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Singen Zeitzeuge gegen das Verbrechen

15.05.2009
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Während Papst Benedikt in Israel an der Holocaust-Gedenkstätte für den Weltfrieden betet, steht Thomas Geve im Singener Hegau-Gymnasium und berichtet, wie er im Nationalsozialismus vier Konzentrationslager überlebt hat. Die Antworten, die Geve auf die einfühlsamen Fragen der Schüler gibt, sorgen für Erstaunen.

Singen – Plötzlich ist alles wieder ganz nah. In München wird dem Nazi-Verbrecher John Iwan Demjanjuk der Prozess gemacht. In Israel bittet der deutsche Papst um den Weltfrieden und den Dialog der Religionen. Und in Singen erleben etwa 100 Gymnasiasten einen ergreifenden Vortrag eines Juden, der die Greueltaten in den KZ und die Todesmärsche überlebt hat.

Samtweich ertönt seine Stimme im Musiksaal des Singener Hegau-Gymnasiums. Die Schüler haben sich versammelt, um einen der letzten Zeitzeugen zu erleben. Thomas Geve ist Jude und lebt heute in Haifa. Mit zwölf Jahren wurde er in Berlin von den Nazis verschleppt und verbrachte insgesamt 22 Monate in den Konzentrationslagern in Birkenau, Auschwitz, Groß-Rosen und Buchenwald. Heute jettet der 80-Jährige um die Welt, um von den Greueltaten der Nazis gegen die Juden zu berichten. Die Schüler sind ihm ein Anliegen. Zwei, drei Schulen besucht er manchmal am Tag. Keine Möglichkeit möchte er auslassen, um das Erlebte Auge in Auge weiterzugeben, denn Zeitzeugen mit so einem wachen Gedächtnis werden rar. Das weiß er. Deshalb lässt er alles für die Nachwelt dokumentieren.

Bücher gegen das Vergessen hat er schon immer geschrieben. Direkt nach seiner Befreiung aus der Nazigefangenschaft hat er einen Bilderzyklus mit 80 postkartengroßen, kolorierten Zeichnungen auf bläulichem Formularpapier gemalt, die die SS-Schergen zurückgelassen hatten. Diese „Kinderzeichnungen“ befinden sich heute in Jad Vaschem, der Holocaust-Gedenkstätte in Israel. Die kleinen Bilder zeigen eindrucksvoll Szenen aus dem Lagerleben.

Im Hegau-Gymnasium zeigt Thomas Geve vor der Diskussion einen Film, in dem er sich von einem zwölfjährigen Jungen über die Vergangenheit interviewen lässt. In der Dunkelheit sitzt er neben der Leinwand mit geschlossenen Augen und scheint diesen Dialog, den er schon Hunderte Male gehört hat, in sich aufzusaugen. Nur nichts vergessen, scheint diese Haltung auszudrücken. Ist diese ständige Wiederholung der erlebten Greueltaten nicht Folter? Was fühlt der hochgewachsene Mann, wenn er immer wieder daran erinnert wird? wollen die Schüler wissen. Gebannt haben sie den Film verfolgt. Jetzt stellen sie kluge einfühlsame Fragen. Jedes Detail haben sie wahrgenommen: Wie Geve als einer der letzten Juden Berlin verließ, weil der Zwölfjährige als Totengräber gebraucht wurde, wie er die Todesmärsche bei 20 Grad minus beschreibt, wie er die Not schildert, wenn die entkräfteten Häftlinge tagelang nichts außer Schnee zu essen bekamen, wie er ausharrte, weil er das Leben der internierten Mutter nicht gefährden wollte.

Erstaunlich sind für die Schüler die Antworten. Recht nüchtern, technisch wirken sie. Nein, von Alpträumen könne er nicht berichten. Sein Anliegen sei die Vermittlung der wahren Vergangenheit. Geweint habe er nie, antwortet er ein anderes Mal. Weinen könne man nur in Gesellschaft. Das wirkt hart auf die Schüler. Langsam wird ihnen klar, dass diese Erlebnisse zum Teil nur durch Verdrängung von Gefühlen bewältigt werden können. „Haben die Menschen auf den Todesmärschen versucht, sich gegenseitig zu retten?“, fragt eine Schülerin. „Nein“, sagt die samtweiche, nach innen gerichtete Stimme. „So war die Zeit.“

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