Im Sommer 2010 überlebte Heidi F. den brutalen Überfall des „Taximörders“ Andrej W. nur um Haaresbreite. Heute kann die Hand, die einst das Taxi lenkte nur noch einen Rollstuhl steuern.
Interview mit Anwalt Klaus Frank
Heidi F. ist fassungslos. „Wie kann das nur sein?!“ Sie kann nicht begreifen, dass es unseren Behörden nicht gelingt, brutalste Verbrecher so sicher einzusperren, dass sie nicht mehr zur Gefahr für die Bevölkerung werden. Die 45-Jährige bebt am ganzen Körper, als sie diese Frage ins Wohnzimmer ihres Hauses in einer kleinen Gemeinde bei Singen am Hohentwiel wirft. Die frühere Taxifahrerin sitzt im Rollstuhl. Sie ist halbseitig gelähmt und kann sich kaum bewegen. Vor eineinhalb Jahren, im Sommer 2010, ruinierte der Deutsch-Russe Andrej W. bei einem Überfall ihr Leben. Der 29-jährige „Taximörder vom Bodensee“ zerstörte mit brutalen Messerstichen ihre Gesundheit. Heidi F. überlebte nur um Haaresbreite. Eine Kollegin von ihr aus Hagnau am Bodensee erstach der Täter bei einem zweiten Überfall. Die 32-Jährige starb an ihren Verletzungen.
Für diese Verbrechen wurde der Mörder verurteilt und zur Behandlung in die Psychiatrie in Wiesloch eingeliefert. Doch schon nach wenigen Monaten dort gelang ihm die Flucht. 36 bange Stunden lang machten sich Entsetzen und Angst landesweit breit, dann wurde Andrej W. wieder gefasst.
Für Heidi F. sind solche Nachrichten Gift. „Wenn ich höre, dass jemand aus Wieslochs Psychiatrie geflohen ist, kommt alles in mir wieder hoch, die ganzen Schmerzen, die ganze schlimme Zeit, das ganze grauenvolle Durchleben dieses Überfalls“, schildert die Rollstuhlfahrerin. Sofort sind sie wieder da, die bösen Bilder des Sommers 2010, als Andrej W. am Singener Bahnhof ins Taxi von Heidi F. stieg und sich Richtung Hohentwiel chauffieren ließ. „Eine Fahrt wie viele. Ich hatte bei ihm kein ungutes Gefühl. Ich kannte ihn nicht und hatte ihn zuvor noch nie gesehen“, erinnert sich die heute 45-Jährige. Offenbar waren es ihre rückenlangen, lockigen Haare, die den Täter angelockt hatten. „Ich hatte damals Haare wie seine Mutter“, fand Heidi F. heraus.
Der Fahrgast auf dem Taxi-Rücksitz ist zunächst freundlich, dann zückt er unvermittelt ein scharfes Messer. Er schlitzt Heidi F. am Hals auf und zwingt die Fahrerin auf einen abgeschiedenen Feldweg nahe Singen. Dort beginnt das stundenlange Martyrium der Frau. Andrej W. fällt über sie her, sticht ihr mit unbeschreiblicher Gewalt das Messer in den Hals und durchtrennt dabei wichtige Nervenstränge. „Ich sah in seine eiskalten Augen und wusste, dass er mich töten wollte“, beschreibt Heidi F. ihre schlimmsten Augenblicke. Sie irrt nicht: Andrej W. ist psychisch krank. Ihn erregt, sich an Leichen sexuell zu vergehen. „Ich habe mich tot gestellt – und meine Sonnenbrille rettete mir das Leben“, ist sich Heidi F. im Nachhinein sicher. Wegen der Brille blieb ihrem Peiniger verborgen, dass sie noch lebte.
Heidi F. erzählt all' diese und weitere grauenvolle Details ihres Überfalls erstaunlich gefasst. Sie sitzt bei sich in ihrem heimeligen Zuhause im kleinen Ort im Hegau. Eine Wohnung voller Deko-Schmuck, die ihr Geborgenheit und Sicherheit gibt. Vor ihr auf dem Tisch liegt ein Fotoalbum. Bilder aus ihrem Leben vor der schrecklichen Bluttat. Sie zeigen eine sehr attraktive Frau Anfang 40. „Das war vor zwei Jahren“, fügt Heidi F. hinzu. Sie spricht mit voller, klarer Stimme. Und das ist bei allem Leid, das ihr widerfuhr, ein Glück. Hätte der Täter sein Messer nur einen einzigen Millimeter versetzt in ihren Hals gestochen, wäre die Frau heute stumm.
Um die unglaubliche Brutalität zu beschreiben, mit der Andrej W. sein Opfer malträtierte, genügen Röntgenaufnahmen. Sie liegen griffbereit im Wohnzimmerschrank und zeigen auch medizinischen Laien, dass die Mediziner alles Können aufbieten mussten, um Heidi F.'s Leben zu retten.
Nach der Not-Operation im Singener Klinikum begann für die Frau der lange, schwere Weg zurück ins Leben. Heute kann sie ihre linke Hand bewegen und steuert mit dieser ihr ganzes Leben. Vor allem ihren Elektro-Rollstuhl. Ihre rechte Körperhälfte ist hingegen vollkommen gelähmt – und wird es immer bleiben.
Eine umfassende Reportage über die Situation der Singener Taxifahrerin lesen sie in der aktuellen Samstagsausgabe des SÜDKURIER. Ebenso ein aktuelles Interview über die Unterbringung des Taximörders Andrej W. in Wiesloch.
Ein Verbrechen, das die Region bewegt
Alles zum Taximord-Fall im Dossier