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Singen Vorhang auf für Spitzen, die sitzen

10.02.2012


Das klassische Kabarett verdrängt platte Comedy von den Bühnen in der Region – und die Heimatzeitung ist Stichwortgeber für die Pointen der Kabarettisten
Wenn der Vorhang sich öffnet, ist der Saal meist dicht gefüllt. Nicht nur die großen Fernseh-Kabarettisten finden ihr Publikum. Das Publikum findet auch zu den regionalen Größen des hintersinnigen Humors. Gerne sitzen die Kleinkunstfreunde vor den Bühnen, um die Spitzen zu verdauen, die ihnen da serviert werden. Immer häufiger finden die Pointen-Zuspitzer ein heimatliches Podium.

„Wir übersetzen die Politik in unterhaltsame und dabei nachdenkenswerte Sätze“, benennt die Binningerin Ulrike Lohrer den Mehrwert des Kabaretts. In ihrem früheren Berufsleben war sie Fremdsprachen-Korrespondentin. Von daher kennt sie sich mit Übersetzungen aus. Jetzt haben es ihr die innerdeutschen Fremdsprachen angetan – vom uckermärkischen Merkel-Deutsch bis zum breiten Hegau-Alemannisch. Denn Lokalkolorit kommt an beim Publikum. „Wenn ich in Hilzingen als Kanzlerin auftrete, um den scheidenden Bürgermeister zu verabschieden, dann ist kein Halten mehr“, weiß Lohrer.

Gerne beobachtet sie ihre Mitmenschen. „Und den SÜDKURIER lese ich von hinten bis vorne“, verrät die quirlige Bühnenvertreterin, die als Kirchenchor-Leiterin ihre ersten Erfahrungen mit öffentlichen Auftritten machte. Aus der Umfeld-Recherche baut sie ihre Auftritte. Die Idee zur passenden Pointe kommt bei ihr meist aus heiterem Himmel. „Manchmal erlebe ich dabei Rollenspiele mit mir selbst beim Auto fahren“, schmunzelt sie, wenn sie an die Ausarbeitung ihres Programms denkt.

Zur Fasnet entdeckte sie ihr komödiantisches Talent. Als dann eine Einladung zur Hauptversammlung der Landfrauen nach Freiburg kam, reifte in ihr der Gedanke, dass dieses Talent ausbaufähig ist. Und seither arbeitet die Fremdsprachen-Korrespondentin wieder mit der Sprache – auf eine ganz andere Art und Weise.

Den Mitmenschen nicht nur aufs Maul, sondern auch genau in ihren Alltag hinein zu schauen, ist dabei nicht nur Lohrers Prinzip. Auch Marianne Schätzle, die als Merkel-Double schon im Fernsehen zu sehen war, bringt ihre Mitmenschen mit auf die Bühne. Als äußerst direkte Reinigungskraft greift sie die menschlichen Marotten auf – und nimmt sich den Kleinunternehmer genauso vor wie den Bundespolitiker. Schätzles aktuelle Kunstfigur – die Putzfrau mit Bodenhaftung – spricht lästernd vielen aus der Seele und füllt die Säle von Arlen bis über die Grenzen des Hegaus hinaus. Dabei ist der Arlener Kulturpunkt so etwas wie die Wiege des Hegau-Kabaretts geworden. Auch die Bietinger Giftspritzer haben hier zum Sprung aus der fünften in die vier üblichen Jahreszeiten angesetzt.

Wenn die „Giftspritzer“ ihr Gift verspritzen, bekommen nicht nur die Großen in der Politik ihr Fett ab, sondern auch die kleinen aus der Kommunalpolitik – vom Bürgermeister bis zum Gemeinderatsmitglied. Und das genießt das Publikum vor Ort.

Die Giftspritzer, das sind Wolfgang Kramer, Sepp Leitner, Sigi Mayer und Bernhard Weber. Sie machen politisches Kabarett – ortspolitisch, landes- und sogar bundesweit. Dass sie vor einem Jahr bei einem Auftritt in der Berliner Landesvertretung sogar das Hauptstadtpublikum begeisterten, macht sie bis heute stolz.

„Unser Markenzeichen sind gereimte, abwechselnd vorgetragene Texte mit anschließend passend gesungenem Lied“, erklären die Amateur-Kabarettisten. Neben ihrem ordentlichen Broterwerb treffen sie sich jede Woche, um an ihrem Programm zu feilen. Derzeit sind sie damit beschäftigt, ihre neuesten Stücke auszuarbeiten. Seit ihrer Gründung tritt die

Gruppe inzwischen immer häufiger abseits närrischer Bühne auf: im Hirschen in Horn, beim Weinhaus Fahr in Gottmadingen oder im Kulturpunkt Arlen. „Der Erfolg hat uns selbst überrascht“, gesteht Giftspritzer Wolfgang Kramer. Und auch sie lesen aufmerksam die Tageszeitung, um ihr Programm auf den Punkt zu bringen. „Das Politische ist wieder mehr in den Mittelpunkt gerückt“, erklärt er den neuen Erfolg des traditionsreichen, politischen Kabaretts. Weniger giftig, sondern äußerst charmant und harmonie-betont servieren „Die dramatischen Vier“ ihr Programm. Sie betreten als a-capella-Chor die Bühnen und bringen in feinen Melodien hinterhältige Gedanken unters Publikum. Fantastisch singen Günter Haupka, Uwe Seeberger, Helmut Thau, Peter Hug und Stefan Fehrenbach dabei zu fünft als „dramatische Vier“ nicht nur auf den Bühnen der Region, sondern bis hinauf nach Karlsruhe.

Dabei werden gerne Klassiker des neueren deutschen Liedguts von den Comedian Harmonists bis zu Herbert Grönemeyer als musikalische Grundlage genommen, um mit anderen Texten zu neuen Ansichten zu kommen. Immer mehr ihrer Stücke stammen aber auch aus der eigenen Feder. Dass das Programm des Heimat-Kabaretts gut ankommt, beweisen regelmäßig ausverkaufte Veranstaltungen, wenn es heißt: Vorhang auf für Spitzen, die sitzen.

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