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Stockach Mit Stock und Hut auf Wanderschaft

„Drei Jahre und ein Tag“, antwortet Lucas Sautter auf die Frage, die ihm am Ortsausgangsschild in Reute gestellt wird. Drei Jahre und einen Tag lang darf der Zimmermannsgeselle aus dem kleinen Eigeltinger Teilort nicht näher als 50 Kilometer an sein Heimatdorf herankommen, denn ab jetzt ist er auf der Walz.

Wo liegt Hamburg? In welcher Richtung fließt der Neckar? Eine handgemalte Deutschlandkarte ist Pflicht beim traditionellen Zimmermannsabschied von Lucas Sautter (vorn) aus Reute. Sein Wandergeselle Tilman Flechner ist zuversichtlich: „Wenn er in drei Jahren und einem Tag zurück kommt, kennt er sich ganz genau aus!“
Wo liegt Hamburg? In welcher Richtung fließt der Neckar? Eine handgemalte Deutschlandkarte ist Pflicht beim traditionellen Zimmermannsabschied von Lucas Sautter (vorn) aus Reute. Sein Wandergeselle Tilman Flechner ist zuversichtlich: „Wenn er in drei Jahren und einem Tag zurück kommt, kennt er sich ganz genau aus!“ | Bild: Beate Banck-Sell

In schwarzer Zimmermannskluft, mit schwarzem Hut und gedrehtem Stock wird er auf Wanderschaft gehen. Am Wegrand wartet schon der „Charlottenburger“, ein 80 Quadratzentimeter großes bunt bedrucktes Tuch, in dem das gesamte Hab und Gut des Wandergesellen kunstvoll eingewickelt ist – mehr Gepäck hat er nicht dabei. Familie, Freunde und Nachbarn sind unterhalb der kleinen Kirche versammelt, um den 22-Jährigen in einer traditionellen Zeremonie zu verabschieden.

Mit dabei ist Tilman Flechner, ein Zimmermann aus Meißen, der schon seit vier Jahren unterwegs ist. Der kennt sich gut aus mit den Gepflogenheiten eines zünftigen Abschieds, denn als Mitglied der Handwerkervereinigung „Fremder Freiheitsschacht“ hat er schon mehrere Handwerksgesellen auf der „Tippelei“ begleitet. „So, jetzt erst mal das Loch buddeln“, leitet er Lucas an, der neben dem Ortsschild etwa einen Meter tief graben muss, so lang wie der gedrehte Wanderstock, der „Stenz“ ist. Dort hinein kommt eine Flasche Schnaps und eine zuvor geleerte Weinflasche mit Erinnerungsgaben der Umstehenden, einer selbstgemalten Deutschlandkarte und Notizen von Vorstellungen und Wünschen, die er an seine Wanderschaft hat.

Um neue Orte, Länder und Arbeitspraktiken kennen zu lernen, kann Lucas traditionell für Kost, Logis und Lohn überall arbeiten. Doch bevor es soweit ist, kommt die schwere Bürde des Abschiednehmens. „Ich bin ziemlich aufgeregt“, gesteht Lucas, der jetzt noch über das Ortsausgangsschild drüberklettern muss. Mit der Räuberleiter hochgehievt, sitzt er einige Augenblicke obendrauf, bekommt den Charlottenburger und seinen Stenz hochgereicht, winkt allen zu und springt dann außerhalb der Ortsgrenze hinunter. „Ab jetzt keinen Blick mehr zurück!“, ordnet sein Wanderbruder an. Laut klacken die knorrigen Stöcke auf dem Asphalt, als beide Zimmermannsgesellen die Straße zum Krebsbach hinunter ziehen. Beim Eigeltinger Bürgermeister erbitten sie noch den Siegelstempel für das mitgeführte Wanderbuch, dann sind sie drei Tage lang 50 Kilometer zu Fuß unterwegs. Wohin? Das wissen nur die Beiden.

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