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Singen ECE-Bedenken: "Singen wird an Attraktivität verlieren"

Das Thema ECE-Einkaufscenter beschäftigt auch die Mittelstandsoffensive namens „Buy local“ (Kaufe vor Ort), die sich für die Unterstützung des heimischen Handels stark macht. Den Bundessitz hat die Organisation in Singens Ekkehardstraße 2. Geschäftsführerin ist Ilona Schönle. Sie nimmt Stellung auf Fragen rund um das geplante Center.

1. ECE in Singen: Kann es hierzu ein Pro oder Contra geben? „Das Gute an der gesamten Diskussion rund um das ECE ist, dass sich viele Bürger Gedanken um ihre Stadt machen. So unterschiedlich die Standpunkte auch sein mögen, der Hintergrund ist doch derselbe: Es geht um die Stadt Singen und um eine erfolgreiche Zukunft und Gestaltung der gemeinsamen Heimat. Eine Stadt, in der sich die Menschen gerne aufhalten, bummeln und arbeiten. Kurzum, eine Stadt, in der es sich gut leben lässt. Lediglich wie dies erreicht werden kann, führt zu heftigen und unnötigerweise persönlich-negativen Diskussionen.

In Singen leben heißt auch, seinen Lebensunterhalt hier zu verdienen. Durch eine ECE Centeransiedlung kommen bis zu 80 neue Geschäfte nach Singen und diese schaffen viele neue Arbeitsplätze. Nicht vergessen werden sollte in diesem Zusammenhang allerdings, dass ein innerstädtisches Shoppingcenter nicht nur erhebliche Auswirkungen auf den bestehenden Handel und Dienstleistungssektor hat, sondern das Erscheinungsbild der Stadt grundlegend und dauerhaft verändert.“

2. Welche Auswirkungen hat dies auf die Arbeitnehmer und Bewohner? „Kein Arbeitgeber kann Umsatzeinbußen verkraften, wie sie in der BBE Studie genannt werden. Vergleichbare ECE Ansiedlungen, beispielsweise in Hameln, zeigen, dass trotz neuer Unternehmen keine zusätzliche Anzahl an Arbeitsplätzen entsteht. Bestehende Arbeitsplätze verschwinden. Filialisierte Unternehmen beschäftigen pro Quadratmeter weniger Mitarbeiter. Die Konsequenz daraus zeigt die Langzeitstudie aus Hameln: Es entstehen zwar so genannte Minijobs, gleichzeitig fallen aber viele Vollzeitstellen weg. Hinterfragen sollte man auch die Qualität der Arbeitsplätze. Viele der üblichen Unternehmen, die sich in einem ECE ansiedeln, bilden kaum oder gar nicht aus. Gerade eine abgeschlossene Ausbildung ist jedoch der Grundstein für ein erfolgreiches Leben – auch in Singen.“

3. Stadt und Untersuchungen sprechen von bis 60 Millionen Euro Zusatz-Umsatz für Singen. Eine große Chance? Das Einzugsgebiet, auf das sich die Berechnung der BBE Studie stützt, lässt zumindest Zweifel an der Realisierbarkeit dieses zusätzlichen Umsatzes entstehen. Der Kaufkraftzuwachs bedient sich weiterhin der Annahme, dass viele Schweizer zusätzlich nach Singen zum Einkaufen kommen. Dieser Zustrom ist aber stark abhängig vom Frankenkurs. Das ECE wird über Jahrzehnte das Bild der Stadt prägen – eine Änderung des Wechselkurses kann allerdings von heute auf morgen stattfinden.“

4. Welche Auswirkungen hat ein ECE auf die Stadtwirtschaft und jeden einzelnen Bürger? „Idealerweise profitiert jeder Einzelne und die Gemeinschaft von diesem zusätzlichen Geld. Jedoch werden der Netto-Ertrag der Filialen und somit auch die Steuern immer am Ort der jeweiligen Zentrale verbucht. Das ist üblicherweise nicht die Stadt, in der das Center steht, also auch nicht Singen. Aufgrund der geringen Personalkosten in den Filialen fällt auch die Gewerbesteuerzuweisung insgesamt niedriger aus. Die Mieten der bestehenden Gewerbeflächen in der übrigen Stadt sinken oder fallen bei Leerstand sogar gänzlich weg, was noch einmal ein niedrigeres Steueraufkommen bedeutet. Das zunächst nach Singen fließende Geld wird dadurch nur durchgereicht. Es wäre nicht die erste Stadt, die auch nach einer erfolgreichen ECE Ansiedlung trotzdem schlechter dasteht als vorher.“

