Stockach Baugenossenschaft Stockach: Dieter Fritz nimmt nach 52 Jahren offiziell Abschied

Mit Dieter Fritz geht ein Urgestein von Bord. Er bleibt allerdings Berater und wurde bei der Mitgliederversammlung zum Ehrenvorstand ernannt. Die Genossenschaft wächst und baut derweil weiter.

Nun ist er also auch offiziell weg – zumindest fast: Dieter Fritz, der 52 Jahre lang als Geschäftsführer und geschäftsführender Vorstand an der Spitze der Stockacher Baugenossenschaft stand, wurde bei der Mitgliederversammlung offiziell aus dem Amt verabschiedet. Bereits zum Jahreswechsel hat er den Vorstandsposten aufgegeben. Seitdem ist sein Nachfolger Roland Mathis alleine Geschäftsführer, nachdem beide seit Oktober zunächst zusammen gearbeitet haben. So ganz weg ist Fritz aber dann doch nicht: Er bleibt weiterhin Berater und wurde bei der Mitgliederversammlung zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Die mehr als 100 Mitglieder und Besucher, die bei der Versammlung im Bürgerhaus Adler Post dabei waren, spendeten stehend Applaus. "Es war überwältigend", sagt der so Geehrte am Morgen danach – auch wenn er sich das nicht unbedingt anmerken ließ. Zahlreiche Ehrungen wie die Bürgermedaille der Stadt in Gold oder das Bundesverdienstkreuz hat er bereits – da hat er schon Übung.

Aus mehr als einem halben Jahrhundert Wohnungsvermietung in Stockach kann Fritz manch eine Geschichte erzählen. Zum Beispiel die von einem Mann, der alleine in einer Wohnung geblieben sei, nachdem seine Frau und ihr Kind in ein Frauenhaus gezogen seien – des prügelnden Mannes wegen. Nur: Der Mann hat nie einen Mietvertrag unterschrieben. Die Wohnung habe er dann allein geräumt und das Schloss ausgewechselt – "die einzige Situation, die mal gefährlich war", erinnert sich Fritz. Denn der Mann hätte ihm auch durchaus an den Kragen gehen können. Und im vergangenen Jahr habe man nach einer von zwei Zwangsräumungen feststellen müssen, dass eine Wohnung völlig verwüstet zurückgelassen worden sei, was auch Roland Mathis vor den Mitgliedern berichtete.

Solche Sachen gebe es mal, sagt der 74 Jahre alte Fritz. Doch sie gehören zu den ganz seltenen Ausnahmen in der langen Zeit, die er überblickt. Die Stockacher Genossenschaft gehöre zu den wenigen im Land, die regelmäßig zum Ende eines Jahres keine Mietrückstände haben, sagt er heute. Seine Methode: Sofort nachhaken, wenn ein Mieter in Rückstand gerät. Sei nach einer schriftlichen Erinnerung die gesetzte Frist verstrichen, sei er eben persönlich bei dem Mieter erschienen und habe auf den Vertrag hingewiesen. Denn für die Mieter werde es schwierig, zu hohe Mietschulden abzutragen. Und: "Abschreibungen bei der Miete würden uns als kleiner Genossenschaft wehtun." Praktisch immer sei die Zahlungsmoral dann gut gewesen, in seiner Zeit bei der Genossenschaft habe es nur wenige Zwangsräumungen gegeben. "Ich war ein strenger Vermieter", das gibt Fritz unumwunden zu: "Das Hermännle machen, das geht nicht."

