Meßkirch Auf dem Campus Galli darf gerne mit angepackt werden

Dass Besucher kommen würden, stand außer Frage. Aber dass es am ersten Sonntag der zweiten Saison auf der Klosterstadt-Baustelle im südlichen Landkreis Sigmaringen dann gleich 1500 waren, stimmte die Macher des Klosterstadtvereins, der die Mittelalter-Bauelle betreibt, euphorisch. „Das ist unser bisheriger Besucherrekord“, freute sich so Bert M. Geurten, Vorsitzender des Vereins, nachdem er am Nachmittag wegen des Andrangs eine zweite Kasse hatte öffnen müssen.

Auf dem Campus Galli bei Meßkirch soll der im frühen Mittelalter auf der Insel Reichenau gezeichnet Klosterstadt-Plan erbaut werden, der bis heute in der St. Galler Stiftsbibliothek verwahrt wird. Die Bauzeit soll 40 Jahre betragen, denn gebaut werden soll ausschließlich mit den Methoden des Mittelalters.
 

Am Abend vor dem gestrigen Eröffnungssonntag hatte Barbara Schedl von der Universität Wien ihr neues Buch „Der Plan von St. Gallen“ bei einem Empfang im Meßkircher Schloss vorgestellt und die Entstehung des Klosterstadtplans als das Produkt eines mehrjährigen Diskussionsprozesses zwischen der Reichenauer Mönchsgemeinschaft und dem Kloster St. Gallen interpretiert. „Sehr mutig“ sei es, sagte sie, den Plan zu realisieren. Denn weder sei etwas bekannt über die Stärke der Mauern noch über die Dachkonstruktionen „Es ist ein Experiment.“ Um dieses Geschichts- und Architektur-Experiment nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft zu begleiten, ist für die Klosterstadt ein wissenschaftlicher Beirat gewählt worden, der den jährlichen Baufortschritt begleitet und in dem Fachfragen diskutiert werden. Als erste größere Gebäude sollen so in diesem Jahr eine Holzkirche mit Steinfundament auf dem Gelände entstehen sowie eine Scheune, in der beispielsweise Schulklassen auch bei Regenwetter ein trockenes Plätzchen finden sollen, um in die Welt der experimentellen Archäologie einzutauchen.

Die Zielvorgaben für diese zweite Saison der Klosterstadtbaustelle sind indes ambitioniert. Auf Grundlage eines Gutachtens rechnet Meßkirchs Bürgermeister Arne Zwick mit 44 000 Besuchern in dieser Saison, die bis zum 2. November geht. Schulen sind dabei neben Busreisen ein wichtiger Baustein. Deshalb wurde zur zweiten Saison auch ein Programm für Kinder und Jugendliche auf die Beine gestellt. Darin können Ziegel gebrannt und Bäume gefällt werden. Es darf geschmiedet, geflechtet und im Wald bei der Arbeit mitangepackt werden. Am zweiten Öffnungstag in der vergangenen Woche sei schon eine Schülergruppe aus Salem vor Ort gewesen, freut sich eine Mitarbeiterin der Meßkircher Touristinformation. Alle anderen Besucher können sich auf dem Campus Galli-Gelände auf einen Rundgang mit 21 Stationen begeben und dort beispielsweise Korbmachern, Töpfern, Imkern, Steinmetzen oder Schreinern bei der Arbeit über die Schulter sehen und mit ihnen über mittelalterliche Handwerkstechniken ins Gespräch kommen. Neu hinzugekommen ist in diesem Jahr auch eine Färberstation.

Meßkirchs Bürgermeister Arne Zwick hatte die Klosterstadtbaustelle bei der Abendveranstaltung am Samstag als Projekt beschrieben, das aus der Zeit fällt. Denn wie soll ein auf 40 Jahre angelegtes Vorhaben, bei dem der Schwerpunkt auf dem Bauen und nicht auf dem Fertigwerden liegt, in einer Zeit erklärt werden, in der Investoren einen großflächigen Supermarkt in sechsmonatiger Projektzeit hochziehen. Dabei gebe es auf dem im Vorjahr gestarteten Campus Galli noch vielfältige Probleme zu bewältigen und immer wieder müsse die Klosterstadtbaustelle erklärt werden. Doch an die Adresse von denen gewandt, die das mit öffentlichen Geldern angeschobene Experiment kritisieren, stellte er fast schon trotzig fest: „Die, die am meisten maulen, waren noch nie dort.“

 

Die Klosterstadt

Der Klosterstadtplan aus dem 9. Jahrhundert gilt als eine Art Vorschlag, wie ein ideales Kloster auszusehen hat.
Er blieb ein Idealplan, der bis zum Start der Meßkircher Klosterstadtbaustelle nie versucht worden war, in seiner Gesamtheit zu realisieren. Der Plan zeigt Grundrissdarstellungen von 52 Gebäuden und enthält 333 erklärende Beischriften. Er beinhaltet unter anderem eine Klosterkirche, Schlafsäle, Speissaal, einen Krankenbereich, Gärten sowie Handwerksbetriebe. „In Gestalt einer Klosterstadt wird ‚Campus Galli' die Welt der Mönche in der Karolingerzeit wiederbeleben, jenes Zeitalter, das mit seiner kulturellen Blüte die geistigen Grundlagen Europas geschaffen hat“, schreibt Ernst Tremp, früherer Stiftsbibliothekar von St. Gallen, im Klosterstadtführer. (mos)

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