petrus in Fesseln“, der auf den 1. August fällt und der schon in der Karolingerzeit bekannt gewesen sei.
Mit vor Ort war auch der Dokumentarfilmer Reinhard Kungel, der für das Fernsehen einen ersten Dokumentarfilm drehen wird. Er reiste extra aus München an, um diesen historischen Augenblick für seinen ersten Film über „Campus Galli“ festzuhalten, sagt Geurten.
Die Gruppe aus Kirchheim unter Teck hatte die Ostrichtung indessen schon vorab mit mathematischen Methoden errechnet und eine Abweichung von 29 Grad in Richtung Norden festgestellt. Nach einer Nacht voller Vorarbeiten, die sie im Büro des Klosterstadtvereins am Marktbrückle verbrachten, waren sie dann ab vier Uhr vor Ort. Bereit für das Interview mit Kungel und den Sonnenaufgang. Und im Rückblick stellt Kieß auf die Orientierung mittels Auge und Seil zufrieden fest: „Die Sinne zu betätigen war ganz großartig.“
Nach dem weltberühmten Klosterplan von St. Gallen lassen der Verein Karolingische Klosterstadt und die Stadt Meßkirch eine frühmittelalterliche Klosterstadt entstehen.
