Engen Auferstehungskirche: Theologe Christian Nürnberger und seine Frau Petra Gerster lesen aus ihrem Lutherbuch

Mit Wissen und Humor begeben sich die Autoren auf die Spur des Reformators und ziehen manche Parallele zur Gegenwart

Engen – Schon Jugendliche sollen verstehen können, was dran war an diesem Reformator Martin Luther, der zum Reformationsjubiläum in diesem Jahr in aller Munde ist. Dieses Ziel haben sich der Journalist und Theologe Christian Nürnberger und seine Frau Petra Gerster, selbst auch Journalistin und bekannt aus dem ZDF-Fernsehen, für ihr gemeinsames Buchprojekt zum Reformationsjubiläum gesetzt. Als Höhepunkt im Jubiläumskalender der Gemeinde lasen sie in der evangelischen Auferstehungskirche aus ihrem neuen Buch "Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten".

"Jetzt habe ich das lange Manuskript dabei. Da muss ich Passagen weglassen, sonst werden wir heute Abend nicht fertig", witzelte Christian Nürnberger schon zu Beginn und gab der Veranstaltung an passender Stelle immer wieder einen humorigen Anstrich, meist gefolgt von einem kleinen Seufzer seiner Frau. Dem Paar gelang es, das Publikum leichtfüßig und klug für sich einzunehmen und dabei die Geschichte Luthers leicht verständlich und doch hintergründig zu vermitteln.

Christian Nürnberger machte anhand mehrerer Beispiele klar, dass die Reformation eine weitreichende und tiefgreifende Kulturrevolution war. Mit historischem Weitblick erläuterte er, wie sich die Menschen zu Luthers Zeit durch Humanismus, Kopernikus und die Reformation mit einem ganz neuen Weltbild konfrontiert sahen und wie sich heute auch unser Weltbild durch den Umstieg in die neue digitale Welt verschiebt. Nürnberger stellte eine Verbindung zwischen der Unsicherheit damals und heute her, die durch diese gravierenden Veränderungen hervorgerufen wurden und werden und die damals wie heute Nährboden für Strömungen und Stimmungsmacher waren und sind.

In ihrem Buch machen die beiden Journalisten klar, dass der damalige katholische Mönch Martin Luther den wuchernden Ablasshandel als Missstand in der Kirche anprangern wollte und eigentlich keine große Kirchenreform geplant hatte. "Wenn die katholische Kirche den Ablasshandel eingestellt hätte, hätte es wohl keine Kirchenspaltung gegeben", so Nürnbergers Überzeugung. Luthers Thesen, die wohlgemerkt ohne sein Wissen verbreitet wurden, hätten jedoch einen "Resonanzkörper in Schwingung gebracht", beschrieb Christian Nürnberger es bildlich. "Es war, als ob die Welt schon lange auf diese 95 Thesen gewartet hätte", verdeutlichte er.

Die beiden Autoren machten deutlich, dass Guttenbergs Buchdruck maßgebliche Bedeutung für die Reformation erlangte und Luther selbst zum ersten Bestseller-Autor überhaupt wurde. Petra Gerster beschäftigte sich für das gemeinsame Buch mit Luthers Frau Katharina von Bora, die als Nonne aus dem Kloster floh und niemand anderen zu heiraten gewillt war als Luther, der ihr bei der Flucht geholfen hatte. Gerster verdeutlichte, wie diese kluge und geschäftstüchtige Frau ihren Mann beeinflusste und dass deren für die damalige Zeit verhältnismäßig moderne Ehe deshalb Pate für viele weitere Generationen stand.

Zum Ende der Lesung rückte Nürnberger den Wert der Ökumene in den Vordergrund: "Die Katholiken stellen die Einheit über die Wahrheit und die Protestanten anders herum. So korrigieren sich die Kirchen gegenseitig." So klatschten denn auch Katholiken wie Protestanten im Publikum begeistert und ließen sich ihre Luther-Bücher von dem Autoren-Duo signieren.

"Es war eine ähnliche Umbruchssituation wie heute"

Im Gespräch mit dem SÜDKURIER erläutern die Autoren Petra Gerster und Christian Nürnberger, worauf es beim Schreiben ihres Buchs ankam und warum die 500 Jahre alte Geschichte Luthers gerade heute wieder aktueller denn je ist

Ihr gemeinsames Buch über Luther, seine Ehefrau und die Reformation richtet sich gezielt schon an Jugendliche. Was braucht es, um ein solches Buch auch an junge Menschen zu richten?

Gerster: Das Wichtigste ist, dass man es so schreibt, dass es junge Leute auch lesen wollen und auf Anhieb verstehen. Es muss eine moderne verständliche Sprache sein. Im Grunde ist es unser tägliches Brot als Journalisten. Wir müssen ja auch bei den Nachrichten komplizierteste politische Zusammenhänge in 30 Sekunden ganz knapp und ganz verständlich herüberbringen.

Wie sah die Zusammenarbeit am gemeinsamen Buch zu Luther aus?

Gerster: Wir sind erprobte gemeinsame Autoren. Das ist das vierte Buch, das wir zusammen schreiben. Wir haben eine Erziehungstrilogie zusammen geschrieben und so haben wir uns sozusagen von Buch zu Buch besser zusammengerauft. Beim ersten Buch haben wir noch ein bisschen Krach gekriegt.

Nürnberger: Ein bisschen? Einen fürchterlichen. (lacht)

Gerster: Dann wurde es aber von Buch zu Buch besser. In diesem Buch war es unproblematisch, weil er eigentlich alles geschrieben hat, was Luther betraf. Ich habe mich auf Katharina von Bora beschränkt.

Welche Resonanz haben Sie bisher auf das Buch bekommen. Was verwundert die Leser am meisten an diesem Luther?

Nürnberger: Uns verwundert am meisten das große Interesse, das diesem Buch entgegengebracht wird. Wir haben nicht damit gerechnet, als wir anfingen zu schreiben. Wir wussten ja, es erscheinen 100 Bücher und unseres ist eines davon. Das Interesse an Luther, auch die anderen 100 Bücher verkaufen sich ja gut, hat uns sehr erstaunt.

Gerster: Ich glaube das liegt daran, dass viele doch in dem Luther eine Parallele auch zu unserer Zeit erkennen. Diese ganzen Glaubenskriege, die man jetzt wieder sieht, zwischen Sunniten und Schiiten und dieser Fundamentalismus bei den Salafisten. Ich glaube, dass man eine Parallele zur Geschichte zieht.

Nürnberger: Ich glaube, die Leute spüren, dass wir in einem Umbruch leben, der dasselbe Ausmaß hat wie vor 500 Jahren. Wo so vieles zusammen kommt, sich so viel gleichzeitig verändert. Die Leute spüren das und suchen Orientierung. Und man orientiert sich, indem man auch mal rückwärts guckt und sich fragt, wo man herkommt. Dann kann man besser entscheiden, wo man hin will.

Gerster: Das ist eine zweite Parallele. Die Guttenberg-Erfindung des Buchdrucks entspricht unserem Internet und der digitalen Revolution. Das ist durchaus eine ähnliche Umbruchssituation.

Fragen: Helene Kerle

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