„Es geht im Raumordnungsverfahren also nicht um Rohstoffsicherung, sondern um Profitsicherung für die Kiesindustrie!“ Klar bringen die Mitglieder des Vereins „Lebenswertes Göggingen und Umgebung“ ihre Einschätzung der geplanten Erweiterung der Kiesabbauflächen in ihrer Heimat auf den Punkt. Ihre Sorgen haben sie in einem Brief formuliert, der auch an Ministerpräsident Winfried Kretschmann verschickt wurde. Weitere Adressaten sind das Staatsministerium, das Umweltministerium, regionale Bundestagsabgeordneten sowie alle Vorsitzenden der Landtagsfraktionen. Der Brief an Kretschmann ist an die Privatadresse in seinem Wohnort Laiz adressiert, das nur wenige Kilometer von Göggingen entfernt ist. Im Gespräch mit dem SÜDKURIER machen die Initiatoren mehrfach deutlich, dass sie in ihrem Kampf gegen die weitere „Ausbeutung ihrer Heimat“ durch die Kiesfirmen nicht nachlassen werden.
„Seit Jahrzehnten sind die Bürger sehr stark durch den Kiesabbau belastet“, klagen die Unterzeichner, dass die Landschaft schon mit zahlreichen ausgebeuteten „Mondlandschaften“ übersät sei. Trotzdem hätten nun die vier ansässigen Kiesfirmen in einem neuen Raumordnungsverfahren (ROF) rund 120 Hektar weitere Flächen für den Abbau beantragt, die sich teilweise in unmittelbarer Ortsnähe befänden. Bei einer Unterschriftenaktion hätten sich zwei Drittel der Gögginger gegen dieses Vorhaben ausgesprochen, vor allem gegen den Kiesabbau im ortsnahen Offenland. Trotz dieses eindeutigen Votums sei die Bevölkerung bereit, den Abbau in zwei großen Gebieten zu tolerieren, die sich 1,5 Kilometer außerhalb im Wald befänden.
Lobend weisen die Briefeschreiber auf die verschiedenen Bürgerforen hin, an denen neben den Betroffenen, Kommunalpolitiker, Behördenvertretern sich auch Vertreter der Kiesindustrie beteiligten. „Die Kiesfirmen ignorieren dieses Bürgervotum“, erklären die Vereinsmitglieder enttäuscht dem Stuttgarter Regierungschef, dass große Kiesmengen in die grenznahe Schweiz transportiert würden. Täglich würden aus Baden-Württemberg 600 Lastwagen ihre Fracht außer Landes bringen und so den Rohstoff „Kies“ für die Schweiz sichern, lautet der Vorwurf.
„Stark steigender Kiesexport heißt für uns noch mehr Schwerlastverkehr, Lärm, Staub und Flächenverbrauch“, wird in dem Brief auf die Folgen für die Bevölkerung sowie auf die Ressourcenvergeudung hingewiesen. „Kann Ihnen als gewählter Vertreter des Volkes dieser Raubbau an der Natur egal sein?“, wird Winfried Kretschmann gefragt.
„Wir sind auf die Antwort gespannt“, hoffen die Gögginger auf eine baldige Reaktion der Politik. Schon vor einem Jahr hatten sie in einem achtseitigen Schreiben Lokal- und Landespolitiker über die ihre Situation informiert, allerdings ohne wenig Resonanz. Nur der Erste Landesbeamte Rolf Vögtle und Ursula Voelkel, Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen nahmen sich die Zeit und informierten sich vor Ort.
Nach Angaben des Vereinsvorsitzenden Rainer Ohmacht ist in Bälde eine Begehung des Areals mit Behördenvertretern und Lokalpolitikern geplant. Denn immer mehr Gutachten, die im Rahmen des Raumordnungsverfahrens erstellt werden, sind fertig gestellt und werden im Regierungspräsidium Tübingen ausgewertet. Vielleicht erhalten die Bürger dann von den vier Kiesfirmen Informationen über die geplanten Abbaumengen sowie die Zeiträume. In einer Informationsveranstaltung in der „Linde“ vor einigen Monaten (der SÜDKURIER berichtete) hatte ein Unternehmensvertreter eine Folie mit entsprechenden Zahlen präsentiert. Als die Bürgerinitiative später um Übersendung der Präsentation bat, wurde diesem Wunsch problemlos entsprochen, wobei exakt diese Folie aber fehlte. „Ist das die versprochene Transparenz?“, fragen sich Rainer Ohmacht und seine Mitstreiter.
