Willy Meyer hatte es nicht weit, als er im letzten Jahr einen Film über den Reichenauer Stefan Riebel (53) gedreht hat: Er lebt in Allensbach. Am Bodensee hat der langjährige SWR-Mitarbeiter schon öfter gedreht, doch so früh aus den Federn musste er vermutlich noch nie: Riebel ist einer der letzten Berufsfischer auf der Insel, und deren Arbeitstag beginnt in der Regel vor Sonnenaufgang. Ein Jahr lang hat Meyer den Insulaner immer wieder aufgesucht, bei herrlichstem Wetter ebenso wie bei minus 15 Grad. Er hat ihn zu seinen Netzen begleitet, zu Sitzungen und Festen, auf seinen Weinberg und in die Brutanstalt, wo der Fang der nächsten Jahre gezüchtet wird.
Natürlich soll der Fischer für all jene stehen, die auf diese Weise ihr Brot verdienen und auch für all die anderen, die einem gefährdeten Handwerk nachgehen. Auf der anderen Seite ist „Der Fischer vom Bodensee“ aber in erster Linie das Porträt eines ganz normalen Menschen und schon deshalb fällt der Film aus dem Rahmen: Riebel hat keine Rekorde vorzuweisen und keine glanzvollen Taten vollbracht; er ist, wenn man so will, ein Held des Alltags und daher ist die Dokumentation auch ein Denkmal all jener, die im Grunde nur ihre Arbeit tun.
Dies allein wäre für einen Film allerdings zu wenig. Das Porträt profitiert natürlich davon, dass Riebel ein reflektierender Mensch ist, der über ein gewisses Charisma verfügt und darüber hinaus ausgezeichnet erzählen kann. Außerdem hat der Fischer den Filmemacher ungewöhnlich nah an sich heran gelassen und das keineswegs nur im buchstäblichen Sinn. Auf diese Weise ist eine Fülle an Material zusammen gekommen, das Meyer gemeinsam mit Schnittmeisterin Isabelle Allgeier zu einem intensiven Konzentrat destilliert hat. Sehens- und bemerkenswert aber wird die Arbeit durch den Rahmen, den er Riebel gibt. Der Allensbacher Willy Meyer ist bekannt für seine sorgfältigen Kompositionen aus Bildern und Musik. Auch „Der Fischer vom Bodensee“ beeindruckt immer wieder durch Einstellungen von atemberaubender Schönheit: Der See darf sich zu allen Jahreszeiten und selbstredend bei Sonnenauf- und untergängen von seinen besten Seiten zeigen. Geadelt wird die Arbeit von Kameramann Ulrich Nissler durch die wunderbar stimmige Musik von Matthias Frey.
Auf diese Weise entsteht eine Melancholie, die perfekt zu der Nachdenklichkeit passt, mit der Riebel über seine Arbeit und den Einklang mit der Natur spricht. Dass dies auch das aus Fischersicht unvermeidliche Abschießen der gefräßigen Kormorane einschließt, ist nicht schön, gehört aber dazu. Meyer behandelt das strittige Thema sensibel, enthält sich jedoch jeder Bewertung. Der Film kommt ohnehin völlig ohne Kommentar aus und auch das ist eine Kunst für sich. Riebels Argumente sprechen für sich selbst: Die Vögel fressen den Fischern regelmäßig die Netze leer und bedrohen somit ihre Existenz.
Ein See ohne Fischer, sagt Riebel, wäre wie ein Acker ohne Landwirt. Von der Konkurrenz durch die Kormorane und vom Außenbordmotor abgesehen aber hat sich das Handwerk über die Jahrhunderte nicht verändert, ganz im Gegensatz zur Reichenau; und auch das ist eines der vielen Themen dieses Films, den der SWR leider erst zu nachtschlafender Zeit ausstrahlt.
