Alles im Griff auf dem sinkenden Schiff“ – mit dieser Parole stürmten am Donnerstagmorgen Abordnungen der Narrengruppen aus Herdwangen, Großschönach, Großstadelhofen und Aftholderberg das Herdwanger Rathaus. Um fünf in der Früh waren die „Schneller“ im Ort unterwegs, um das Spektakel per Peitschenschlag zu eröffnen. Zweistellige Minusgrade verlangten den Narrengruppen, die in der Kälte vor der Bundschuhhalle auf das Angriffssignal warteten, einiges ab. Manch einer zückte das Schnapsfläschchen, doch die meisten zogen ein Heißgetränk aus dem Dorfladen vor.
Angeführt von den Herdwanger Hedos enterten Zehntfuxer, Piraten, Zimmermänner, Dreizipfelritter, Berggeister und Apfelweible, aber auch viele fantasievoll verkleidete Feierlustige kurz nach neun Uhr den Narrenkeller im Herdwanger Rathaus. Unterstützt vom Blechalarm der Guggenmusik klatschte und sang sich der Narrensturm auf Betriebs-Temperatur. „Dieser Schmotziga Dunschtig ist besonders, denn heut' gibt unser Lothar den Schlüssel zum letzten Mal ab“, eröffnete Elferrat Andreas Erdmann den Reigen der Narrenreden. Verkleidet als Banker, die Taschen voller Scheine der Narren-Währung, präsentierten sich die Elferräte der Eselohren passend zur wirtschaftlichen Misere. Doch nicht nur die war Thema der Narren-Barden. Auch Lothar Riebsamens Wechsel auf die große politische Bühne wurde in Reimen kommentiert. Im Wechsel mit Hubert Baur warnte Erdmann den Bürgermeister davor, die Herdwanger Lebenslust gegen den Berliner Politikerfrust einzutauschen. Mit Augenzwinkern und erhobenem pädagogischem Zeigefinger lasen sie ihre Schelte vom Blatt ab, ohne eines vor den Mund zu nehmen.
„Doch wenn du monsch, du bisch zu höherem berufa, denn steig se halt nuf dia Kanzlerstufen.“ So erhielt Riebsamen letztlich doch den Segen der Eselohren. Werner Möhrle mahnte gar nicht ritterlich, dass vor lauter Terminhatz für Wahlkreis und Bund die Gemeindepolitik zu kurz käme. Versöhnlich stimmte den Vorstand der Dreizipfelritter lediglich, dass der Gemeinde für die 18 Amtsjahre des scheidenden Bürgermeisters die doppelte Abwrackprämie zustände.
Die Aftholderberger Narren sorgten sich in Ihrem Vortrag um das Wohl von Ellen Riebsamen. Sie würde vom baldigen Neuberliner die Woche über einsam in Herdwangen zurück gelassen. Um Depressionen und einer Flucht in den Alkohol vorzubeugen, sei Beschäftigung das rechte Mittel. So wurde die baldige Herdwanger Ex-First Lady mit guten Ratschlägen, Schulterklopfern und dem nötigen Handwerkszeug für eine ausgefüllte Strohwitwen-Woche versorgt.
Kapitän Lothar Riebsamen und seine Rathaus-Crew zeigten einmal mehr, dass sie Schelte und Spaß humoristisch zu nehmen wissen. Riebsamen bedankte sich für Wünsche und Warnungen, lies aber auch keinen Zweifel daran aufkommen, dass er keineswegs vorhabe, Schiffbruch zu erleiden. Mit einem Präsent an die Narrengruppen zeigte er, wie viel ihm daran liegt, dass sie weiterhin „beschirmt“ durch die kommenden Narrenjahre marschieren.
Agathe Paglia