5. Ein Argument lautet: In Konstanz hat es doch auch funktioniert. „Die Vorzeichen für Konstanz waren allerdings andere als sie es für Singen sind. In Konstanz ergaben die Studien keine relevante Umsatzverschiebung innerhalb des städtischen Handels. Ganz im Gegenteil zu Singen. Hier geht die BBE-Studie von einer Umsatzverschiebung von bis zu 60 Prozent in einzelnen Branchen aus. Diese Verschiebung wäre für viele Einzelhändler existenzbedrohend. Und im Zusammenhang damit sind auch bestehende Arbeits- und Ausbildungsplätze in Gefahr. Der zu erwartende Mietpreisverfall wird dazu beitragen, dass in den erwähnten Innenstadtgebieten nur noch minderwertige Geschäfte Einzug halten. Das Augenmerk bei Instandhaltungsmaßnahmen wird sich auf den Bahnhofsvorplatz beschränken. Im Gegensatz zu Singen besitzt Konstanz eine schöne Altstadt, allein derentwegen Menschen die Stadt besuchen.“

6. Und was ist mit Singen? „In Singen ist es mit der Aufenthaltsqualität schlecht bestellt. Es fehlt an Atmosphäre und Attraktivität des städtischen Erscheinungsbildes. Zukünftige Kunden des Shoppingcenters in Singen werden daher, anders als in Konstanz, einen Besuch des Einkaufszentrums nicht mit einem Bummel durch die restliche Innenstadt verbinden. Singen wird also insgesamt auch gegenüber Konstanz noch weiter an Attraktivität verlieren. Während Konstanz auch mit dem Lago über eine Innenstadt mit hohem Wiedererkennungswert mit Münster, Stadtmauer, Fachwerk verfügt, droht Singen eine beliebig austauschbare Einkaufsstadt zu werden. Singen am Hohentwiel wird zu Singen am ECE-Center.“

7. Ist das ECE-Projekt eine einmalige Chance für Singen? „Das ECE-Center wird von vielen Befürwortern nicht nur als große Chance in punkto Arbeitsplätze und Einkaufsmöglichkeiten gesehen, sondern auch als wichtiger Schritt, Singen städtischer zu gestalten. In der Tat ist es so, dass die derzeitige Innenstadtgestaltung wenig Raum für ein Innehalten bietet. Auch ist der Holzerbau zweifelsohne ein architektonisches Missverständnis. Der Wunsch von Singener Bürgern nach einer attraktiveren Stadt, die mehr Lebensqualität und Einkaufserlebnisse bietet, ist daher verständlich und berechtigt. Jedoch ob er mit einem anonymen Gebäude eines Hamburger Großinvestors langfristig erfüllt werden kann, ist zumindest fragwürdig. Deutschlandweit ist das Modell der Shoppingcenter auf dem absteigenden Ast. Die Umsätze sind rückläufig, der Markt gesättigt und viele Center haben den Anschluss an die digitale Welt verpasst.

Ein eher altersschwaches Geschäftsmodell also. Eine einmalige Chance für Singen ergibt sich vielmehr aus dem, was man aus dem Holzer-Areal machen kann. Es ist die einmalige Chance, nicht einem Zug aufzusitzen, dem längst die Kohlen ausgegangen sind, sondern ein Ausrufzeichen für die Region zu setzen. Das Areal könnte für eine Mischbebauung genutzt werden, in der Wohn-, Arbeits- und Einkaufsfläche angesiedelt werden. Ein belebter Innenhof, mit Café und Sitzmöglichkeiten, freies W-Lan – das wäre Stadtentwicklung, die nachhaltige Chancen für Singen bietet, auch im Wettbewerb mit Städten der Region und dem Internethandel. Vielleicht die bessere Alternative, anstelle das 184. Shoppingcenter der Bundesrepublik zu werden?“
 

 

Das steckt hinter "Buy local "
 

"Buy local" ist eine bundesweite Initiative von inhabergeführten Fachgeschäften. Der Verein sitzt mit seiner Bundeszentrale in Singen. Er hat ein Gütesiegel für lokales Marketing entwickelt und setzt sich für regionales Einkaufen ein, auch im Internet. Er wirkt als Interessenvertretung von Einzelhandels- und Handwerksunternehmen, die in ihren Regionen positive, persönliche Einkaufserlebnisse für die Kunden anbieten möchten.

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Geplantes Einkaufszentrum am Singener Bahnhof: Noch bevor die Pläne ausgereift sind, sorgt das geplante Shopping-Center am Bahnhof in Singen für reichlich Wirbel. Wenn es nach der Hamburger Investorenfirma ECE geht, soll das Einkaufszentrum größer als das Lago in Konstanz werden. Singens Händler fürchten, sie könnten dadurch Kunden verlieren.
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