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Singen Wie Deutschland die Kurve kriegt

Es gibt gute Vorschläge von Bürgern für die Bundespolitik. Franz Fabian vom Fahrdynamischen Zentrum Bodensee in Steißlingen regt gesetzliche Reformen für den Straßenverkehr an.

Franz Fabian verbindet mit der Bundestagswahl im Herbst ein konkretes Ziel. Der Leiter des Fahrdynamischen Zentrums in Steißlingen wird abwarten, wer danach das Verkehrsministerium übernimmt und will dann alles an das Zustandekommen eines Gesprächs an oberster Stelle setzen. Der 51-jährige Österreicher hält das für den geeigneten Zeitpunkt, um in Deutschland ohne Rücksichtnahme auf Wählerstimmen und Lobbyeinflüsse Reformen zur gesetzlichen Neuregelung für den Verkehr auf den Straßen anzustoßen.

Nach seiner Ansicht sind sie überfällig, wobei ihm der Beginn der Motorradsaison nur als ein Beispiel dient. Dabei kommen nicht nur Pferdestärken von abartigen Kräften auf die Straße, zugleich explodieren etwa bei den Fahrern des gesetzten Mittelalters gern die Born-to-be-wild-Phantasien. "So eine 1000-Maschine muss man beherrschen und das ist nach einer fünfmonatigen Abstinenz selten der Fall", sagt Franz Fabian. Außerdem kommt es immer wieder vor, dass die Führerscheinprüfung fürs Motorrad 30 oder noch mehr Jahre zurückliegt und sich unter Umständen jemand auf einen Feuerstuhl begibt, bei dem es sich im Prinzip um einen Fahranfänger handelt.

Nicht viel anders sieht es aus, wenn sich Senioren den Traum von Mobilität mittels eines Wohnmobils erfüllen – und von Glück sagen können, wenn es bei Kollateralschäden auf Parkplätzen bleibt. Oder man nehme E-Biker, die nach einer lebenslangen Autofahrermentalität längst das Gespür dafür verloren haben, was es bedeutet, wenn man mit 25 km/h vom Rad fällt. Die Komplexität der Mobilitätserfordernisse ergibt sich für Franz Fabian auch aus der demografischen Entwicklung, durch die auch Menschen im hohen Alter nicht aufs Auto verzichten können oder wollen. "Was beispielsweise macht eine fahrunerfahrene Frau, deren Mann einen Schlaganfall erlitten hat und nach vielen Jahren nun an seiner Stelle hinter dem Steuer sitzt?"

Franz Fabian
Franz Fabian

Franz Fabian plädiert deshalb für Gesetze, die die Statik des Führerscheinerwerbs durch verpflichtende Mobilitäts-Coachings ergänzen. In Deutschland müsste dabei das Rad noch nicht einmal neu erfunden werden. In seinem Heimatland beispielsweise gibt es seit 14 Jahren für die besonders von Unfällen betroffene Altersgruppe der 18- bis 22-Jährigen im ersten Jahr nach dem Führerscheinerwerb drei verpflichtende Fortbildungen, bei denen das vorausschauende Fahren sowie ein Fahrtraining samt psychologischer Schulung und die Eco-Fahrweise einstudiert werden. Der Erfolg müsste – unabhängig von der Parteizugehörigkeit – jeden Bundesverkehrsminister überzeugen: Laut Franz Fabian liegt der Rückgang der getöteten Autofahrer in der besagten Altersgruppe bei 59,7 Prozent, bei den Schwerverletzten bei 38 Prozent.

Mobilität bestimmt den Alltag

  1. Zur Serie "Hallo Berlin": Die Bundestagswahl am 24. September ist der aktuelle Anlass für die neue SÜDKURIER-Serie. Im deren Rahmen werden in loser Folge Zusammenhänge zwischen der Bundespolitik und der Lebenswirklichkeit im Hegau dargestellt. Franz Fabian ist dabei ein geeigneter Ansprechpartner: Durch seine Berufserfahrung ist er überzeugt, dass heutzutage jede Lebensphase ihre spezifische Mobilitätsanforderungen aufweist und diese sich (zum Beispiel durch die wachsende Zahl der technischen Fahrassistenzen) laufend ändern. Dem werde das gesetzliche Regelwerk mit dem Erwerb des Führerscheins und etwaigen Bestrafungen durch das Flensburger Punktesystem nicht mehr gerecht.
  2. Zur Person: Franz Fabian kam als 19-Jähriger durch Glück und Geschick zur Fahrersstelle eines österreichischen Ministers. Das wiederum bildete die Basis für den Einstieg bei der Österreichischen Verkehrswacht. Er wirkte seit 2012 am Projekt des Fahrdynamischen Zentrums Bodensee der Firma Schleith mit, das er seit der Eröffnung im September 2015 leitet.
  3. Zum Fahrdynamischen Zentrum: Auf dem Gelände können Verkehrsszenarien simuliert werden, mittels derer sich Ausweichmanöver, Schleudertechniken oder Notbremsungen trainieren lassen. Allein bei den Schleudereffekten gibt es laut Unternehmensangaben 150 Variablen. Genutzt wird das Angebot von Firmen wie etwa Reisebusunternehmen oder der Polizei und Rettungsdiensten wie Feuerwehr oder dem DRK. Das Zentrum steht auch Privatpersonen zur Verfügung. So wird zum Beispiel dienstags ab 18 Uhr ein Fahrtraining (ab 16 Jahren, danach ohne Altersbegrenzung) angeboten (die Stunde kostet 14 Euro, SÜDKURIER-Abonnenten zahlen 9 Euro). (tol)

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