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Stockach In Stockach gibt es schon einen Veggie-Tag

Den Vorschlag der Grünen, einen fleischlosen Tag in der Woche einzuführen, brauchen Stockachs Küchenchefs nicht. Sie kochen schon lange vegetarisch.

Donnerstag soll Veggie-Tag werden: Der Vorschlag der Grünen, einen fleischlosen Tag in Deutschlands Kantinen einzuführen, sorgte vergangene Woche für Kritik. Koalition, Kantinensprecher und Linke sprechen von Bevormundung. Die teils heftigen Diskussionen zeigen, dass die Weltrettung bei vielen beim Rollbraten aufhört. In Stockachs Speisesälen sieht das anders aus: Der Vorschlag der Grünen-Politikerin kommt gut an. Auch, wenn es den gar nicht bräuchte, sagen viele. Denn in den meisten Betrieben und Unternehmen gibt es schon einen Veggie-Day, unabhängig von einem Gesetzesvorschlag.

„Die Diskussion war mehr als notwendig“, sagt Martin Neuhaus, Leiter des Evangelischen Altenpflegeheims Stockach. „Wir sind ein extrem fleischverzehrendes Volk und müssen anfangen, über Alternativen nachzudenken.“ Einen Veggie-Tag könne man gerne einführen, er habe dies allerdings schon lange in seinem Betrieb etabliert. Einmal in der Woche gibt es hier vegetarisch. Eine Alternative, die sowohl bei den Bewohnern als auch bei den Angehörigen gut angenommen werde, so Martin Neuhaus.

Im Pestalozzi Kinder- und Jugenddorf gibt es sogar zwei Veggie-Tage. Der Freitag ist immer fleischlos, heute gibt es Salat, Gemüsespaghetti und Joghurt. Küchenchef Wolfram Wiedenbach bereitet seit 25 Jahren jeden Tag rund 800 Gerichte zu, die auch an Kindergärten und Schulen in der Umgebung geliefert werden. Man könne den Menschen nicht diktieren, was sie essen sollen, sagt er. Aber durch den Vorschlag werde überhaupt wieder diskutiert, wie wir essen. Und das ist einiges: Die Deutschen haben in den vergangenen Jahrzehnten so viel Fleisch wie nie gegessen. Viermal so viel wie in der Mitte des 19. Jahrhunderts. In Zahlen heißt das: 61 Kilogramm Fleisch pro Jahr isst jeder Deutsche im Durchschnitt. Wolfram Wiedenbach sieht nicht den Konsum an sich, sondern die rasante Entwicklung industrieller Massentierhaltung kritisch. „Das müsste man von politischer Seite in Angriff nehmen und verbieten, nicht den Fleischkonsum an sich“, so Wolfgang Wiedenbach.

Ähnlich sieht es auch Birgit Zauner, verantwortlich für Kommunikation und Fundraising im Pestalozzi-Dorf. „Es geht nicht darum, sich vegetarisch zu ernähren. Es geht darum zu verstehen, wo unser Essen herkommt und wie es produziert wird. Welche Wege das Fleisch aus dem Supermarkt teilweise zurücklegt, ist erschreckend.“ Im Pestalozzi Dorf komme das Essen deshalb direkt um die Ecke, vom Demeter-Bio-Bauernhof. Sie fände es sinnvoller, den Kindern vegetarisch kochen beizubringen, zum Beispiel in der Schule.

Bei der Firma ETO in Stockach essen jeden Tag 200 Mitarbeiter in der Kantine. Sie haben die Auswahl zwischen drei Gerichten – eines davon ist immer vegetarisch und wird gut angenommen. Bei einem gänzlich fleischlosen Tag wäre Kantinenbeauftragte Sarah Vogler sich sicher: „Das kommt nicht bei allen gut an. Man muss noch die Wahl haben, selbst zu entscheiden, wie man sich ernährt.“, sagt sie.

Die Firma STS hat zwar keine Kantine, aber mit Brigitte Salfetti eine Entwicklungsleitung, die den Vorschlag der Grünen-Politikerin mittragen würde. „Ich finde das super. Wir essen zu viel Fleisch, das schädlich für uns und unsere Umwelt ist.“ Einen Veggie-Tag vorzuschreiben, sei keine Bevormundung. Aber nötig, sagt Brigitte Salfetti. „Die Menschen brauchen manchmal einen kleinen Schubser, um über ihr Konsumverhalten nachzudenken.“

 

Fleischkonsum in Deutschland

Nach Angaben des „Fleischatlas 2013“ isst ein Deutscher in seinem Leben im Schnitt 1.094 Tiere. Darunter vier ganze Rinder, vier Schafe, zwölf Gänse, 37 Enten, 46 Schweine, 46 Puten und 945 Hühner.

 

 

In Deutschland lag der Fleischkonsum pro Kopf schon im Spätmittelalter hoch: Bei jährlich über 100 Kilogramm.

 

In vielen Religionen steht der Verzehr von Fleisch unter bestimmten Regeln. Im Judentum und Islam beispielsweise gilt Schweinefleisch als unrein und dessen Verzehr ist verboten.

 

Rund 20 Prozent aller menschengemachten Treibhausgas-Emissionen stammen aus der Tierhaltung.

 

Laut der Initiative Veggieday Konstanz würden 11 000 Tonnen CO2 eingespart, wenn alle Konstanzer einen Tag in der Woche auf Fleisch verzichten würden. Das entspricht dem jährlichen CO2 Ausstoß von etwa 6300 Durchschnitts-PKW.

 

Der Sportartikelhersteller Puma hat schon 2009 den Meat-free Monday eingeführt. Siemens hat einmal im Monat den sogenannten Terra-Tag, an dem in den 50 Konzernkantinen vegetarische Gerichte auf dem Speiseplan stehen.

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