Das Publikum spendet bei der offiziellen Verabschiedung stehend Applaus für den Mann, der mehr als ein halbes Jahrhundert land die Geschäfte der Baugenossenschaft führte.
Das Publikum spendet bei der offiziellen Verabschiedung stehend Applaus für den Mann, der mehr als ein halbes Jahrhundert land die Geschäfte der Baugenossenschaft führte. | Bild: Stephan Freißmann

Dass er am Ende mehr als ein halbes Jahrhundert für die Baugenossenschaft Stockach tätig sein würde, hätte er zu Beginn seiner Tätigkeit im Jahr 1965 nicht erwartet, sagt Dieter Fritz rückblickend. Die Arbeit für die Baugenossenschaft sei damals nebenher von der Stadtkasse erledigt worden, was nicht mehr gut funktioniert habe, wie sich auch die Redner bei der Mitgliederversammlung erinnerten. Eine Bürokraft musste her, Fritz, junger Kaufmann und ausgebildeter Mechaniker, nahm die Stelle mit gerade einmal 22 Jahren an. Schon kurz darauf wurde kräftig neu gebaut, zuerst 1966 in der Robert-Koch-Straße, zuletzt im Gewann Galgenäcker, wo im Herbst das erste Richtfest gefeiert wurde.

Einmal pro Woche sei er an und in den Häusern gewesen, Problemen sei er oft selbst nachgegangen. Was sich nach Hauptberuf anhört, war für Fritz eigentlich eine Nebentätigkeit. Schließlich gab es, gemeinsam mit Ehefrau Paula, ein Geschäft für Schreibwaren und Bürobedarf zu führen, neben Ehrenämtern im Verein Handel, Handwerk und Gewerbe (HHG) oder im Handelsverband Südbaden.

Diese Lebensleistung war den Rednern bei der Mitgliederversammlung geradezu säckeweise Lob wert. So sagte Stockachs Bürgermeister Rainer Stolz: "Ein geradliniger, kluger und weitsichtiger Mann geht von Bord." Fritz habe nie riskant agiert, sondern für eine stetige und behutsame Weiterentwicklung der Genossenschaft gestanden. Bruno Ruess, Geschäftsführer der Konstanzer Genossenschaft Wobak und Sprecher der Baugenossenschaften westlicher Bodensee im Verband baden-württembergischer Wohnungs- und Immobilienunternehmen (VBW), strich heraus, dass das Ergebnis von Fritz' Berufsleben überall in Stockach sichtbar sei. Und Ursula Hennes, Leiterin der Rechtsabteilung beim VBW, benutzte sogar das Wort vom Ende einer Ära.

Daten und Fakten zur Baugenossenschaft

  • Mitglieder und Wohnungen: Die Zahl der Mitglieder hat sich laut dem Bericht von Geschäftsführer Roland Mathis im Jahr 2016 auf 344 erhöht (2015: 316). Der Zulauf sei ungebrochen, was Aufsichtsratschef Berthold Restle auch auf die Dividende von drei Prozent zurückführt. Mehr als 100 Wohn- und Gewerbeeinheiten gehören laut Restle zur Genossenschaft – mit steigender Tendenz.
  • Kennzahlen: Die Bilanzsumme der Baugenossenschaft ist stark auf 7,9 Millionen Euro gestiegen (2015: 5,0 Millionen Euro). Dies ist laut Roland Mathis auf die rege Bautätigkeit der Genossenschaft in der letzten Zeit zurückzuführen. Die Neubauten laufen unter dem Punkt Anlagevermögen in der Bilanz. Dem steht eine starke Steigerung bei Krediten auf 5,2 Millionen Euro (2015: 2,3 Millionen Euro) gegenüber – allerdings mit langfristiger Zinsbindung. Die Erträge durch Mieteinnahmen sind auf 702 000 Euro gestiegen. Viel Geld hat die Genossenschaft für Instandhaltung ausgegeben, etwa für die Reparatur der Hofanlage in der Radolfzeller Straße und die Grundsanierung einer Wohnung. Dies ist laut Mathis auch der Grund für den Jahresfehlbetrag von 94 000 Euro, der durch eine Entnahme aus dafür vorgesehenen Rücklagen ausgeglichen wird. Für das laufende Jahr stellte er wieder einen Gewinn in Aussicht.
  • Laufende Projekte und Pläne: Der Neubau in der Straße Galgenäcker 26 wird vorangetrieben und soll ab September vermietet werden, so Roland Mathis. Außerdem sollen zwei weitere Grundstücke für neue Bauvorhaben gekauft werden. (eph)

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