Meßkirch Martin Heidegger und die Nazi-Debatte zieht an dessen Geburtsstadt Meßkirch vorbei

Martin Heideggers Neffe erinnert sich. Die Nazi-Debatte zieht an Meßkirch komplett vorbei

Über den Philosophen Martin Heidegger ist in den vergangenen Tagen und Wochen viel geschrieben worden. Seit dem Bekanntwerden der Schwarzen Hefte (Tagebücher 1931 bis 1975) sehen ihn Kritiker noch näher am Zipfel des NS- Regimes als bisher. Er sei überzeugter Antisemit und Befürworter des Eroberungskrieges gewesen, heißt es über den deutschen Meisterdenker. Schon werden Stimmen laut, die seinen Namen aus der Benennung von Straßen oder Lehrstühlen tilgen wollen. Nur an Meßkirch, der Geburtsstadt des Professors, zieht der akademische Sturm vorbei. Heidegger zählt dort nach wie vor zu den titanischen Größen. Er gehört zum Ort wie das kantige Grafen-Schloss oder die Katzenzunft, die an Fasnacht den Ernst des Geniewinkels aufhellt.

Wer über Martin Heidegger und Meßkirch etwas erfahren will, sucht am besten seinen Neffen Heinrich auf. Dieser führt die Tradition dieser Familie am Stammsitz fort, auch wenn er einen anderen Beruf eingeschlagen hat. Der heute 87-Jährige hat sich für das Priesteramt entschieden und war bis 1994 katholischer Pfarrer. Bis heute liest er Messen und fährt segnend durch die Lande, wenn er angefordert wird. Der Pensionär ist noch rüstig. Sein gut motorisierter Golf GTI hilft ihm auf die Dörfer im Fleckviehgäu.

Der Geistliche empfängt den Besucher im Elternhaus. Kleines Heim, braune Schindeln. Im Arbeitszimmer ist es wohlig warm, hier hat Heinrich Heidegger schon viele Predigten geschrieben. Neben der Lektüre, die man in einer katholischen Studierstube erwartet, steht ein separates Regal mit Werken seines Onkels Martin. Der Neffe hat alle gelesen. Er kennt die eigentümliche Sprache des Ahns, in die man sich erst einfinden muss. Heinrich weiß um die Schwarzen Hefte, lange bevor sie 2014 für Aufmerksamkeit sorgten. "Die Hefte lagen damals herum, ich habe darin gelesen", sagt er, mehr nebenbei.

Detail am Rande: Sein Vater Fritz hat während des Kriegs zahlreiche Manuskripte des Philosophen auf der Schreibmaschine kopiert – im kleinen Haus mit den braunen Schindeln. Der Denker fürchtete damals um sein Werk, das er der Nachwelt unbedingt erhalten wollte. Bescheiden war er nicht. Die arbeitsintensive Episode zeigt auch, wie eng das Verhältnis beider Brüder war. Fritz, zeitlebens Angestellter der örtlichen Volksbank, galt als ebenso heller Kopf wie Martin. Bei mancher Abschrift soll er sanft geglättet haben.

Der Philosoph, ein Familienmensch

Zur Vergangenheit hat Heinrich Heidegger ein unkompliziertes Verhältnis. Natürlich verfolgt er die Debatten um seinen Oheim. Er studiert die Feuilletons und beobachtet die Windungen alter Heidegger-Schüler. Doch für ihn bleibt der Denker der Onkel – nicht der Antisemit. Davon will er nichts hören.

Er packt Familienbilder aus. "Mein Onkel war ein Familienmensch", sagt er und zeigt auf das Foto seiner Primiz – die erste Messe, die er als junger Priester feierte. Onkel Martin war dabei und hielt die Tischrede. Andere Bilder zeigen ihn mit Bruder Fritz auf dem Heuberg, dann beim Spazieren in Meßkirch. Der berühmte Mann war Heimatfreund; einer, der sein Leben überwiegend in Süddeutschland verbrachte. Die Universität in Freiburg, die Hütte im Schwarzwald, das Elternhaus in Meßkirch: So klein war die Welt des Mannes mit den riesigen Denkräumen.

Sein Neffe Heinrich redet darüber mit der Grandezza des pensionierten Pfarrers. Im Gegensatz zu anderen Mitgliedern berühmter Familien macht er sich keinen Stress mit der Verwandtschaft. Er ehrt seinen Vater Fritz und verehrt den Philosophen-Onkel mit dem geheimnisvollen Raunen. Die Diskussionen kennt er auswendig. Alle zehn Jahre brandet die Frage auf, wie stark Martin H. im NS-Regime verhaftet war. Der Neffe winkt ab. Für Denkmalsturz ist er gar nicht zu haben. Er sagt schlicht: "Irgendwann wird es langweilig."

Eine Familie im Geniewinkel

Meßkirch: Der Philosoph Martin Heidegger (1889-1976) hat seine Heimat weltweit berühmt gemacht. Bis heute begegnet man dort seinem Namen. Im Philosophenturm oberhalb des Schlosses wollte der Gelehrte seine Bücher einlagern. Wichtig auch das Mesnerhaus gegenüber der Kirche: Der Vater von Martin und seinem Bruder Fritz war Mesner, das Mesnerhaus war also Dienstwohnung und Elternhaus des Philosophen.

Geniewinkel ist eine freundliche Bezeichnung für die Region Meßkirch. Die Stadt wirbt damit, dass die Region als Talentschuppen funktionierte. Neben den Heideggers stammen der Prediger Abraham a Sancta Clara, der Musiker Conradin Kreutzer oder der Maler Meister von Meßkirch von dort.

 

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