Mein

Singen „Ich war immer eine Exotin“

04.07.2011
Singen -  Montags bei Trautmann: Rosel Reichert war schon immer eine couragierte Frau. Heute ist das Unternehmen, das sie als alleinerziehende Mutter in Singen gründete, 40 Jahre alt.
„Ich war immer eine Exotin“

Rosel Reichert (links) ist eine couragierte Frau. Zum Montagsgespräch mit Gudrun Trautmann brachte die 80-Jährige einen schweren Koffer mit dem dicken Bundessteuerblatt aus dem Jahr 1971 mit. Damals gründete sie ihre Kanzlei in Singen.  Bild: Bild: Sabine Tesche

Service
Artikel drucken  Artikel drucken
  Artikel versenden

  Newsletter
  RSS-Feed


Die Steuerberaterin erzählt, wie sie sich all die Jahre in der Männerdomäne behauptete

Frau Reichert, wenn man Ihr Lebenswerk betrachtet, so wird deutlich, dass Sie immer eine Kämpferin waren. Woher kommt diese Grundhaltung?

Ich bin eigentlich ein Produkt aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Da lernt man zu kämpfen. Ich wurde zum Hamstern geschickt. Das bedeutete über Land zu fahren und für die Familie Lebensmittel zu beschaffen. Das konnte ich schon damals recht gut. Auch führte mich mein Abenteuergeist in die weite Welt.

So ging es vielen anderen auch. Sie haben aber trotzdem mehr Hartnäckigkeit und Durchsetzungsvermögen entwickelt als andere Ihrer Generation. Wie erklären Sie sich das?

Mein Vater hat uns sehr politisch erzogen. Er war Invalide und hatte viel Zeit für seine fünf Kinder. Als Gegner des Naziregimes hat er unsere Sinne geschärft. Wir haben Juden bei der Flucht ins Ausland geholfen. Andererseits waren die Brüder meiner Mutter systemtreu. Sie hatten keine Arbeit und wurden dann von den Nazis für den Straßenbau rekrutiert. Das war für uns eine schwierige Situation. Da habe ich den Kampf zwischen Hitlerregime und den Andersdenkenden sehr hautnah erlebt. So entwickelte sich meine Kämpfernatur.

Wie muss man sich das Klima in einer Familie mit so vielen Gegensätzen vorstellen?

Wir hatten eine kleine Pension, in der auch SA-Leute aus München abstiegen. Quasi vor deren Augen haben wir von 1933 an Juden bei der Flucht geholfen. Mir kann keiner sagen, er hätte nichts von der Reichskristallnacht gewusst. Selbst in unserem Dorf hinterm Mond im hintersten Schwarzwald wusste ich davon.

Sie waren 14 als der Krieg zu Ende war. In der Zeit war es nicht ganz selbstverständlich, dass ein Mädchen eine fundierte Berufsausbildung erhielt. Wie haben Sie das geschafft?

Ja, da habe ich Glück gehabt. Ich war sehr wissbegierig und hatte einen ganz tollen Lehrer. Und unser Vater hatte schon früh darauf geachtet, dass alle vier Mädchen einen Beruf erlernten. Ich war die Jüngste und hatte Privatunterricht in Französisch erhalten. Ich war auf der Wirtschaftsoberschule und habe zwei Kaufmannsgehilfenprüfungen abgelegt. Dann war ich als Substitutin (Verkaufsleiterin) in der Modebranche tätig. Aber das war nicht so meine Sache ist. Ich interessierte mich mehr für Zahlen. Deshalb habe ich mich nach vier Jahren zum Abendstudium in der Freiburger Universität angemeldet und Betriebswirtschaft studiert.

War das auch die Basis für Ihre spätere Selbstständigkeit?

Dazwischen lagen noch einige Stationen. Ich habe dann die Fachangestelltenprüfung bei einem Steuerberater in Titisee-Neustadt gemacht. Später war in einem Steuerbüro in Staufen, wo ich mich langsam auf die Selbstständigkeit vorbereitete.

Mittlerweile waren Sie auch Mutter geworden und hatten als Alleinerziehende einen Sohn zu versorgen.

