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Singen Stadthalle Singen: Bravour- Barock im Eiltempo

Das Maurice-Steger-Trio servierte Barockmusik mit nagelneuer und heiterer Alt-Virtuosität

Wer im Barockkonzert sitzt und harmonische Gemütlichkeit und feudale Würde eines harmonisch befehlenden General-Basses erwartet, dann aber mit dem Überraschungsspiel des Maurice-Steger-Trios konfrontiert wird, mag enttäuscht sein über emanzipiertes Musizieren und der teilweise selbstironischen Kurz-Kommentierung des Blockflöten-Apoll. Am Ende waren alle im gut gefüllten Stadthalle-Saal so enthusiasmiert, dass Hände und Füße Beifall lärmten, und die drei Exquisit-Musici eine beruhigende Vivaldi-Pastorale genussvoll intonierten. Was das Trio (Maurice Steger auf drei Blockflöten, Olga Watts am flügelgroßen Cembalo, Daniele Caminiti mit Theorbe und Erzblaute) spielte? Werke von italienischen Komponisten, die eher zur Spezialisten-Bildung zählen: Rossi, Zamboni, Veracini, Paradisi, aber auch von bekannteren Barockmeistern wie Corelli, Hasse, Vivaldi. Aber die brillanten Drei musizierten nicht nach altbackener „Werktreue“, sondern nach eigener Klangrezeptur. Nach der wurden die Läufe mit Raketentempo auf- und abwärts befördert, Triller zu Klangspielen mit Esprit, Emporschleifer zu Klangfontänen, Schlussfiguren zu Pointen mit kabarettistischer Pfiffigkeit verwandelt.

Wie mischte das Trio Barockes? Als Solo, Duo, Trio, alles perfekt mit erz-eigenen Zeitmaßen. Der blasende Primarius, ob mit Alt- oder Sopraninstrument, wollte ein Blockflöten-Paganini sein – und war es. Denn wie er die Geschwindigkeit aufdrehte und keinen Ton dabei verlor, das war für ihn wie fürs Publikum „atemberaubend“. Soll man die Posthorn-Gigue Veracinis mehr loben als die operhaft gefühlsfülligen Koloraturen von Hasse, die wunderbar thematisch markierte Vivaldi-Fuge oder die Beschleunigungs-Variationen der Corelli-Gavotte? Alles wirkte wie modernisiertes, manchmal fast motorisiertes Barock, schier mehr eine ICE- als vierspännige Kutschfahrt.

Was gab es solistisch? Keinen Stil-, aber einen Spielgegensatz mit dynamischen und Tempo-Nuancen. Wollte man es ins Varieté-Vergnügliche formulieren, so war der tollste Kontrast die blitzflinke Flötenmusik in einer Dresdener Zwitscher-Arie gegen das langatmigste Cembalo-Allegro von Paradisi: Eine glänzend gespielte Revue barocker Versatzstücke. Immer wenn man dachte, ein Ende oder ein neuer Gedanke käme, kam ein Wiederholungs-Taktstrich. Ganz ins stillere Barock, zauberhaft durch die Saitenregister bewegt, mal poetisch mit Halbtonsequenzen und zarten Seufzern, mal akkordisch rauschend mit feinem Temperament, erfreuten die Erzlaute-Töne. Die Zamboni-Suite war eine Klangmeditation ohne feudale Rhetorik, selbst die Gavotte tanzte mit eleganter Dezenz. Ob es die „Echo“-Sinfonia von Rossi mit Flöte hinterm Vorhang war oder die Corelli-Sarabande mit Hoch-Tief-Dialog der Flöte, man erlebte frisch poliertes, trotz alten Instrumentariums nicht „historisierendes“, dafür umso vitaleres Steger- „Neobarock“. Das Singener Kammerkonzert hatte wieder mit verlässlicher Wahl zu einer belebenden Pilgerfahrt auf einen Klang- und Spielgipfel eingeladen – erfolgreich!

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