Singen Renner sondiert in Stuttgart seine Chancen
Andreas Renner überlegt noch, ob er zur OB-Wahl in Stuttgart antritt. Bild: Jarausch
750 Gäste im großen Saal des Stuttgarter Rathauses: Bundestagspräsident Norbert Lammert hält einen seiner wohl gesetzten, aber doch etwas gedrechselten Vorträge über Deutschland und die EU. Andreas Renner sitzt hinter dem Kreisvorsitzenden der Stuttgarter CDU, Stefan Kaufmann, in der zweiten Reihe. An diesem Abend haben der Mann aus Singen und der Mann aus Stuttgart wohl keine zwei Worte miteinander gewechselt. Sie gingen sich sichtlich etwas aus dem Weg.
Renner ist zum Neujahrsempfang der Stuttgarter CDU erschienen, um Flagge zu zeigen, wenn er schon in der Diskussion um die Nachfolge Wolfgang Schusters als Oberbürgermeister dieser 600 000-Einwohner-Metropole ist. Und er wollte bei der Basis ausloten, wie die Sache für ihn steht. Beim Bierchen nach den Reden ist abzulesen, wer zu seinem Netzwerk gehört: Alt-Minister Gerhard Mayer-Vorfelder etwa, der den Vorschlag, den parteilosen Berliner Werbeprofi Sebastian Turner zum OB-Kandidaten zu machen, für blanken „Unfug“ hält.
Es sind Leute wie Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann, die Renner ins Spiel brachte, wie der Bundestagsabgeordnete Joachim Pfeiffer, Fraktionschef Alexander Kotz, Kreisvizechefin Iris Ripsam oder Gemeinderat Jürgen Sauer, die Renner schon seit Jahrzehnten kennen und in der Landeshauptstadt gut verdrahtet sind. Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) schaut sich alles mehr amüsiert als betrübt an. Er wird am 7. Januar 2013 ein gut bestelltes Feld übergeben – an wen auch immer. Am 7. Oktober 2012 ist OB-Wahl. Bis dahin wird die spannendste Frage des Jahres behandelt: Wer wird's?
Kaufmann geht in seiner Rede auf die OB-Wahl ein. Das sei nun ein „beliebter Gegenstand von Diskussionen“. Die Kandidatensuche solle zu einem „Fest der innerparteilichen Demokratie“ werden, sagt er – und provoziert einiges Kopfschütteln, war er es doch, der einen Namen vorab präsentierte. Das Verfahren, bedauert Kaufmann, könne „leider nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt werden“, die öffentliche Diskussion müsse man eben aushalten. Doch es ist auch eine über ihn als Kreisvorsitzenden. Die Kandidatenfrage ist an diesem Abend dauerpräsent.
Andreas Renner gibt sich gut gelaunt, plaudert wie gewohnt ins Ungeschützte hinein. Doch man spürt, dass es auch für ihn ein besonderer Abend ist. Im Foyer trifft er auf den grünen Bürgermeister Werner Wölfle, beide vom Bodensee, man witzelt: Die Schwaben würden das Seealemannische schon vertragen, Wölfle, in Konstanz gebürtig, habe es ja vorgemacht. Der OB-Stuhl in Konstanz stehe dieses Jahr ja auch noch zur Debatte, vielleicht könne man sich da aufteilen. Da wird Renner ein wenig ernst: Es sei ja keineswegs so, dass Konstanz für ihn ein „gmähtes Wiesle“ sei. Alles gelte es, gut zu überdenken. Die Stuttgarter Lokalreporter lassen nicht locker: Ob seine First Lady denn nach Stuttgart mitkommen wolle? Ob sie ihre Hühnerfarm denn allein lassen könne? Das, sagt Renner, seien genau die Fragen, die es noch zu klären gelte. Am Dienstag Brüssel, am Mittwoch Berlin – er brauche in der Terminflut Zeit, nachzudenken. Auch scheint die Grundsatzfrage ungeklärt, ob er überhaupt zurück in die Politik will.
Einen sechswöchigen innerparteilichen Wahlkampf hält der EnBW-Manager für viel zu lange, schließlich müsse man dann nochmal sechs Monate ran und habe noch seinen Beruf. Man möge Verständnis haben, dass er sich noch Zeit lasse, sagt er. Und wendet sich dem nächsten Gesprächspartner zu.
Auch Sebastian Turner ist da, wird bestürmt. Als „erfrischend“ empfände er eine mögliche Konkurrenz zu Renner, wenn dieser sich denn entscheide. Die nötige Verwaltungserfahrung hält er für ein überschätztes Argument. Nicht so die Unterstützer-Fraktion Renners. Sie pocht auf „gleiche Chancen“ für alle Bewerber. Kaufmann als der Kreisvorsitzende, so die dahinter versteckte Kritik, müsse sich für alle gleichermaßen einsetzen. Auch Renner spricht an diesem langen Abend des Öfteren von nötiger „Waffengleichheit“. Turner saß, als Lammert redete, übrigens in der dritten Reihe.

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