Singen Inklusion ist eine Kopfsache

Im Landkreis Konstanz wird erstmals ein Inklusionspreis ausgeschrieben. Der Behindertenbeauftragte Oswald Ammon sagt im SÜDKURIER, welche Hoffnungen er damit verknüpft.

Herr Ammon, der Landkreis Konstanz hat einen Wettbewerb für einen Inklusionspreis ausgeschrieben – was soll damit bezweckt werden?

Man kann generell sagen, dass in Sachen Inklusion schon einiges gemacht wird. Gleichzeitig gibt es aber immer noch Irritationen darüber, was Inklusion eigentlich ist – zum Beispiel in Abgrenzung zum Begriff der Integration (siehe auch Infokasten). Mit dem Preis sollen Sinn und Zweck der Inklusion auf möglichst breiter Ebene bewusst gemacht werden. Bezweckt wird also eine Sensibilisierung – es geht nicht nur um Projekte, sondern wir wollen die Köpfe erreichen.

Ist das der Grund, warum es drei Preiskategorien gibt?

Ja. Es gibt nicht nur einen, sondern drei Preise in den Kategorien Wohnen, Freizeit sowie dem Bereich Schule/Qualifizierung/Arbeit.

Sie sagen, es würde generell schon einiges in Sachen Inklusion unternommen. Da hätten wir’s doch gerne etwas genauer: Wie schneidet denn der Landkreis im Vergleich ab?

Naja, ich möchte den Zustand mal als entwicklungsfähig bezeichnen. Wichtig ist mir dabei, dass es längst nicht nur um öffentliche Einrichtungen geht, sondern um die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse. Im Privatbereich oder etwa in Hotels ist das Thema Inklusion noch nicht so richtig angekommen. Aber auch in öffentlichen Einrichtungen ist längst nicht alles optimal. Auf der anderen Seite gibt es durchaus echte Leuchttürme, zum Beispiel das Friedrich-Wöhler-Gymnasium in Singen. Die Schule ist zu 100 Prozent barrierefrei.

Wie schnell lässt sich die Inklusion umsetzen?

In den Köpfen sind viele Menschen noch lange nicht so weit – wobei meist nicht böse Absicht dahinter steckt. Die Leute sind einfach nicht ausreichend sensibilisiert. Es wäre super, wenn die Inklusion in fünf bis zehn Jahren weitgehend Realität wäre. Als negativ würde ich einen Zeitkorridor von einer Generation empfinden. Prinzipiell sollte übrigens Qualität vor Aktivismus rangieren. Wenn man etwa in Schulen Inklusionsprojekte vorschreibt und nicht das Personal dafür hat, führt das auf allen Seiten nur zu Frust.

Zurück zu den Preisen: Wie müssen die Projekte aussehen, damit man sich mit Aussicht auf Erfolg bewerben kann?

Denken Sie beispielsweise an den Hotel- und Gaststättenbereich, wo es oft einigen Nachholbedarf gibt – da kann die Investition in einen Aufzug schon viel bringen. Bewerben können sich auch Vereine, die für Menschen mit Einschränkungen eigene Sportgruppen einrichten. Auch Patenschaften, Fahrdienste oder Nachhilfe sind preiswürdig. Für eine schöne Idee halte ich es beispielsweise, wenn bei einem Wettbewerb Kinder an der Hand der Sportler in ein Stadion einlaufen dürfen – man glaubt ja gar, was das für ein Hochgefühl für die Kinder ist. So etwas ist auch auf lokaler Ebene bei der Inklusion vorstellbar. Wenn Menschen mit einer Behinderung bei einem bedeutsamen Wettbewerb so Teil des Ereignisses werden, halte ich das für preiswürdig.

Müssen die Projekte bei der Bewerbung bereits umgesetzt sein oder genügt auch die Einreichung eines Projektplans?

Prinzipiell kann man sich auch mit einer Planung beteiligen. Aber es wäre schon gut, wenn sich das Projekt zumindest in Ansätzen bereits in der Realisierungsphase befände.

Bei der Inklusion wird bislang ja immer vorrangig an Menschen mit einer Behinderung gedacht. Die Übergänge zwischen Behinderung und Nicht-Behinderung lassen sich aber allein wegen der demografischen Entwicklung immer schwieriger voneinander abgrenzen – wenn man nur an die Menschen denkt, die Rollatoren nutzen...

Genau so ist es und eben dieses Bewusstsein soll mit dem Preis befördert werden. Und das ist übrigens nicht auf ältere Menschen begrenzt. Wenn jemand einen Arm- oder Beinbruch erlitten hat, dann gehört er temporär ebenfalls zu den Menschen, die von der Inklusion profitieren. Oder Eltern mit Kinderwagen – für die wird der Einstieg in den Bus oder der Mangel an Gehsteigabsenkungen ebenfalls zum Problem.

