Singen Wahlkampf-Auftakt von CDU-Politiker Andreas Jung in Singen

Bei seinem Auftakt des Wahlkampfs in Singen setzt der CDU-Politiker Andreas Jung auf das große Ganze. Bei den Besuchern auf dem Marktplatz kommt das an.

Am Anfang testet Andreas Jung die Anlage. Der CDU-Bundestagsabgeordnete des Wahlkreises Konstanz spricht aufs Geratewohl ein paar Sätze ins Mikrofon und der Mann am Reglerpult justiert die Technik: die Lautstärke schraubt er ein bisschen hoch, den Bass nimmt er raus. Dennoch, so richtig gut will der Ton nicht gelingen, aber ohne Anlage geht es auch nicht. Zwischen 40 und 50 Besucher sind am frühen Montagabend zur Veranstaltung des Politikers zum Spanier auf den Marktplatz gekommen, sie sitzen in weitem Halb-Rund im Freien. Mit so vielen Leuten hat Andreas Jung nicht gerechnet, es gibt jede Menge Umgebungsgeräusche und so ist er froh um die akustische Verstärkung durch Mikrofon und Lautsprecher.

Der Ort ist mit Bedacht gewählt. Man hätte sich ebenso im benachbarten Lokal mit deutscher Küche treffen können, aber es geht um Europa und da passt das Casa Espana besser. Spanien zählt zu den finanzpolitischen Wackelkandidaten der Union, die Arbeitslosigkeit insbesondere bei jungen Menschen ist hoch und die Stadt Singen steht durch seine Bevölkerungsstruktur mit rund 50-prozentigem Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund zu den Sehnsuchtsorten für Arbeitssuchende aus aller Damen und Herren Länder.

Andreas Jung muss also nicht wirklich erklären, warum es Diskussionsbedarf in Sachen Europa gibt. Er tut es trotzdem, wobei seine Rede sich von der Selbstherrlichkeit anderer Politiker unterscheidet. Die Zunft trage das Ihre zur allgemeinen Europa-Skepsis bei, weil sich eine wohlfeile Kaskade der Kritik etabliert habe: In den Gemeinden werde gern über die Politik im Land geklagt, das Land seinerseits schimpfe über jene in Berlin und die Bundespolitiker wiederum zeigten mit dem Finger nach Brüssel.

Leichtfertig ist das, sagt Andreas Jung, er selbst allerdings unterscheide zwischen der politischen Alltagsrede und der grundsätzlichen Wertschätzung für die europäische Idee. Ohne das Miteinander, sagt er, wäre die deutsche Wiedervereinigung in den Jahren 1989/90 nicht denkbar gewesen und übergibt sodann das Mikrofon an Gunther Krichbaum, der als Parteifreund und direkter Sitznachbar im Berliner Parlament noch weit intensiver in der Europa- und internationalen Politik zuhause ist. Ausgehend von den Aussöhnung stiftenden europäischen Verträgen vor 60 Jahren zieht dieser in die aktuellen Kriegsgebiete in Syrien und der Ukraine, streift die (mindestens) autokratischen Tendenzen in der Türkei, Russland und den USA, landet schließlich beim Brexit und zitiert bei der Bedeutung der EU eine afrikanische Weisheit: "Wenn Du schnell gehen willst, gehe allein. Wenn Du lang gehen willst, gehe gemeinsam."

Die Gemeinsamkeit aber ist für den CDU-Politiker kein Selbstzweck: Europa müsse mehr Verantwortung für die Geschehnisse in der Welt übernehmen, denn wenn sich die Probleme nicht am Ursprungsort lösen ließen, dann würden sie sich über kurz oder lang zwangsläufig vor der eigenen Haustür breit machen. Logisch klingt in dieser Argumentation auch die wegweisende Rolle Deutschlands als europäisches Schwergewicht, störend für die Zuhörer wirkt nur die gelegentliche Übersteuerung der Verstärkeranlage.

