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Stockach-Wahlwies/Radolfzell Vom Kinderdorf in die Praxis

Tashe Thaktsang hat heute seine Praxis in Radolfzell. Früher hat er in einer Wahlwieser Einrichtung gelebt. Hier berichtet der Allgemeinmediziner von seinen Erfahrungen.

Tashe Thaktsang ist heute Allgemeinmediziner mit Praxis in der Radolfzeller Innenstadt. Begonnen hat sein Lebensweg in Deutschland mit mehreren Jahren im heutigen Pestalozzi Kinder- und Jugenddorf in Wahlwies. Ende März 1963 sei er dort mit einer Gruppe aus 13 Kindern und drei Erwachsenen angekommen, erinnert er sich heute – vier Jahre nach dem Volksaufstand der Tibeter gegen die kommunistische chinesische Regierung vom 10. März 1959. Zehntausende Tibeter starben, als der Aufstand vom chinesischen Militär niedergeschlagen wurde. Zu denen, die fliehen konnten, zählt auch Thaktsang. 1960, mit neun Jahren, sei er mit seiner Mutter nach Indien gekommen, erzählt er – sein Vater war zu diesem Zeitpunkt bereits im Krieg gegen die Chinesen gefallen.

Mit zwölf anderen tibetischen Kindern und drei Erwachsenen sei er 1963 ins Wahlwieser Kinderdorf gekommen. Die Einrichtung war erst 1947 als Ort für Kriegswaisen und Flüchtlingskinder gegründet worden. Der Schweizer Musikwissenschaftler Erich Fischer und der schlesische Arzt und Landwirt Adalbert Graf von Keyserlingk gründeten im Januar 1947 den Verein „Pestalozzi Siedlung für Kinder“ und schlossen mit der alliierten Verwaltung einen Pachtvertrag über ein verlassenes Gelände in Wahlwies mit zwölf Baracken ab.

Wenn Thaktsang an seine Zeit in Wahlwies zurückdenkt, überwiegt der Eindruck von großer Warmherzigkeit. Dazu gehörte nicht nur, dass die Kinder die tibetische Gruppe mit offenen Armen empfangen und aufgenommen hätten. Auch an die Dorfleitung erinnert er sich als warmherzige Menschen: „Im tibetischen Unterricht in Indien hatten wir vermittelt bekommen, was man buddhistisch als Herzensgüte bezeichnet. Jetzt haben wir es in einem anderen Kulturkreis erlebt.“ Thaktsang bezeichnet das heute als optimale Umgebung für Flüchtlinge. Ein großes Glück für Thaktsang war, dass seine Mutter 1965 ebenfalls nach Wahlwies ziehen konnte. Bis zu ihrem Tod 2001 sei sie dort als Tante Dickyi bekannt gewesen. 1967 wechselte er an die Waldorfschule Uhlandshöhe in Stuttgart, danach folgte das Medizinstudium in Heidelberg. Und: Die Erfahrungen, die die Flüchtlinge aus Tibet im Wahlwieser Kinderdorf gemacht haben, seien auch ein Grund gewesen, dass manche seiner Pflegebrüder und -schwestern die Idee des Kinderdorfes gewissermaßen nach Tibet exportiert haben – und dort Kinderdörfer gründeten, die mitunter deutlich größer seien als das in Wahlwies.

Festprogramm

Das Pestalozzi Kinder- und Jugenddorf im Stockacher Ortsteil Wahlwies feiert in diesem Jahr sein 70-jähriges Bestehen. Den Auftakt des offiziellen Programms macht eine Jubiläumsgala für geladene Gäste am Samstag. Diese Veranstaltung trage sich dadurch, dass Tische für das Abendessen an Firmenpartner verkauft worden seien, erklärt Sabine Freiheit, beim Kinderdorf für Kommunikation zuständig. Auch der Erlös einer Versteigerung komme dem Kinderdorf zugute. Über das ganze restliche Jahr verteilt sind weitere Veranstaltungen geplant, der Großteil davon öffentlich. (eph)

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