Somit ist Inklusion eine grundsätzlich neue Form des gesellschaftlichen Miteinanders?

Richtig. Beim Inklusionsgedanken gilt jeder Mensch als normal, weil er ein Individuum ist, und im Idealfall wird jeder so akzeptiert wie er ist.

Das klingt gut, aber in Wirklichkeit gibt es nach wie vor viele Befindlichkeiten beim Kontakt zwischen Menschen mit und ohne Einschränkung. Können Sie das verstehen?

Vollkommen. Da gibt es Berührungsängste und Unsicherheiten, weil man den Umgang eben nicht gewohnt ist. Aber auch das ist ganz normal und ich mit meiner Behinderung kann gut damit umgehen, wenn jemand mir gegenüber erst einmal mit einer gewissen Befangenheit reagiert. Aber ich kann da durchaus auch Mut machen: Behinderte muss man in aller Regel nicht mit Samthandschuhen anfassen, man kann sie direkt auf ihre Probleme ansprechen.

In diesem Sinne eine letzte, eine persönliche Frage. Es ist bei Inklusion immer wieder davon die Rede, dass Einschränkungen „normal“ sind, dass man ganz „normal“ damit umgehen sollte. Muss man aber nicht auch sagen, dass Behinderungen enorme Einbußen bei der Lebensqualität bedeuten und dass damit etliche individuelle Krisen verbunden sind? Und wie sind Sie damit nach ihrem Schlaganfall vor 18 Jahren – und den Folgen – umgegangen?

Das war ein Schock – auch für meine Frau und die Familie. Die Verzweiflung ist riesig, vor allem wenn man die ganze Krankenhaus- und Reha-Phase hinter sich hat und plötzlich mit der Behinderung im Alltag leben muss. Ganz wichtig ist dabei auch der persönliche Rückhalt, sonst wird das wirklich sehr schwer – und ich habe diesen Rückhalt zum Glück gehabt. Am Ende bleibt nichts anderes übrig, als die Behinderung zu akzeptieren. Man muss einfach weitermachen, darf nicht aufgeben. Dann schafft man Vieles. Für mich gilt da der Leitspruch: Das Geheimnis des Könnens liegt im Wollen.

Fragen: Torsten Lucht

Zu Person und Thema

Es dreht sich so einiges in der Gesellschaft: Für Oswald Ammon ist dafür die Umgestaltung des Kreisels beim Posthalterswäldle/Friedingerstraße in Singen ein Paradebeispiel – letztlich aber bleibt Inklusion eine Kopfsache. <em>Bild: T. </em><em>Lucht</em>
Es dreht sich so einiges in der Gesellschaft: Für Oswald Ammon ist dafür die Umgestaltung des Kreisels beim Posthalterswäldle/Friedingerstraße in Singen ein Paradebeispiel – letztlich aber bleibt Inklusion eine Kopfsache. Bild: T. Lucht
  • Oswald Ammon ist 65 Jahre alt, er ist seit 1978 verheiratet und hat zwei Kinder im Erwachsenen-Alter. Der Gymnasiallehrer mit den Schwerpunktfächern Englisch, Wirtschaft und Politik unterrichtete nach seinem Schlaganfall und der dadurch erlittenen halbseitigen Lähmung im Jahre 1999 in seinem Beruf weiter. Neben seiner ehrenamtlichen Arbeit als Behindertenbeauftragter des Landkreises Konstanz betreibt er viel Sport.
  • Begriffsbestimmungen: Inklusion steht als soziologischer Begriff für eine Gesellschaft, in der jeder Mensch gleichberechtigt und selbstbestimmt am öffentlichen Leben teilhaben kann. Inklusion grenzt sich von der Integration insofern ab, als bei der Integration im Grundsatz das Ziel der Anpassung an die gesellschaftlichen Normen verfolgt wird (zum Beispiel im Bereich der Sprache). Die Exklusion als Gegensatz zur Inklusion beschreibt den Ausschluss eines Teils der Menschen – etwa durch Unterbringung von Menschen mit Behinderungen in Heimen.
  • Beim Inklusionspreis des Landkreises Konstanz werden Projekte in den Kategorien Wohnen, Freizeit und Schule/Qualifikation/Arbeit mit einem Preisgeld von jeweils 2000 Euro ausgezeichnet. Die Frist für Bewerbung endet am 30. September (Infos und Anmeldeformular unter www.LRAKN.de). (tol)

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