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Stockach Flüchtlinge im Raum Stockach: Der enge Wohnungsmarkt erschwert die Integration

Viele Flüchtlinge könnten aus den Gemeinschaftsunterkünften ausziehen, finden aber keine Anschlusswohnungen. Der Helferkreis will Flüchtlinge demnächst schulen, um die Sorgen von Vermietern zu mindern.

Die Freude ist groß, als der erlösende Bescheid des Landratsamts bei dem 17-jährigen Fanar Chiqa und seiner Familie in der Gemeinschaftsunterkunft in Liggersdorf ankommt: Sie dürfen in eine eigene Wohnung ziehen und in Deutschland bleiben. Doch die Freude verwandelt sich schnell in Verzweiflung, denn auf dem ohnehin schwierigen Wohnungsmarkt, haben Flüchtlinge kaum eine Chance. „Die Lage ist desaströs. Die Sprachpaten des Helferkreises suchen für Flüchtlinge oft sehr lange eine Anschlusswohnung“, berichtet Ulrike Stiller, Koordinatorin des Helferkreises Stockach.

Eine der Sprachpatinnen ist Helga Zucs aus Wahlwies. Sie sucht für die irakischen Flüchtlinge aus der Gemeinschaftsunterkunft in Liggersdorf nach Wohnraum. „Es sind drei Ehepaare und zwei ältere Kinder, für die ich seit Januar nun schon Wohnungen suche, aber ich erhalte nur Absagen oder keine Rückmeldung“, sagt Helga Zucs. Immer wieder werde sie gefragt, ob die Flüchtlinge denn auch Arbeit haben. „Sie nehmen erst an dem Integrationskurs teil, um ihre Sprache zu verbessen, bevor sie überhaupt arbeiten dürfen. Aber die Miete zahlt das Jobcenter, weshalb ich die Bedenken nicht nachvollziehen kann“, erklärt Zucs.

Ein Vermieter habe sogar schon zu ihr gesagt, das könne er den anderen Mietern nicht antun, sagt Zucs. Ulrike Stiller geht dabei von Einzelfällen aus. „Es ist einfach generell für alle eine schwere Wohnungslage hier im Gebiet. Fremdenhass ist eher nicht der Grund für die vielen Absagen“, vermutet Stiller. Bei vielen Vermietern bestehe die Sorge, dass es zu einem Verständigungsproblem komme. „Deswegen telefonieren wir als Sprachpaten mit den Vermietern, da es sonst gerade am Telefon schwierig ist zu kommunizieren“, so Stiller. Sechs Wochen nach dem Eintreffen des Bescheids müssen die Flüchtlinge eigentlich aus der Gemeinschaftsunterkunft ausgezogen sein. „Das ist unrealistisch. Viele suchen fast ein Jahr“, sagt Ulrike Stiller. Der 17-jährige Fanar ist immer wieder enttäuscht, wenn er von Absagen hört. „Ich würde gerne ausziehen. Ich teile mir mein Zimmer und es ist sehr schwer, zu lernen“, sagt Fanar, der jeden Tag nach Konstanz in die Schule fährt. In wenigen Wochen legt er die Hauptschulprüfung zusammen mit deutschen Schülern ab. Helga Zucs sucht weiterhin nach Wohnungen, aber die Suche wird schwieriger. „Viele Wohnungsangebote sind nur noch Chiffreanzeigen. Dort erhalte ich nie eine Antwort. Am Telefon habe ich das Gefühl, sie erzählen mir nur Ausreden“, sagt Zucs. Johanna Bahr wohnt bei Helga Zucs im Haus und engagiert sich ebenfalls als Sprachpatin. Sie vermutet, dass viele Vermieter Berührungsängste haben. „Viele, die bisher keinen Kontakt hatten mit Flüchtlingen, haben Ängste. Flüchtlinge kommen aus einer anderen Kultur und das verunsichert manche Vermieter“, sagt Bahr.

Um die Sorgen der Vermieter zu mindern, bietet der Helferkreis im Juli Schulungen für Flüchtlinge an. Dort lernen sie Mietrecht und Mietpflichten. „Wir zeigen beispielsweise, wie Mülltrennung funktioniert, wie die Wohnung geputzt werden muss und erklären, was eine Kehrwoche ist“, sagt Stiller. Am Ende der Schulung erhalten die Flüchtlinge ein Zertifikat, das Vermietern die Bedenken nehmen soll. „Das finde ich wichtig. Dinge wie Mülltrennung muss man lernen. Auch das gehört zur Integration“, sagt Bahr. Der Helferkreis erhofft sich dadurch mehr Erfolg.

Helferkreis

Der Helferkreis Stockach besteht aus freiwilligen Helfern, die sich für die Integration von Flüchtlingen engagieren. Als Sprachpaten kümmern sie sich um Personen oder Familien aus Gemeinschaftsunterkünften. Dabei helfen sie ihnen besonders in Behördenangelegenheiten und bei der Wohnungssuche. Auch die Kommunikation auf Deutsch soll durch die Sprachpatenschaft verbessert werden. Sonia Steidle kümmert sich um die Vermittlung von Sprachpaten (Kontakt: soniasteidle@t-online.de). Kontakt zur Familie von Fanar Chiqa ist über Johanna Bahr möglich unter der E-Mail johanna-bahr@gmx.de. (lem)

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