Montags bei Trautmann: Immer wieder kehrt der Sonnenforscher Thomas Rimmele in den Hegau zurück, um sich von der Höhe auf dem Sacramento Peak (USA) zu erholen. Beim Redaktionsbesuch schildert er, wie er sich zwischen den Welten fühlt und warum seine Heimat der Hegau geblieben ist.Herr Rimmele, Sie sind auf die kaufmännische Robert-Gerwig-Schule gegangen, die in diesem Jahr ihr 100-jähriges Jubiläum feiert.
Wie wird man von dort Astrophysiker?
Ja, der Weg einer Karriere ist nicht immer geradlinig. Ich kam von der Ekkehard-Realschule und bin dann ins Wirtschaftsgymnasium gegangen. Dort herrschte eine tolle Atmosphäre. Bis heute, also 30 Jahre nach dem Abitur, habe ich immer noch sehr gute Kontakte zu den ehemaligen Klassenkameraden. In dieser fruchtbaren Atmosphäre hat mich ein Lehrer besonders fasziniert. Das war der Physiklehrer Elmar Beck, mit dem ich mich auch heute noch treffe. Er hat mich sehr inspiriert.
Und so beschlossen Sie Physik zu studieren?
Ja, damals reifte der Entschluss, Physiker zu werden und so ging ich zur Universität nach Freiburg. Ich hatte erkannt, dass ich mich mehr für Teilchenphysik interessierte als für Ökonomie. Letzteres kommt mir heute bei der Projektleitung zugute.
Und wann kommt die Astronomie, also die Wissenschaft von den Gestirnen, ins Spiel?
In Freiburg gibt es das Kiepenheuer-Institut, das sich besonders mit der Sonnenforschung beschäftigt. Dort konnte ich ein Praktikum machen und lernte dabei das Observatorium auf dem Schauinsland kennen. Dort steht ein sehr altes Teleskop. Was ich sah, faszinierte mich. Aber ich wollte noch mehr sehen. Mir wurde klar, dass das nur mit einer besseren Optik geht. Und so habe ich die adaptive Optik entwickelt, die die hohe Auflösung erreichen lässt und es damit wissenschaftlich wieder weltweit führend gemacht hat.
Wenn Sie das so sagen, hört sich das so unspektakulär an. In der ZDF-Sendung „Abenteuer Wissen“ über die Sonnenstürme wurde Ihre Forschung aber in die erste Liga der Sonnenforschung eingeordnet. Das Besondere auf dem Sacramento Peak ist die 100 Meter lange Vakuumröhre mit dem Glaskeramikspiegel. Dieses Teleskop wiegt 250 Tonnen. Wozu braucht man das?
Mit diesem Fernrohr können wir etwa 100 Kilometer auf der Sonnenoberfläche betrachten. Die Sonne ist 150 Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Sie ist der einzige Stern, auf dem wir von der Erde aus etwas beobachten können.
Was ist so interessant an der Sonnenoberfläche, dass man Hunderte von Millionen Euro oder Dollar in die Beobachtung steckt?
Wir erforschen die solaren Ursachen für die Klimaveränderung. Wir wollen ein Beobachtungssystem aufbauen, mit dem wir das Weltraumwetter vorhersagen können.
Wozu braucht man das?
Ich bin weit entfernt von jeder Panikmache. Aber wir haben erkannt, dass die Sonnenstürme eine Gefahr für das Leben auf der Erde darstellen. Ein Sonnensturm kündigt sich als Flecken auf der Sonnenoberfläche an. Eine Wolke mit elektrisch geladenen Teilchen und energiereiche Röntgenstrahlung wird zur Erde geschleudert und verursacht hier Kurzschlüsse. So können unsere Stromnetze lahmgelegt werden. Unser Alltag wäre behindert. Wenn halb Amerika oder halb Kanada ohne Strom ist, dann kostet das Unsummen. Noch schlimmer ist es aber, wenn ein solcher Sonnensturm Satelliten zerstört, weil unsere gesamte Kommunikation und Informationstechnologie gestört würde. Wenn wir uns auf einen Sonnensturm einstellen können, können wir die Satelliten rechtzeitig abschalten. Doch dazu muss man die Magnetfelder auf der Sonne verstehen.
Und deshalb dürfen Sie jetzt als Projektwissenschaftler auf dem Haleakala (übersetzt: Haus der Sonne) auf Hawaii in 3000 Metern Höhe ein neues Observatorium für über 300 Millionen Dollar bauen?
Es hat 15 Jahre gedauert, bis wir den Kongress und den Präsidenten von der Notwendigkeit überzeugen konnten. 2018 soll es fertig werden. Wir arbeiten eng mit dem Kiepenheuer-Institut zusammen. Und auch die deutsche Industrie ist an dem neuen Teleskop beteiligt. Die Firma Schott in Mainz wird das Glas für den Spiegel herstellen. Das allein wird ein paar Millionen Euro kosten. Das „Brennglas“ wird einen Durchmesser von vier Metern haben.
Wann erwarten Sie den nächsten Sonnensturm?
Der Magnetfeldzyklus der Sonne hat eigentlich alle elf Jahre ein Maximum. Starke Sonnenstürme treten dann gehäuft auf. Aber dieser Rhythmus ist zur Zeit durcheinandergeraten. Wir befinden uns in einem außergewöhnlich ausgeprägten Sonnenfleckenminus. Die nächsten Sonnenstürme erwarten wir jetzt für 2014, also zwei Jahre zu spät.
Sie leben mit Ihrer Frau, die auch aus Aach stammt, und ihren beiden Kindern seit mehr als zehn Jahren in Amerika. Wo ist Ihre Heimat?
Unsere Wurzeln haben wir immer noch hier. Aber wir sind natürlich auch in Amerika zu Hause. Wir wohnen da einsam auf dem Berg in der Idylle im Forschungscamp. Die Kinder müssen von hier aus etwa 25 Kilometer zur Highschool (Gymnasium) fahren. Manchmal fühlen wir uns zwischen den Welten. Wir sprechen in der Familie Deutsch. Aber die Kinder gehen auf eine amerikanische Schule. Ich spiele seit sieben Jahren in New Mexico in einer Jazz-Band und ich spiele Volleyball in einer Mannschaft oben auf dem Berg, wo die Luft so dünn ist.
Sie haben den guten Kontakt zu Ihrer früheren Schule erwähnt. Sind Sie extra gekommen, um das Jubiläum der Robert-Gerwig-Schule mitzufeiern?
Es hat sich gerade so ergeben. Und das freut mich besonders. Außerdem schickt mich mein Arzt immer wieder mal in die Ebene, damit sich mein Blutbild wieder verbessert. In der Höhe entwickle ich zu viele rote Blutkörperchen. Wenn ich im Hegau bin, profitiere ich davon.
Fragen: Gudrun Trautmann
Alle Montagsgespräche im Internet: www.suedkurier.de/beitrautmann