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Singen Carmen Scheide sucht Kontakt

Montags bei Trautmann: Die Wissenschaftlerin Carmen Scheide ist aktiv in die Städtepartnerschaft Singen-Koblejaki eingestiegen. Im Redaktionsgespräch erklärt sie warum die Freundschaft gerade jetzt nicht einschlafen darf

Montags bei Trautmann: Die Wissenschaftlerin Carmen Scheide ist aktiv in die Städtepartnerschaft Singen-Koblejaki eingestiegen. Im Redaktionsgespräch erklärt sie, warum die Freundschaft jetzt nicht einschlafen darf

Frau Scheide, im Osten der Ukraine tobt der Krieg zwischen russischen Separatisten und dem Freiwilligenbataillon „Donbass“. In wieweit sind die Menschen in Singens Partnerstadt Kobeljaki und im Bezirk Poltawa betroffen? Bekommen sie von dem Krieg überhaupt etwas zu spüren?

Durchaus. Die Region Poltawa liegt in der Zentralukraine. Durch den Krieg sind die Lebensmittelpreise beträchtlich angestiegen und die Leute bekommen kein Gas. Es gibt also kein warmes Wasser. Die Menschen denken jetzt schon mit großer Sorge an den Winter und fragen sich, wie sie heizen sollen.

Beteiligt sich die Region am Kriegsgeschehen im Osten?

Junge Männer aus Kobeljaki werden von der Armee eingezogen und in der Ostukraine eingesetzt. Einige von ihnen sind schon gefallen.

In wieweit haben sich die Menschen in Kobeljaki an der Revolution beteiligt?

Im Februar haben die Menschen in Kobeljaki das Lenindenkmal gestürzt. Ich habe ein Video gesehen, auf dem ein Geistlicher Lenins Kopf zertrümmert.

Sie sind erst seit zwölf Jahren in Singen, lehren und forschen in St. Gallen, Basel und Konstanz. Wie sind Sie zur aktiven Beteiligung an der Singener Städtepartnerschaft gekommen?

Ich unterrichte osteuropäische Geschichte an der Universität in Konstanz und beschäftige mich mit der Geschichte der Zwangsarbeiter. In dem Zusammenhang habe ich Wilhelm Josef Waibel kennen gelernt. Er hat ja mit ungeheurer Beharrlichkeit die Archive der Singener Großbetriebe nach Zwangsarbeitern durchsucht und noch lebende in der Ukraine aufgespürt. Mit den Studenten habe ich regelmäßig die Theresienkapelle besucht, um ihnen das Schicksal der Zwangsarbeiter zu erklären. Herr Waibel war regelmäßig dabei. Er hat Unglaubliches in der Aufarbeitung dieser Geschichte geleistet und ein ungeheures Wissen angesammelt. Vieles davon existierte nur in Erzählungen. Ich war der Meinung, dass man das unbedingt aufschreiben müsste und bat ihn um ein Interview über seine Lebensleistung. Er hat lange gezögert bevor er zusagte. Im Zuge dieser Gespräche bat er mich schließlich darum, die Städtepartnerschaft zu unterstützen und Peter Hänssler zur Seite zu stehen.

Sie beschäftigen sich mit den Schicksalen der Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkriegs in Singener Betrieben und in der Landwirtschaft. Von ihnen leben nur noch sehr wenige und in der Ukraine schwelt längst ein anderer Konflikt. Erklären Sie uns bitte, warum sich die Menschen in Singen trotzdem für die Geschichte der Zwangsarbeiter interessieren sollten.

Die Schicksale der Zwangsarbeiter haben eine Menge mit Singen zu tun. Deshalb sollte man sich dafür interessieren. Diesen Menschen ist großes Unrecht geschehen, und als sie in die Heimat zurück kamen, wurden sie von den eigenen Landsleuten als Spione betrachtet. Die Journalistin Ludmilla Owdijenko aus Kobeljaki hat das sehr eindrücklich in einem Buch geschildert. Darin veröffentlicht sie auch das Tagebuch ihrer Eltern, die sich als Zwangsarbeiter kennenlernten und unter schlimmsten Bedingungen ein Kind bekamen. Solche Dokumente gibt es ganz selten. Die Journalistin beschreibt aber auch, wie sie durch die Freundschaftsbemühungen und Hilfe aus Singen ihren Hass auf die Deutschen überwunden hat. Ich habe das Buch „Wir sind keine Feinde mehr“ auf Initiative von Wilhelm Waibel aus dem Ukrainischen übersetzen lassen. Es wird in der Singener Museumsnacht am 20. September der Öffentlichkeit vorgestellt. Dazu wird es eine Ausstellung mit ergreifenden Fotos geben. Solche Biografien und Lebensberichte sind es, die den Menschen unter die Haut gehen und die auch die Basis für einen friedlichen Austausch über die Grenzen hinweg bilden können.

Wie stellen Sie sich die Zukunft der Städtepartnerschaft vor? Sind Singen und Kobeljaki nicht viel zu ungleich?

Ich wünsche mir einen aktiveren Austausch, nicht nur humanitäre Hilfe, sondern einen Kulturaustausch. Das Interesse ist noch da. In der Ukraine lernen viele junge Menschen Deutsch. Die Zeit für solche Partnerschaften ist günstig, weil die EU den Austausch finanziell fördert. Das Ziel ist, die demokratischen Bemühungen zu stärken. Der ukrainische Außenminister hatte alle 19 deutschen Partnerstädte, so auch Singen, um Unterstützung gebeten.

Woher kommt Ihr persönliches Interesse für Osteuropa?

Ich bin ein Kind des kalten Krieges. Nach der Berliner Mauer kam nichts. Ein Onkel war Journalist und Korrespondent in Moskau. Er erzählte viel.

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