Am roten Tisch berichtet die Holsteiner Kuh Esprit vom Altschorenhof über das Glück, ein Rindvieh zu sein
Frau Esprit, ähem – ist das die richtige Ansprache für eine Kuh oder müsste ich Sie mit Kuh Esprit anreden?
Also hören Sie, Sie Zweibeiner auf dem Stuhl. Kuh, selbst mit Esprit, hört sich wenig charmant an. Ich bin es gewohnt, dass Bullen, Bauern, Männer zu mir Mademoiselle Esprit sagen. Passt ja auch gut zusammen, die Anrede Mademoiselle und Esprit.
Dann darf ich mit Recht vermuten: Das Glück ist ein Rindvieh?
Und sucht seinesgleichen. Da haben Sie recht, Herr Redakteur. Sehen Sie, Zweibeiner taugen doch nur zum Heu ranschaffen. Hier in meinem Zuhause auf dem Altschorenhof fühle ich mich ausgesprochen wohl. Meinen großen Stall teile ich mit anderen 79 Holsteiner Kühen und ein paar Kälbern. Beim Fleckvieh im Stall gegenüber möchte ich nicht stehen, denen gebricht es von Haus aus etwas an Benehmen.
Ich wusste gar nicht, dass alemannisches Fleckvieh rüpelhaft ist?
Das mit dem Rüpel haben Sie gesagt. Ich sage, wir Holsteiner sind Hochleistungskühe. Wir sind stolz auf unsere Abstammung und machen unseren Bauern die Milchkannen voll. Fleckvieh, das sind Doppelnutzungsrinder, die geben nicht nur Milch, die geben auch Fleisch. Da halten wir uns fern.
Aha, und wie viel Liter Milch geben Sie als eingetragene Hochleistungskuh?
Sie kommen wohl aus der Stadt und kennen die Milch nur abgepackt? Unseren Ertrag gibt man in Kilogramm an. Im Schnitt sind es bei mir 10 500 Kilogramm im Jahr. 2010 habe ich es auf 12 917 Kilogramm gebracht, 2011 waren es 11 100 Kilogramm.
Beeindruckende Zahlen, aber den Durchschnitt verstehe ich nicht ganz?
Hören Sie, der Zusammenhang zwischen Kalben und Milch geben dürfte selbst Ihnen geläufig sein. Dazwischen gibt es Zeiten, in denen selbst solche Hochleistungskühe wie ich zwei Monate Pause haben. Je nachdem wie die Pausen fallen, schwankt meine Milchkilogrammleistung. Aber ich gehöre natürlich zur absoluten Oberklasse.
Das hätte ich nicht anders vermutet. Sie gelten ja – wenn ich das so sagen darf – als ausgesprochen schönes Rindvieh. Liegt das in der Familie?
Ja, meine Mutter Espana war auch schon eine schöne rotbunte Holsteiner Kuh. Sie hatte wie ich eine ausgeprägte Farbzeichnung. Ich bin hier auf dem Altschorenhof von ihr geboren worden und mache meiner Linie alle Ehre. Meinen Vater kenne ich nur dem Namen nach, der Bulle hieß Faber und kam aus Niedersachsen. Mein Bauer Andreas sagt immer, mein Vater sei ein Mann von Welt gewesen.
Ich bin beeindruckt. Aber sind Sie bei dieser Leistung und dieser Schönheit nicht einem ständigen Zickenkrieg hier im Stall ausgesetzt?
Wir sind doch nicht im Hühnerstall! Und mit meinen acht Kuhjahren kümmert mich das Schwanzschlagen der Nachwuchskühe wenig. Schauen Sie, wenn ich in die Melkbox gehe, machen alle anderen Platz. Wir Rindviecher wissen halt, was sich gehört.
Es scheint nichts zu geben, was Ihnen den Alltag vermiest?
Stimmt, Sie dürfen neidisch werden. Unser Ernährungsprogramm ist ausgewogen und abgestimmt. Wir kauen und wiederkäuen Heu, Raps und Soja. Ich bevorzuge dazu immer noch eine Kelle Getreideschrot. Wir sind nicht angekettet, haben freien Auslauf im Stall und unsere Hinterlassenschaften werden automatisch mit einem Balken weggeschoben. Wir haben hier eine Massagebürste im Stall, die fängt an sich zu drehen, wenn ich an sie herantrete. Oder erst unsere vollautomatische Melkbox. Das ist ein permanentes Wohlfühlprogramm, da kommt der Paarhufer gar nie auf die Idee, dass er unglücklich sein könnte.
Vollautomatische Melkbox, ist das nicht gegen die Natur, von einer Maschine gemolken zu werden?
Wo denken Sie hin. Und was heißt hier Maschine. Unsere Melkbox ist ein intelligenter Roboter. Ich komme so alle acht Stunden bei ihm vorbei. Der Roboter erkennt mich an meinem Halsband, da ist ein Sender mit meiner Esprit-Kennung drin. Bevor der Melkroboter seinen Melkbecher an meinen Euter hochfährt, misst er mit einem Laser meine aktuellen Maße ab. Je nachdem, wie viel Milch ich im Euter geladen habe, verändert sich der Abstand der Zitzen. Das kann schon einen Zentimeter ausmachen. Mit den aktuellen Werten fährt der Roboter dann den Melkbecher in Position. Das nenne ich Maßarbeit. Wir Hochleistungssportler wissen eben gutes Gerät zu schätzen.
Ja, das verstehe ich. Aber müssen Sie deshalb gleich auf unser schönes rotes Tischtuch sabbern?
Mein Gott, sind Sie empfindlich. Menschen mit Ihrer Geziertheit können eine Kuh nicht glücklich machen. Sie kommen zu diesem Interview mit diesem roten Tischtuch in meinen Stall daher und bedenken nicht, dass wir eine andere Farbwahrnehmung haben. Rot blendet uns Paarhufer, deshalb können wir die Farbe eigentlich nur mit Sonnenbrille ertragen. Das ist ein weiterer Grund, warum wir Kühe Kühe suchen, wir verstehen uns.
Mademoiselle Esprit, wir werden das nächste Mal an Ihre besonderen Empfindlichkeiten denken und hoffen, dass Ihnen das Glück weiter so hold ist.
Vielen Dank, aber da habe ich keine Bedenken. Wenn ich das als Rindvieh noch einflechten darf: Glück wird meiner Ansicht nach so oder so überbewertet. Das Stadium der Zufriedenheit, in dem ich mich hier in meinem Stall auf dem Altschorenhof befinde, ist doch weitaus mehr, als jeder Mensch von einer Kuh erwarten kann.