Montags bei Trautmann: Rechtzeitig zur Buchmesse ist ihr jüngster Roman erschienen. Ein Krimi, der sich mit den Folgen des Balkankrieges beschäftigt.
Im Redaktionsgespräch erzählt die Ärztin und Autorin Ulrike Blatter über ihre Verbindung zu Bosnien.
Frau Blatter, Sie haben berichtet, dass Sie schon als Kind ihre ersten Geschichten geschrieben haben. Alle Welt dachte, dass Sie einen Beruf ergreifen würden, der sich mit Literatur beschäftigt. Sie haben sich aber für ein Medizinstudium entschieden. Warum?
Ja, das hat alle erstaunt. Ich habe meinen ersten Roman schon mit acht, neun Jahren geschrieben. Das waren natürlich lauter Plagiate. Mit 18 habe ich meine ersten Gedichte veröffentlicht. Schreiben ist für mich wie ein Zwang. Trotzdem habe ich das Schreiben immer noch als etwas Privates betrachtet.
Und deshalb haben Sie sich für das Medizinstudium entschieden?
Ja, ich habe in Köln Medizin studiert mit dem Schwerpunkt Gynäkologie und Geburtshilfe. Durch meinen Mann, einen Schwarzwälder, bin ich in den Südwesten gekommen. In Waldshut habe ich in der Gynäkologie gearbeitet. Doch dann mussten wir wieder umziehen. Ich kam nach Zürich. Diesmal in die Rechtsmedizin. Meine Doktorarbeit habe ich über endoskopische Methoden in der Rechtsmedizin geschrieben.
Wurde hier die Grundlage für Ihre Krimis gelegt?
In gewissem Sinne ja. In der Schweiz mehr obduziert als in Deutschland, um die Todesursache zu ergründen. Die Endoskopie ermöglicht Einblicke, ohne dass der Körper gleich aufgeschnitten werden muss. In meinem ersten Roman „Vogelfrau“ habe ich einen exotischen Schlenker verarbeitet, der nur mit dieser Methode möglich ist, die Untersuchung einer Mumie.
Von der Geburtshilfe zur Rechtsmedizin, vom werdenden Leben zum Tod – weiter könnte die Schere nicht auseinander klaffen. Wie sind Sie damit zurechtgekommen?
Wenn ich ehrlich bin, ich hab's nicht mehr so gut ausgehalten. Zu viele tote Leute. Ich habe mich dann mit Gewalt gegen Frauen beschäftigt. Vergewaltigungen, häusliche Gewalt. Das war noch schlimmer. Leichen leiden nicht mehr. Diese extreme Konfrontation mit Gewalt hat bei mir einiges losgetreten. Da musste ich aufhören. Ich habe umgesattelt und mich auf die Suchtberatung im sozialpsychiatrischen Dienst konzentriert.
Wann kommt denn der Balkan ins Spiel?
Durch meinen Mann. Sein Beruf erforderte, dass wir nach Slowenien umziehen mussten. Vier Jahre haben wir dort von 1997 bis 2001 gelebt und einen Freundeskreis aufgebaut. Wir waren noch in Slowenien als auf dem Balkan der Krieg tobte. Wir erlebten Leute auf der Flucht. Immer wieder fehlten Leute. Da habe ich mich gefragt, wo ich mich nützlich machen könnte. Da begegnete ich der Schwester Madeleine Schildknecht, die genauso wie ich auf der Suche war. Gemeinsam entwickelten wir ein Konzept zur Hilfe für Trauma- und Suchtpatienten. Wenn ich gewusst hätte, was da auf mich zukommt, hätte ich es nicht gemacht.
Was hat Sie so stark überrascht?
Ich hätte nie gedacht, dass die Drogensucht derartig tabuisiert wird. Dabei verläuft die Drogenschiene vom Balkan direkt nach Europa. Der Heroinkonsum ist ein überbordendes Problem. Wir mussten Pionierarbeit leisten.
Sie hatten in Ihrer Zeit in Slowenien gerade Ihr zweites Kind bekommen. Wie konnten Sie Ihr ehrenamtliches Engagement mit der Familie vereinbaren?
Zum Glück ist mein Mann emotional dabei. Und auch meine Eltern waren immer für mich da und haben mich unterstützt. Ich sorge immer dafür, dass ich Termine bündeln kann. Für kurze Zeit konnte ich mich von der Familie entfernen. Die Reisen ins zerstörte Kriegsgebiet waren sehr verwirrend. Diese Eindrücke habe ich in meinen Tagebüchern festgehalten. Auf den Reisen sind auch Gedichte entstanden.
Wie muss man sich Ihr ehrenamtliches Engagement konkret vorstellen?
Schwester Madeleine und ich haben ein Helfernetzwerk aufgebaut. Madeleine Schildknecht lebt jetzt in Sarajewo, wo sie seit vielen Jahren psychosoziale Projekte für junge Menschen in Bosnien aufbaut. Dazu werden natürlich viele Helfer benötigt. Einige Jahre hatten wir abwechselnd Schulungen oder Konferenzen in Bosnien und Deutschland. Mittlerweile sind die Projekte weitgehend selbstständig.
Ihre Erlebnisse sind in ihre Romane eingeflossen. Ganz aktuell in den Krimi „Der Mann, der niemals töten wollte“. Wann haben Sie sich entschieden, die Arbeit als Ärztin an den Nagel zu hängen und Schriftstellerin zu werden?
Als ich mein zweites Schreibstipendium bekommen habe. Für den dritten Band und den neuen Roman.
Ist das wieder ein Krimi?
Zurzeit arbeite ich an einer Liebesgeschichte, die aber auch ganz schön schräg ist, weil die Frau unter einer Psychose leidet.
Wann haben sie sich zum ersten Mal als Autorin an die Öffentlichkeit gewagt?
In der Singener Schreibwerkstatt. Das war noch ein geschützter Rahmen. Aber ich hatte trotzdem großes Lampenfieber. Ich war anfangs völlig fertig, wenn ich eigene Texte vorgelesen habe. Aber dann habe ich gemerkt, dass darüber sehr angeregt diskutiert wurde. Das hat mich ermutigt, weiter zu machen.
Wie steht Ihre Familie dazu?
Die geht ganz unbefangen damit um. Mein Sohn schreibt auch. Für mich ist jetzt wichtig, dass ich die zeitliche Balance behalte zwischen der Familie, dem Schreiben und den Lesereisen.
Wo schreiben Sie am liebsten?
Wenn ich eine Blockade habe, gehe ich in die Gottmadinger Bäckerei Rentz. Beim wohligen Duft und leisem Geplapper fließen die Gedanken wieder.
Fragen: Gudrun Trautmann
Alle Gespräche im Online-Dossier:
www.suedkurier.de/beitrautmann