Zuflucht in einer Kirche hat am Sonntag ein betrunkener Autofahrer gesucht. Zuvor demolierte er bei einer Verfolgungsjagd mit der Polizei mehrere Autos.
Auch die Flucht in das Hause Gottes rettet Straftäter nicht vor einer Festnahme: Diese Erfahrung hat am Sonntagnachmittag ein betrunkener Autofahrer machen müssen, der sich nach einer wilden Verfolgungsjagd mit der Polizei in der Espasinger Kirche versteckte.
Bis es soweit kam, hielt der 47-Jährige eine Stunde lang ein Großaufgebot der Polizei in Atem. Zehn Fahrzeuge der Bundes- und Landespolizei sowie ein Hubschrauber waren im Einsatz, um den Flüchtenden zu fassen. Er demolierte mit seinem VW Polo auf seiner Fahrt vier Autos und richtete einen Schaden von geschätzten 8000 Euro an, darunter ein Bei seiner Festnahme hatte der Mann 1,1 Promille im Blut.
Die ganze Verfolgungsjagd ins Rollen gebracht hatte ein Einsatzfahrzeug der Polizei: Der 47-Jährige befand sich auf dem Parkplatz an der Autobahnanschlussstelle Stockach-Ost, als er einen sich nähernden Streifenwagen bemerkte. Ohne langes Zögern flüchtete er auf die A 98. Bereits beim Losfahren beschädigte er einen dort geparkten Pkw. An der Ausfahrt Stockach-West verließ er die Autobahn wieder und kollidierte beim Abbiegen auf die Kreisstraße zwischen Wahlwies und Stockach zum zweiten Mal mit einem Pkw, bevor er mit seinem beschädigten Auto auf der B 313 nach Espasingen und von dort in Richtung Ludwigshafen weiterfuhr. Auf dieser Strecke rammte dann der Mann einen Streifenwagen der Stockacher Polizei. Die Polizisten blieben zwar unverletzt, das demolierte Fahrzeug war allerdings nicht mehr einsatzfähig. Darauf fuhr der Flüchtende nach Espasingen zurück und ließ sein Fahrzeug in einer Seitenstraße stehen – nicht ohne zuvor noch den Spiegel eines geparkten Fahrzeuges zu beschädigen.
Dass sich der 47-Jährige ausgerechnet für die Kirche in Espasingen als Zufluchtsort entschied, war offenbar Zufall. Gerhard Waibel, Dienstgruppenleiter beim Polizeirevier Stockach, war bei der Fahndung am Sonntag dabei. Ziel- und planlos sei der Mann durch einige Espasinger Gärten geflüchtet, bevor er in der Espasinger Kirche verschwunden sei. Thea Schnell, Mesmerin der Espasinger Pfarrei St. Nikolaus, ist es zu verdanken, dass der Mann dort gefasst werden konnte. Ihr Sohn hatte sie auf die Fahndung der Polizei aufmerksam gemacht. Kurz darauf sei ihr eine Person aufgefallen, die sich erst mit ihren Händen die Kleidung sauber klopfte und dann die Kirche betrat. Sie gab der Polizei den Tipp, in der Kirche zu suchen. Nach dem Hinweis der Mesmerin nahmen die Beamten über dessen Schwester schließlich mit dem flüchtenden Mann Kontakt auf. Sie konnte ihren Bruder übers Handy erreichen, die anschließende Festnahme in der Kirche verlief dann reibungslos.
Dass die Festnahme in der Kirche stattfand, stellt für Dienstgruppenleiter Gerhard Waibel kein rechtliches Problem dar. Bei einer Verfolgung auf frischer Tat sei die Kirche wie ein anderes, ein öffentliches Gebäude zu betrachten. Dies bestätigt auch Reinhard Wilde, Leiter des Referats Recht der Erzdiözese Freiburg: „Als Schutzraum für einen Verkehrssünder kann die Kirche nicht dienen“, so Wilde. Auch wenn der Würde des Ortes Rechnung getragen werden müsse, so sei die Kirche doch kein rechtsfreier Raum. Im Gegensatz zum Kirchenasyl sei es in einem solchen Fall nicht aktiver Wille der Kirche, Asyl zu gewähren. Somit gebe es auch keine Regeln, die der Polizei eine Festnahme verbieten.
Florian Pflüger