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Eigeltingen Wenn Täter aus dem Chatroom zugreifen

27.11.2008
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Chatten ist angesagt – vor allem bei Jugendlichen. Doch mit wem sie im Chatroom Kontakt aufnehmen, wissen sie oft nicht. Wie neulich ein Mädchen, das im Chat ihren späteren Vergewaltiger tarf, einen Mann aus Eigeltingen.

Am 15. Dezember steht ein Mann aus Eigeltingen vor dem Landgericht Konstanz, der eine 14-jähriges Mädchen vergewaltigt haben soll, das er zuvor im Chatroom kennen gelernt hat. Der SÜDKURIER sprach mit Jürgen Harder von der Polizeidirektion Konstanz über die Gefahren und was Jugendliche und Eltern tun können.

Herr Harder, wie viel kriminelle Energie gehört dazu, sich im Chatroom unter Vortäuschung falscher Tatsachen an ein junges Mädchen heranzumachen, es zu überreden, von zu Hause wegzulaufen, es mit einem Mietwagen in Nordrhein-Westfalen abzuholen und anschließend in einer Wohnung eines Bekannten in Eigeltingen zu vergewaltigen?

Pädokriminelle planen minutiös ihre Tat, vergleichbar mit Wirtschaftskriminellen. Der Fall Eigeltingen ist im Landkreis Konstanz einmalig, wobei es sicher eine hohe Dunkelziffer gibt. Ich gehe davon aus, das der Mann wochenlang, wenn nicht sogar monatelang mit dem Mädchen aus der kleinen Gemeinde in Nordrhein-Westfalen Kontakt hatte. Er hat sich Vertrauen erschlichen, Streitigkeiten mit ihren Eltern ausgenutzt. Zum Schluss war er für das Mädchen kein Fremder mehr.

Wie viele Männer versuchen über den Chatroom mit Jugendlichen Kontakt aufzunehmen?

Das ist ein Massenphänomen. 95 Prozent der 12- bis 19-Jährigen verfügen über einen Internetzugang. Das große Problem im Chat ist, dass die Jugendlichen nicht wissen, wer am anderen Ende sitzt. Die Männer eignen sich die Chat-Sprache an und geben sich als attraktive Gesprächspartner. Wir haben während einer Veranstaltung mal einen Live-Chat-Versuch gestartet. Jemand hat sich als 12-Jährige in einem Chatroom ausgegeben und erhielt nach wenigen Minuten eindeutige Angebote. Etwa zehn Chatpartner stellten Fragen wie: Wie siehst du aus? Was hast du an? Hast du schon Sex gehabt? Kinder und Jugendliche, die das erlebt haben, sagen ihren Eltern meist nichts, weil sie Angst haben, dass ihre Eltern ihnen das Chatten verbieten.

Was veranlasst ein 14-jähriges Mädchen, sich mit einem wildfremden Menschen aus dem Chat zu treffen?

Der Chatroom als Kontaktbörse ist gerade darauf angelegt, Bekanntschaften zu machen, neue Freunde kennen zu lernen. Gerade darin besteht die besondere Attraktivität dieses Mediums. Neugierde, Aufregung, vieles hängt auch mit der Pubertät zusammen. Vor allem junge Mädchen halten sich im Chat auf. Sie können hier Dialoge führen, die sie sich im realen Leben vielleicht nicht trauen würden. Manche werden auch mit Geld und Geschenken gelockt.

Wenn die Mädchen tatsächlich ein Treffen ausmachen, was sollten sie unbedingt beachten?

Besser ist es natürlich, sich mit unbekannten Personen nicht zu treffen. Doch nicht alle halten sich daran. Also raten wir von der Polizei: trefft euch an öffentlichen Plätzen, geht niemals alleine dort hin, informiert eure Eltern und hinterlegt einen Umschlag für den Notfall, in dem euer Nickname und der Name des Chatrooms und Passwörter stehen. Und bleibt von Autos weg. Das zeigt der Fall Eigeltingen deutlich. Das Mädchen war verdutzt über das wahre Aussehen des über 50-jährigen Mannes. Er hatte vorgetäuscht, er sei jung und gut aussehend. Die Mädchen werden dann meist argumentativ überrumpelt oder auch, wie im Fall Eigeltingen, mit körperlicher Gewalt ins Auto gezogen.

Sind die Jugendlichen zu wenig über die Gefahren aufgeklärt?

Absolut. Ihnen ist oft nicht klar, dass sie nur einen Wimpernschlag von der Realität entfernt sind. Das fängt mit der Auswahl eines vernünftigen Nicknames an. Auch sollten sie keine Daten preisgeben, die etwas über ihre wahre Identität verraten. Keine Telefonnummern, keinen Wohnort, keine Straße und keine Bilder. Im Grunde sollten Kinder bereits in der Grundschule für Gefahren sensibilisiert werden. Ideal wäre Medienkompetenz als Unterrichtsfach. Aufklärung findet derzeit an Schule unterrichtsbegleitend statt und ist oft abhängig vom Einzelengagement der Lehrer bzw. vom Leitbild der Einzelschule.

Was können Eltern tun?

Eltern sollten sich dafür interessieren, mit was sich die Kinder am Computer beschäftigen. Sie wollen ja auch wissen, wo sich die Kinder rumtreiben und mit wem sie sich abgeben. Den Internet-Zugang zu verbieten, hilft nicht weiter. Dann chatten die Jugendlichen anderswo. Bildschirmmedien im Kinderzimmer sollten grundsätzlich bis zum 14. Lebensjahr kritisch hinterfragt werden. Mit der Verfügbarkeit steigt nicht nur die Konsumdauer, sondern auch der Konsum „illegaler Inhalte“ wie Pornografie oder Gewaltvideos. Eltern sollten sich Zeit nehmen. Sie sollten mit ihren Kindern im Gespräch bleiben. Denn jedes Kind hält die multimediale Welt in seinen Händen. Eine Herausforderung, die die Gesellschaft noch nicht ausreichend erkannt hat.

 

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