Stockach „Mais ist eine sehr effiziente Pflanze, um Biogas zu erzeugen“
13.05.2011
Herr Oechsner, überall scheint derzeit Mais für Biogasanlagen angebaut zu werden. Sind die vielen Maisfelder nicht optische Umweltverschmutzung?
Nein, das muss man genau betrachten. 2010 wurden in Deutschland durchschnittlich weniger als vier Prozent der Ackerfläche für Energiepflanzenanbau genutzt. Mais ist eine sehr effiziente Pflanze. Sie bringt über Biogasproduktion je Hektar und Jahr einen Energieertrag, der 5000 bis 6000 Liter Heizöl ersetzt. Andere Pflanzen sind da weniger leistungsstark. Wir arbeiten aber daran, auch alternative Energiepflanzen zu finden und einzusetzen. Vor allem setzen wir darauf, dass Mais nur ein Glied in einer ausgeglichenen Fruchtfolge mit Getreide, Rüben, Sonnenblumen, Hirse und Kleegras darstellt.
Wie hat sich Biogas in den vergangenen zehn Jahren entwickelt?
Es ist ein starkes Wachstum eingetreten in diesem Bereich. Wir haben heute etwa 6800 Biogasanlagen in Deutschland im Betrieb, in Baden-Württemberg sind es etwa 700 Biogasanlagen. Die installierte elektrische Leistung der Biogasanlagen, die wir heute in Deutschland haben, liegt bei 2,5 Gigawatt. Damit kann man im Prinzip zwei große Kraftwerke abschalten.
Wie schätzen Sie denn die Debatte um das Biogas in der jüngeren Zeit ein?
In den letzten Monaten wurde Biogas in der Öffentlichkeit häufig negativ dargestellt. Es gab eine Teller-oder-Tank-Diskussion, es ging um Lärm im Umfeld der Anlagen, um die „Vermaisung“ der Landschaft, eine einseitige Produktion von Energiepflanzen, Monokulturen und Ähnliches. Nach der Katastrophe in Japan denke ich aber, dass der Bereich jetzt nicht mehr so negativ gesehen wird.
Ist der Flächenverbrauch für Biogas Ihrer Einschätzung nach wirklich so gravierend?
Diese Diskussion war sicherlich großenteils überzogen. Wir hatten bis zum Jahr 2007 eine Verpflichtung für Landwirte, bis zu 15 Prozent der Ackerflächen stillzulegen, um eine Überproduktion von Nahrungsmitteln in der EU zu vermeiden. Die Alternative ist es, auf dieser Fläche Energie- und Industriepflanzen anzubauen. Heute werden nach neuen Zahlen der Bundesregierung etwa 650 000 Hektar Ackerland für die Biogaserzeugung genutzt, das sind, wie erwähnt, weniger als vier Prozent der Ackerfläche.
Man kann also auf den stillgelegten Flächen auch ruhig Mais anbauen, den man hinterher zu Biogas verarbeitet?
Das denke ich schon. Ich möchte mich aber nicht unbedingt auf Mais festlegen. Der Mais ist natürlich die Pflanze, die den höchsten Flächenertrag bringt in unseren Breiten. Mit einem Hektar Mais kann man 6000 Liter Heizöl ersetzen. Wenn man andere Pflanzen anbaut, ist die Ertragssituation etwas schlechter. Dann kann es sein, dass ich nur 3500 bis 5000 Liter Heizöl ersetzen kann. Aber das ist auch nicht so dramatisch schlecht. Heute werden nach den neuen Zahlen der Bundesregierung etwa 2,15 Millionen Hektar Ackerland genutzt, um auf dieser Fläche Energie- und Industriepflanzen anzubauen. Das sind etwa 18 Prozent unserer Ackerfläche. Das lässt den Flächenverbrauch für die Energieerzeugung weniger dramatisch erscheinen. Ob ich jetzt 15 Prozent stilllege oder 18 Prozent stofflich-energetisch nutze, das ist gar nicht so dramatisch. Es ist also nicht so, dass wir heute verhungern müssten oder dass die Preise extrem steigen, nur weil wir dort Energiepflanzen produzieren.