Immerhin, während der Diskussion bekommt die Anlage Unterstützung von außen. Just als Gunther Kirchbaum über die von Italien angedrohte Schließung der Grenzen für Asylbewerber spricht, bimmeln von rechts die Peter-und-Paul-Glocken und links gibt ein Mopedfahrer lautstark Gas. Der Politiker dringt dennoch mit seiner Botschaft durch, dass die Ursachen der Flucht an der Wurzel bekämpft werden müssten und Deutschland nur dann in seiner weltpolitischen Vermittlerrolle ernst genommen werde, wenn die Waffenlieferungen an Saudi-Arabien als eines der Krisen-Ursprungsländer eingestellt würden. Dafür gibt's Applaus.

So geht's an diesem Abend auf dem Marktplatz zu Singen ebenso ernsthaft wie ungeniert auf Weltreise, die Dinge werden im großen Stil geordnet und klar darf man sich zu den Guten zählen. Niemand auf dem Marktplatz will deutsche Alleingänge, es gibt das Bedürfnis zu Bekenntnissen zu Europa, zum Miteinander, zur Freiheit. Gunther Krichbaum erntet mit Verweis auf Donald Trump und Recep Erdogan Zustimmung beim Plädoyer für die Pressefreiheit und man weiß sich einig mit Andreas Jung, der den AfD-Landtagsabgeordneten Wolfgang Gedeon als unsäglich bezeichnet und alles zur Verhinderung des Einzugs der Rechten in den Bundestag versuchen will. An diesen Stellen stimmt sogar die Tonlage des Verstärkers und die Glocken schweigen.

Dennoch, die Gefahr der Übersteuerung bei der Thematisierung von weltpolitisch großen Entwürfe und zentralen Werten der Demokratie zeigt sich ausgerechnet bei einem Problem vor der Haustür. Es ist der Zöllner (und SPD-Mann) Andreas Gallus, der die Zettelwirtschaft zwecks Mehrwertsteuerrückvergütung anspricht und die Einführung einer Bagatellgrenze empfiehlt. Andreas Jung windet sich, hofft auf Vereinfachungen durch die fortschreitende Digitalisierung und verweist auf Personalverstärkungen. Kurzfristig allerdings sieht er keine Lösung – und da unterscheidet sich das Problem an der benachbarten EU-Außengrenze zur Schweiz überhaupt nicht vom Rest der Welt.

 

Infos zu den CDU-Abgeordneten

  1. Andreas Jung ist 42 Jahre alt, seit 2005 gehört er dem Bundestag an. Er ist aufgewachsen in Stockach, zur Politik kam er nach eigenem Bekunden durch das Erlebnis des Mauerfalls – er wurde Mitglied der Jungen Union. Nach dem Abitur studierte er Jura, vor seiner Wahl in den Bundestag arbeitete er als Rechtsanwalt in einer Mannheimer Kanzlei. Zu seinen diversen politischen Funktionen zählt unter anderem die Aufgabe des CDU-Bezirksvorstands Südbadens, im Bundestag ist er unter anderem der Vorsitzende des Parlamentarischen Beirates für nachhaltige Entwicklung, Beauftragter der CDU/CSU-Bundestagsfraktion für Klimaschutz sowie Vorsitzender der deutsch-französischen Parlamentariergruppe. Andreas Jung lebt (wenn er nicht in Berlin ist) mit seiner Frau und zwei Kindern auf der Insel Reichenau.
  2. GuntherKrichbaum vertritt im Bundestag den Wahlkreis Pforzheim. Der 53-Jährige gehört dem Bundestag seit 2002 an. Der Jurist gilt in der CDU-Fraktion als Europa-Fachmann, so war er seit Ende 2005 stellvertretender europapolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Seit Juni 2007 ist er Vorsitzender des Ausschusses für Angelegenheiten der Europäischen Union. Er kann auf etliche Auszeichnungen verweisen, so wurde er vom französischen Staatspräsidenten zum Offizier der französischen Ehrenlegion ernannt. (tol)

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