In Staufen fand ich einen fortschrittlichen Steuerberater, der für seine sieben Kinder eine Kindergärtnerin beschäftigte, und auch meinen Sohn aufnahm. 1968 habe ich die Steuerberaterprüfung gemacht. Da stand fest, dass ich selbstständig werde. Ich wusste ja, dass ich lange Geld verdienen musste, um mein Kind zu versorgen und auszubilden. Im Angestelltenverhältnis hätte ich das nicht gekonnt.

Was hat Sie in der Situation bewogen, nach Singen zu kommen?

Ich habe mir natürlich Praxisangebote eingeholt. Und dann habe ich mit meinem Fiat 128 alle Stationen abgeklappert: Karlsruhe, Stuttgart-Flughafen, Reutlingen, Rottweil und Singen. Dort war ein älterer Herr, der auf mich sehr seriös wirkte. Am 1. Juli 1971 habe ich die Praxis übernommen.

Stimmt es, dass Sie dann eine Überraschung erlebten?

Das kann man wohl sagen. Ich musste feststellen, dass der größte Teil meines Klientels aus dem Rotlichtmilieu kam: „Conti“, „Café Bückdich“. Da konnte ich als Frau gar nicht alleine hingehen. Der andere Teil der Mandanten war weit verstreut, so dass ich bis Messkirch und Sigmaringen fahren musste.

Das heißt ja, dass die Adressen für Sie wertlos waren. Wie haben Sie dieses Problem gelöst?

Mein alter Chef half mir aus der Klemme. Er vermittelte mir neue Mandanten im Zusammenhang mit der Erfassung des Gebäudeeinheitswertes. Da bin ich wieder über Land gefahren zu den Landwirten im Kaiserstuhl und im Münstertal. Für die Akademie Meersburg für Steuerrecht hatte ich einen Lehrauftrag.

Das hört sich alles sehr aufreibend an. Hatten Sie nie schlaflose Nächte?

Nein. Ich bin ein geborener Optimist und risikofreudig. Ich war immer mutig, ohne den Blick für die Realität zu verlieren. Und so habe ich auch Unternehmensgründern Mut gemacht und sie begleitet.

Hatten Sie in der Männerdomäne Probleme ernst genommen zu werden?

Am Anfang schon. Da haben alle gesagt: Wir hatten noch nie eine Frau als Steuerberaterin. Ich war immer eine Exotin, schon allein bei der Wahl des Firmenlogos und Layouts. Versuchsweise wurde ich dann für drei Monate engagiert. Danach war das Vertrauen geschaffen. Heute hat die Kanzlei 35 Mitarbeiter.

1994 stieg ihr Sohn als Partner ein. 2003 sind Sie ausgeschieden und haben den Betrieb ganz übergeben. So ganz können Sie es aber nicht lassen, denn Sie betreuen ja immer noch zwei kleine Grundstücksgesellschaften. Mit 60 haben sie ja auch noch mal ein ganz neues Büro in Köthen (Ostdeutschland) eröffnet. Heißt das dass Ihre Leidenschaft für Zahlen nie aufhörte?

Der Osten, das war 1990 ein Experiment, das mich unheimlich reizte. Da ging es um die Privatisierung großer Kombinate. Ich habe mir die besten Leute rausgesucht und mit ihnen neue GmbHs gegründet. Wir sind zusammen nach Bonn gefahren, um Fördermittel zu organisieren. Das war eine sehr spannende Zeit.

Fragen: Gudrun Trautmann

Alle Gespräche im Online-Dossier: www.suedkurier.de/beitrautmann

Jede Woche trifft Gudrun Trautmann, Lokalredakteurin in Singen, interessante Menschen aus Singen und dem Hegau, die ihre Geschichte erzählen. Das komplette Interview gibt es dann montags in der Zeitung - und hier auf suedkurier.de

zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden
Schreiben Sie Ihre Meinung
Überschrift
Text


noch 1000 Zeichen


Informiert bleiben:
Bei jedem neuen Kommentar in dieser Diskussion erhalten Sie automatisch eine Benachrichtigung
Unsere Community-Regeln

Jetzt Newsletter anfordern:
© SÜDKURIER GmbH 2013