Eigentlich kennt doch jeder die Geschichte von Schneewittchen. Kann man mit diesem Märchen überhaupt noch ein Kind ansprechen? Ob „man“ es kann, bleibt offen, einer kann es: Wolfgang Kauter vom Figurentheater Kauter & Sauter. Der Künstler aus St. Johann gastierte am Dienstag im Rahmen des Kinderferienprogramms im Schlosshof. 40 Minuten lang zog der Künstler die Zuschauer aus allen Altersklassen in den Bann der packend erzählten Geschichte. Natürlich ist ein einzelner Mensch völlig überfordert, die Geschichte der verstoßenen Königstochter zu erzählen. Da braucht es kräftige Unterstützung aus dem Publikum. Er braucht einen Jäger, einen Hofkapellmeister und vor allem Zwerge.
Wer Wolfgang Kauter so lustig auf der Bühne agierend erlebte, konnte kaum erahnen, welche persönliche Tragödie sich dahinter verbirgt. Der Künstler war 25 Jahre lang mit seiner Frau Marianne Sauter mit dem Figurentheater unterwegs. Seine Frau erlag erst vor Monaten einem Krebsleiden. Jetzt steht Wolfgang Kauter alleine vor dem Publikum. Von diesem persönlichen Hintergrund bekamen die Zuschauer in Meßkirch nichts mit.
Wie gesagt, zu Schneewittchen gehören Zwerge. Bei deren Auswahl war Kauter nicht zimperlich. Er wählte sich fünf Kinder aus und dann noch einen Erwachsenen. Gilbert-Paul Schweikhart ist ein großer stämmiger Mann. Doch kaum hatte er die Zipfelmütze auf, war er auf einmal ein Zwerg. Die 13 Jahre alte Magdalena Lauer verkörperte einen der anderen Zwerge. Sie meinte genauso wie ihre Mitzwergin Selina Wieser (10), dass das Mitspielen einfach „toll“ gewesen sei. Eine ganz neue Erfahrung machte Luis Linsemann. Der siebenjährige Meßkircher war auch einer der Zwerge und meinte nach seinem Auftritt: „Man fühlt sich als Zwerg so klein!“
Kauter versteht es meisterhaft, die kindliche Fantasie zu wecken und sie in das Spiel einzubinden. Die einzig sichtbare Requisite der „Zwerge“ waren die obligatorischen Zipfelmützen. Ihre Werkzeuge und das Bergwerk bekamen aber in der Vorstellungswelt der Betrachter ganz reale Züge. Der eine Zwerg legte die Lunte, der andere deponierte den Sprengstoff, der nächste schüttete Wasser auf die qualmende Stelle nach der Explosion. Die schönste Aufgabe hatte jener Zwerg, der die nach der Sprengung freiliegenden Edelsteine aufsammeln und in seinen Sack legen durfte. Wie viel die Fantasie ausmacht, konnte auch Stephanie Miller erleben. Dis Schülerin meldete sich spontan, als Wolfgang Kauter nach einem Jäger suchte. Viele Finger gingen daraufhin in die Luft und die Wahl fiel auf die Neunjährige. Die Jägerin bekam einen Hut. Das Gewehr gab es nur in Form eines „Luftgewehrs“, aber das Schießen klappt auch so, wenn man „Peng“ zur entsprechenden Handbewegung sagt.
Zu dem Märchen gehört natürlich die böse Königin, die Schneewittchen ermorden möchte. Das Mädchen ist nämlich schöner als sie und das kann die eitle Königin überhaupt nicht akzeptieren. Sie wurde bei dem Spiel nicht von einer Person oder Puppe dargestellt, sondern von einem Kleiderständer mit übergehängtem Mantel und einer Maske, die das Gesicht darstellte. Die beiden Hauptpersonen des Stückes, Schneewittchen und der Prinz, waren dann tatsächlich Puppen. Diese Puppen entstehen in der Holzwerkstatt des Theatermachers. Er berichtet im SÜDKURIER-Gespräch: „Die Gesichter der Puppen schnitze ich selbst aus Lindenholz.“
Die 40 Märchenminuten waren im Nu vorbei. Schade nur, dass so viele Stühle im Meßkircher Schlosshof leer geblieben waren.