Das heißt also, die Preise für Lebensmittel steigen aus anderen Gründen?
Sicher wirkt sich auch die Energiepflanzenproduktion auf den Preis aus. Aber sie ist von untergeordneter Bedeutung. Häufig spielen Nachfrageveränderungen beispielsweise in Indien oder China eine Rolle oder Missernten in bestimmten Weltregionen. Und es wird heute viel mit Nahrungsmitteln an der Börse spekuliert, das ist ein sehr großes Problem.
Wenn Sie sagen, 2,15 Millionen Hektar Ackerland werden für Energieerzeugung und industrielle Zwecke genutzt, dann bezieht sich das auch auf solche Dinge wie Ethanol für Biokraftstoff oder Pflanzenöl?
Ja. Etwa 240 000 Hektar werden für diese Alkoholschiene momentan genutzt. Für Biogas sind es 650 000 Hektar und für Raps für Biodiesel, das ja in unserem Diesel zu etwa sieben Prozent enthalten ist, sind es derzeit 940 000 Hektar. Das zeigt natürlich, dass die Pflanzen für Biogas hier nur einen Teil ausmachen, dass nämlich derzeit nur etwa 5,4 Prozent der Ackerfläche für die Biogasproduktion verwendet wird.
Ihre Forschungen an der Landesanstalt beziehen sich darauf, wie man den Wirkungsgrad von Biogas-Anlagen steigert. Was erforschen Sie?
Hauptsächlich wollen wir die Effizienz von Biogas-Anlagen steigern, zum Beispiel durch die clevere Verknüpfung mehrerer Fermenter. Bei faserreichem Substrat untersuchen wir dessen mechanische Aufbereitung oder versuchen durch Zusatz von Enzymen oder Spurennährstoffen den Stoffabbau zu beschleunigen. Außerdem arbeiten wir mit Kollegen aus dem Bereich Pflanzenzucht zusammen. Dabei geht es um die Erhöhung der Energiedichte von Sonnenblumen und Maispflanzen.
Laufen diese Forschungen gut oder zeigen schon vielversprechende Ergebnisse?
Die zeigen vielversprechende Ergebnisse. Das ist natürlich ein nicht extrem schneller Weg, sondern ein Weg, der Zeit benötigt. Wir suchen auch nach weiteren Rohstoffen für die Biogaserzeugung. Das können Nebenprodukte wie Trester aus der Wein- oder Obstsaftproduktion oder Mist von Tieren, Pferdemist beispielsweise, und solche Dinge eingesetzt werden.
Welche Erwartungen haben Sie für die Zukunft von Biogas?
Der Ausbau regenerativer Energien muss weiter forciert werden, um unsere Abhängigkeit von fossilen und gefährlichen Energiequellen zu reduzieren. Biogas stellt außerdem als Grundlast und teilweise auch als Spitzenlast eine ideale Ergänzung im Energiemix der Zukunft mit Sonnenenergie und Windstrom dar, denn man kann es in gewissen Grenzen speichern. Es steht nicht nur zur Verfügung, wenn beispielsweise die Sonne scheint oder der Wind weht, sondern durchgehend. Und ich könnte durchaus, wenn ich das will, auch gewisse Spitzenenergieproduktion vornehmen. Das geht natürlich nicht beliebig, aber in gewissen Grenzen. Und Biogas wird ja teilweise auch gereinigt und ins Erdgasnetz eingespeist. Das ist ja auch ein möglicher Weg.
Wie häufig wird das denn gemacht?
Da gibt es bisher 50 Biogasanlagen im Bundesgebiet. Die Zahl soll aber deutlich steigen, denn die Bundesregierung möchte eigentlich, dass wir bis zum Jahr 2030 zehn Prozent unserer Erdgasnutzung aus Biogas oder erneuerbaren Gasen leisten. Also zehn Prozent des derzeit verbrauchten Erdgases soll dann beispielsweise aus Biogas stammen.
Es gibt ja auch das Argument, dass man für die Erzeugung von solchen Pflanzen auch Wasser verbraucht. Und es gibt Leute wie den früheren Nestlé-Chef Peter Brabeck-Letmathe, der sagt, dass der Wasserverbrauch das größte Problem der globalen Landwirtschaft sei. Was halten Sie von solchen Argumenten?
