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19.02.2013  |  von  |  3 Kommentare

Singen Sitzenbleiben als Chance auf einen guten Abschluss

Singen -  Der Vorstoß des neuen Kultusministers, das Sitzenbleiben in der Schule abzuschaffen, findet im Hegau nicht nur Zustimmung. Viele sehen die Ehrenrunde als neue Chance. Mit Abstimmung!

Symbolbild.  Bild: dpa



Goldene Zeiten brechen an für Schüler mit Lernschwäche. Diesen Eindruck konnte man gestern gewinnen, nachdem der neue baden-württembergische Kultusminister Andreas Stoch sich gegen das Sitzenbleiben ausgesprochen hatte. Er will Schüler durch individuelle Förderung am Durchfallen hindern. Das heißt, dass auch die Schwächsten das Klassenziel ohne Wiederholung erreichen. – Ein Modell, das bereits in den neuen Gemeinschaftsschulen praktiziert wird. Doch die Freude darüber ist im Hegau begrenzt.

Sitzenbleiben als Chance, wieder Tritt zu fassen

Der Geschäftsführende Direktor der Grund-, Haupt-, Förder- und Realschulen in Singen, Thomas Kessinger, sieht sich für seine Ekkehard-Realschule außer Stande, die individuelle Förderung von leistungsschwächeren Schülern mit seinem Personalschlüssel abzudecken. „Bei der Zuteilung von Förderstunden herrscht schon ein krasses Ungleichgewicht“, klagt Kessinger. In der vierzügigen Ekkehardrealschule stehen für den Förderunterricht gerade mal sechs Lehrerstunden zur Verfügung. 45 Lehrer unterrichten hier 630 Schüler.

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Da bleibt wenig Zeit für die individuelle Förderung. In einer vergleichbaren Gemeinschaftsschule seien es doppelt so viele. „Wenn der Schlüssel an Förderstunden stimmen würde, dann könnten wir das auch leisten“, sagt Kessinger. So aber greift er lieber zu den bekannten Mitteln. Das ist zunächst eine Probeversetzung mit Prüfung vor den Herbstferien. Wenn sich bis dahin die schwachen Fächer nicht verbessert haben, so plädiert Kessinger für Wiederholung. „Für viele Schüler ist der Neubeginn eine Chance, wieder Tritt zu fassen“, hat Kessinger beobachtet. Ohne die Wiederholung würden das Defizit und der Druck unerträglich.

Manche Kinder brauchen einfach länger

Auch Thomas Umbscheiden vom Engener Schulzentrum sieht die pauschale Abschaffung der „Ehrenrunde“ kritisch. Manche Schüler brauchten ein zusätzliches Jahr für ihre persönliche Entwicklung. Er sieht eine weitere Gefahr: „Bei Kindern, die nicht lernen wollen, fällt dann auch noch die letzte Motivation weg.“

Die Schüler der Robert-Gerwig-Schule in Singen finden die Idee der Landesregierung nicht gut. Der 20-jährige Dominico Ricardo ist einer von ihnen: „Ich finde die Abschaffung des Sitzenbleibens nicht gut. Dann werden schlechte Schüler einfach immer mitgezogen.“ Auch sein Freund Isa Akdar glaubt, dass das Klassenklima darunter leiden könnte: „Dann hat man doch überhaupt keine Motivation mehr.“

"Sitzenbleiben ist keine Strafe"

Manfred Hensler, Schulleiter der Robert-Gerwig-Schule, sieht das Sitzenbleiben nicht als Strafe, sondern als „sinnvolle, pädagogisch überlegte Maßnahme“. Wenn diese Möglichkeit wegfalle, werde das böse Erwachen am Ende der Schullaufbahn kommen. An eine individuelle Förderung ist in seinem Haus angesichts der Lehrerknappheit nicht zu denken. Hier ist jetzt schon nur 92 Prozent des Pflichtunterrichts durch Lehrkräfte abgedeckt.

Die Schüler der Gewerbeschule Julia Rein (18) und Dirk Gebhardt (19) sind davon überzeugt, dass eine Ehrenrunde nicht schlimm ist. Obwohl Julia selbst noch keine Klasse wiederholen musste, findet sie nicht, dass es eine Strafe ist. „Dadurch haben viele schlechte Schüler noch mal eine Chance auf einen guten Abschluss“, sagt sie. Auch ihr Klassenkamerad Dirk Gebhardt ist wenig begeistert vom Vorschlag der Landesregierung. „Wenn es das Sitzenbleiben nicht mehr gibt, wie sollen sich schlechte Schüler überhaupt noch motivieren können“, fragt er. Außerdem findet er, dass es das falsche Zeichen für gute Schüler sei. Denn was sollen denn gute Schüler davon halten, wenn schlechte Schüler mit miesen Leistungen immer mitgezogen werden. „Das demotiviert doch auch die guten Schüler und senkt somit den kompletten Klassenschnitt“, so Dirk Gebhardt.

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3 Kommentare
Ihr Kommentar
Sehr geehrter Herr Gasteier,

besten Dank für Ihren Kommentar. Der Fokus des Artikels richtet sich vor allem auf die aktuelle Debatte, ob das Sitzenbleiben abgeschafft werden soll oder nicht. Hierzu haben unsere Mitarbeiter Schulleiter befragt, wie sinnvoll dieser Schritt ihrer Einschätzung nach wäre und was geleistet werden müsste, damit der Wegfall des Sitzenbleibens funktioniert. Die Frage, weshalb manche Schüler überhaupt versetzungsgefährdet sind, wurde in diesem Zusammenhang ausgeklammert.

Schöne Grüße aus den Online-Redaktion,

Jana Seifried
Grausiger Bericht, die 2.
Hallo Frau Seifried,
gerade deswegen erwarte ich, dass mit diesem Thema viel differenzierter und sensibler umgegangen wird.
Alles andere ist Populismus und nur auf Stimmungsmache aus.
Weshalb wird beispielsweise der geschäftsführende Schulleiter in Singen befragt, in Engen nur der Leiter des Gymnasiums?
Es wird absolut nicht berücksichtigt, welcher volkswirtschaftliche Schaden durch das Sitzenbleiben entsteht, geschweige denn, was betroffene Schüler mitmachen.
Und dann die unqualifizierten Kommentare der Schüler, die völlig fehl am Platz in dieser Diskussion sind.
Ich hoffe, dass solche Reportagen in Zukunft besser geschrieben und recherchiert werden.
Grausiger Bericht
Dieser Bericht zeigt, dass sich das Niveau des Südkuriers immer mehr der Bild-Zeitung annähert. Zuerst einmal muss hinterfragt werden, weshalb Kinder so schlecht in der Schule sind. Immer Bericht kommt es rüber, dass alle Schüler faul wären und keinen Bock haben. Dass aber vieles auch mit dem Umfeld Schule/Lehrer zu tun hat wird viel zu wenig beachtet. Die Klassen sind viel zu gross um auf die Individualität des Einzelnen einzugehen, frei nach dem Motto: Friss oder stirb.
Eine Schule oder Klasse hat sich nicht nach den Besten zu richten, sondern nach den Schwächsten.

Ganz fatal und absolut daneben sind die Aussagen der Schüler. Völlig unqualifiziert aufgrund fehlender Erfahrung, solche Aussagen sollte eine seriöse Zeitung nicht abdrucken.

Es ist schade, dass wir immer noch nicht kapiert haben, dass schneller, weiter, höher nicht alles ist. Bildung kostet Geld und rechnet sich nicht erst innerhalb einer Legeslaturperiode..
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