Hegau Milchbauern: ,,Wir stehen mit dem Rücken zur Wand''
Milchbäuerinnen protestieren für faire Milchpreise vor dem Bundeskanzleramt in Berlin. Auch aus dem Hegau richtet sich der Protest in die Hauptstadt. Bild: SK-Archiv
Haben Sie Verständnis für die Milchbauern? Hegau – „Ich werde in diesem Jahr ein Minus von 24 000 Euro einfahren, wenn der Milchpreis so bleibt“, so Landwirt Klaus Mohr aus Weiterdingen. 200 000 Liter Milch produzieren seine 40 Kühe jährlich. „Der aktuelle Preis ist absolut nicht kostendeckend, er ist existenzbedrohend. Trotzdem will ich bei den ersten roten Zahlen nicht gleich hinwerfen“, sagt er. Erst vor zwei Jahren hat er eine neue Melkanlage gebaut, die ist abgezahlt, wie auch der restliche Hof, deshalb hofft er, länger als die anderen durchzuhalten. „Bis eben der Liter Milch wieder 40 Cent kostet und meine Betriebskosten deckt.“
Manfred Kupprion aus Rielasingen-Worblingen investiert jetzt schon, auch wenn der Milchpreis eigentlich dafür nichts hergibt. Er muss einen neuen Laufstall für seine knapp 100 Milchkühe bauen. Der alte entspricht nicht mehr den neuen EU-Normen. Gut 600 000 Euro kostet ein neuer Stall. 30 Prozent Zuschuss vom Staat wird er für das Gebäude erhalten, die dazu nötige Innenausstattung eines aufgegebenen Milchviehstalles hat er kürzlich in Stendal zu einem Bruchteil des Neupreises erstehen können: „Auch wenn alles ein paar Jahre gebraucht wurde, zu diesem Preis haben wir es uns leisten können. Ich will nicht, dass mein Sohn den neuen Stall sein Leben lang abzahlen muss.“ Denn Michael Kupprion (24) will den elterlichen Hof übernehmen und wünscht sich wie sein Vater einen Milchpreis, für den sich die Arbeit lohnt.
„Was wir derzeit verdienen, ist nicht mal mehr ein Ein-Euro-Job“, verkennt auch die Riedheimer Bäuerin Marlies Bucher die Lage nicht. „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand“, weiß sie und zieht daraus die Kraft, zu protestieren. Leise untergehen will sie nicht. Stattdessen ist sie mit vielen anderen Bäumen nach Berlin gefahren, um vor dem Kanzleramt die ganze Wut auszudrücken. Und auch wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel verstohlen den Hinterausgang des Adenauerhauses nutzen musste, um ja nicht mit den protestierenden Bäuerinnen aneinander zu geraten, ist Marlies Bucher überzeugt: „Umsonst war das nicht!“ Erste, bei weitem nicht ausreichende Erfolge, haben die letzten Tage gezeitigt.
Im Kanzleramt wurde der Ernst der Lage wohl erkannt. „Ärgerlich ist doch, dass unsere Kanzlerin das Volk nicht treffen wollte“, empört sich Europawahl-Kandidatin Christel Hahn. Die Tengenerin kandidiert für die neue Liste Newropeans.
Bodenständiger sieht es Bauer Kupprion: „Die Probleme sind hausgemacht. Wir Landwirte müssen enger zusammen stehen und an einem Strang ziehen. Wir müssen die Preise vorgeben, nicht der Handel“, sagt er.