Bei uns in Mitteleuropa ist das eigentlich nicht der Fall. Man strebt natürlich an, die Fläche, das Feld möglichst das ganze Jahr über mit Vegetation zu versehen, so dass man auch im Winter dort Pflanzen produziert. Das heißt, man kann dann beispielsweise Fruchtwechsel vornehmen, bei denen man im Winter eine Zwischenfrucht anbaut. Das könnte ein Winterroggen sein, der dann im Mai geerntet wird, und nach diesem Roggen kommt beispielsweise Hirse als nächste Frucht. Wenn man dies auf Standorten macht, wo es nicht viel Niederschlag gibt, kann das zu Problemen führen. Aber bezüglich der Wasserneubildung und Ähnlichem führt das bei uns meines Erachtens nicht zum Problem. Das führt höchstens dazu, dass die Erträge sinken. Aber das merkt der Betreiber relativ schnell und wird seine Anbaustrategie ändern. Und Sie haben am Anfang den Mais angesprochen.
Mais ist sicherlich die Pflanze, die den höchsten Energieertrag pro Hektar liefert. Aber wir können und wollen keine Mais-Monokulturen, also eine Pflanze, die jedes Jahr wieder auf derselben Fläche kommt. Das wollen wir nicht, einfach deswegen, weil das für die Natur Nachteile bringt und weil das auch für die Ertragssituation negativ ist.
Mit „wir“ ist hier die Landesanstalt für Agrartechnik und Bioenergie gemeint, an der Sie forschen?
Genau. Und auch die meisten Landwirte haben das eingesehen, dass es nicht möglich ist, in extremen Monokulturen zu arbeiten, dass also Fruchtwechsel erforderlich ist und dass eine nachhaltige Produktion von Energiepflanzen nur langfristig Sinn macht. Es wird ja teilweise auch an neuen Pflanzen gearbeitet, für den Energieprozess neue Pflanzen, das können Sonnenblumen sein, das können Pflanzen sein wie Durchwachsene Silphie, Topinambur und Ähnliches.
Das sind teilweise auch Exoten.
Es sind teilweise auch Pflanzen, die bisher nicht in Deutschland angebaut wurden, aber ein hohes Biomasse-Wachstum aufweisen. Topinambur gibt es bei uns schon, aber halt nicht in größerem Stil. Es können durchaus auch Pflanzen sein, die aus anderen Ländern kommen, Exoten aber eher weniger. Diese Pflanzen stammen also eher nicht aus tropischen Ländern, aber durchaus aus Russland oder anderen Ländern in Osteuropa.
Entsteht da nicht ein Gentransfer, der dann andere unabsehbare Folgen hat?
Das muss man natürlich genau beachten. Man darf dann nur Pflanzen nehmen, bei denen nicht die Gefahr besteht, dass sie sich unkontrolliert ausdehnen oder verbreiten. Wenn man jetzt an solche Pflanzen denkt wie Kanadisches Springkraut oder so etwas, das sich ja teilweise unkontrolliert vermehrt an den Flüssen, bisher nicht im Zusammenhang mit Pflanzenproduktion, aber wenn man an so etwas denkt, muss man aufpassen, das darf nicht passieren. Wichtig ist, weil Sie jetzt gerade das Wort Gen verwendet haben, die momentane Züchtung im Bereich Bioenergie erfolgt ausschließlich auf klassischem Züchtungswege, nicht durch gentechnische Veränderung. Das ist auch sehr wichtig.
Weil da für die Konzerne zu wenig Geld drinsteckt?
Nein, denke ich nicht, sondern weil das die Betreiber nicht wünschen. Wir wollen ja keine gentechnisch veränderten Pflanzen haben in der Landwirtschaft in Deutschland und wir haben noch den Vorteil, die Bioenergiepflanzen sind noch relativ neu. Wir arbeiten ja hier erst seit weniger als zehn Jahren an der Thematik. Und damit kann man momentan auch mit normaler Züchtung sehr große Erfolgsfortschritte erreichen.
Fragen: Stephan Freissmann

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