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Leibertingen/Meßkirch Notbremse wegen Dichtezentrum: Vorläufiges Aus für Windpark Meßkirch-Leibertingen

Reg.EN stoppt weitere Untersuchungen für den geplanten Windpark, weil der Rotmilan deutlich mehr verbreitet ist als angenommen. Die Wahrscheinlichkeit für das Projekt ist jetzt gering.

Wegen der hohen Flugdichte der Rotmilane über dem Waldstück zwischen Leibertingen und Meßkirch hat Immo Müller von der Firma Reg.EN die Notbremse gezogen. Überraschend teilte der Planer und Investor in einer Pressemitteilung am Donnerstag mit, dass die Pläne „vorläufig eingestellt“ werden. Auf den Begriff „vorläufig“ angesprochen, erklärte Immo Müller dem SÜDKURIER: „Es ist richtig, das Vorhaben an sich ist für uns nicht abgehakt. Die Natur ist nie statisch, vielleicht ändert sich ja die Sachlage irgendwann.“ Im gleichen Atemzug räumt der ostfriesische Unternehmer aber ein, dass die Wahrscheinlichkeit dafür „natürlich gering“ sei.

Vielleicht, so Müller, ändere sich ja auch die "grün-politische" Sachlage, sprich die Vorgaben seitens der Landesanstalt für Umwelt. In einigen anderen Bundesländern, so Müller, sähe die Genehmigungsfähigkeit besser aus. Ein Fragezeichen setzt Müller hinter die Rotmilan-Problematik. Er fragt, ob es tatsächlich ein Problem in der Größenordnung ist, wie es von interessierter Seite dargestellt wird. Müller: „Die Population nimmt jedenfalls zu, und nicht nur in Leibertingen-Meßkirch, sondern auch dort, wo Windräder in Betrieb sind.“

Mit der Entscheidung, die Planungen im bisherigen Vorranggebiet einzustellen, ist allerdings kein Rückzug der Reg.EN aus dem Verwaltungsbereich Leibertingen, Meßkirch, Sauldorf verbunden. Dazu sagt Immo Müller: „Wir schätzen die Situation nun so ein, dass es zwar einen Flächennutzungsplan mit Vorrangfläche gibt, dieser aber seine Ausschlusswirkung nicht mehr entfaltet.“ Somit wären aus seiner Sicht Windkraftanlagen auch an anderer Stelle zu genehmigen. Die seit Februar laufenden Kosten für die Erhebung der Flora und Fauna im Projektgebiet beziffert Müller in einer Größenordnung von 150 000 bis 250 000 Euro.

Peter Beck hat mit seinem Büro und zwischenzeitlich zehn Mitarbeitern seit Februar die Bestandserhebung der Tier- und Pflanzenwelt in dem Waldstück organisiert. Schon zu Beginn im Februar hatte Beck im SÜDKURIER erklärt, dass seine Arbeit ergebnisoffen sei. Ein wichtiger Teil dieser Arbeit galt zunächst dem Rotmilan. Die Beobachter mussten nicht nur die Horste der Greifvögel finden, sondern auch ihre Flugbahnen und Flugkorridore ermitteln. Beck zu seinen Beobachtungen: „Ich habe noch nie ein Gebiet mit einer derartigen Dichte von Rotmilanen erlebt wie hier.“ Konkret bedeutet diese Feststellung, dass keines der möglichen 18 Windräder mehr als einen Kilometer von einem Horst entfernt stehen würde. Das gesamte Planungsgebiet müsse deswegen als sogenanntes Dichtezentrum der Rotmilane eingestuft werden, weil regelmäßig deutlich mehr als drei besetzte Horste im 3,3-Kilometer-Radius um jeden Windrad-Standort nachzuweisen sind. Die Flugrouten zeigten, dass die Vögel sowohl im Offenland als auch im Waldbereich unterwegs seien. Beck: „Gebiete ohne Überflüge existieren praktisch nicht.“ Bei der Voruntersuchung 2014 seien nur die leicht sichtbaren Horste in den im Frühjahr noch kahlen Laubwäldern, nicht aber die Brutstandorte in den Nadelholzbeständen berücksichtigt worden, erläuterte Beck weiter. Deshalb sei die hohe Zahl der Rotmilan-Paare nicht erkannt worden.

Das sagen Politiker zum Rückzug

  • Arne Zwick, Bürgermeister Meßkirch: Die Nachricht sei wie ein Blitz aus heiterem Himmel gekommen, sagt Zwick. "Als wird den Plan gemacht haben, war es definitiv noch kein Dichtezentrum", sagt er zum Rotmilan. Wobei die Gemeinde das auch weniger intensiv untersucht habe als jetzt Reg.EN. Zwick sieht aktuell keine Verpflichtung, jetzt eine neue Fläche auszuweisen. Das sei rechtlich aber noch nicht geklärt. Der Pachtvertrag laufe jetzt ins Leere, Geld wäre ohnehin erst mit Inbetriebnahme geflossen.
  • Armin Reitze, Bürgermeister Leibertingen: "Dass der Rotmilanbestand das komplette Aus für das Projekt bedeutet, war in dieser Form absolut nicht vorherzusehen", sagt Reitze. Er stellt sich die Frage, welche Projekte überhaupt noch möglich sind und wie so die Energiewende gelingen soll. Er bedaure, dass der Windpark nicht entsteht, auch wenn er Bedenken verstehen könne. "Es wäre natürlich schön, wenn wir die Einnahmen gehabt hätten." Zum Gelände sagt er: "Rein praktisch ändert sich im Moment gar nichts", die Fläche werde weiter land- und forstwirtschaftlich genutzt.
  • Armin Beck, Gemeinderat und Mitglied der Bürgerinitiative gegen Windkraft: Noch ist Beck überrascht und skeptisch. Anders als in der Vergangenheit wolle man jetzt aber nicht von dem Bürgerbegehren absehen, sondern dass die Gemeinde sich vom Nutzungsvertrag löst. "Man weiß nicht, was kommt, und wie sich die Technik der Windräder entwickelt." (isa)

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