Einen etwas entspannteren Eindruck macht Dirk Fahr, als er zum zweiten Mal in die Redaktion kommt. Schon beim ersten Besuch war es ihm ein dringendes Anliegen, in irgendeiner Form ein Zeichen zu setzen gegen Gewalt. Vor etwa einer Woche ist sein ehemaliger Kollege und guter Freund am Mühlbachcenter vermutlich von einem 15-Jährigen mit einem City-Roller niedergeschlagen worden. Jetzt ist Dirk Fahr mit der Organisation vorangekommen: Am Sonntag, 12. August, um 20 Uhr, soll eine Schweigeminute gegen Gewalt am Mühlbachcenter stattfinden. Alle Radolfzeller sind eingeladen, daran teilzunehmen. Es schließt sich ein Schweigemarsch zum Radolfzeller Münster an, wo Priester Marek Dziewieki ein Gebet für den Schwerverletzten sprechen wird.
„Die Gewaltbereitschaft wird größer und ich möchte darauf hinweisen, dass man Zivilcourage zeigen soll, dass die Menschen aufeinander aufpassen sollen“, formuliert Dirk Fahr seine Motivation. Außerdem seien viele Radolfzeller sehr betroffen wegen des Geschehenen, manche hätten Angst, abends an den See zu gehen. Er hofft, dass sich möglichst viele Radolfzeller an der Aktion beteiligen werden.
Kriminalhauptkommissar Jürgen Harder, Leiter des Sachbereichs Prävention bei der Polizeidirektion Konstanz, gibt derweil Auskunft darüber, wie die Polizei versucht, ähnliche Delikte zu verhindern. Grundsätzlich gebe es Präventionsprogramme an Schulen. Darüber hinaus arbeite man intensiv mit jungen Leuten, die wie der mutmaßliche Täter, zuvor bereits auffällig wurden. Zum einen sei stets das Jugendamt involviert. Außerdem gebe es die sogenannte „Gefährder-Ansprache“: „Die Polizei verdeutlicht dabei dem jungen Menschen, was er da tut, welche Konsequenzen dies für ihn persönlich hat“, erläutert Jürgen Harder. Der Erfolg einer solchen Ansprache hänge allerdings stark von der Kooperation des Elternhauses ab. „Eine weitere Maßnahme kann sein, dass man den Jugendlichen aus der Familie herausnimmt und er in einem betreuten Wohnmodell aufgenommen wird.“ Für mehr Sicherheit in der jeweiligen Kleinstadt zu sorgen, sei ebenfalls schwierig. Der Moustelon-Platz sei wegen des Einkaufszentrums, das lange geöffnet habe, prädestiniert als problematisches Gebiet. Er sei im Streifenplan fest integriert, dennoch sei es Zufall, ob die Beamten zu einer Tat, die sich innerhalb zweier Minuten ereigne, hinzukämen. Eine Videoüberwachung sei häufig ein wirksames Instrument der Abschreckung.
Ebenfalls auf Abschreckung setzt Novica Martinovic, Chef des Bodensee-Security-Services. Seine Mitarbeiter sind von der Leitung des Einkaufsmarkts beauftragt, nach dem Rechten zu sehen. Der Auftrag beschränkt sich jedoch auf das Gebäudeinnere. „Mein Mitarbeiter war zwei Minuten bevor es passierte hineingegangen, um die Treppenhäuser zu kontrollieren.“ Dies sei ein dummer Zufall, denn auch außerhalb des Gebäudes hätten Security-Kräfte eine abschreckende Wirkung. In diesem Fall sei die Polizei sehr rasch vor Ort gewesen. Für Security-Kräfte sei es zwar immer ein Risiko, bei einer eskalierten Situation einzugreifen, doch die meisten Mitarbeiter seien gut genug geschult. „Wenn sie zu zweit sind, ruft einer die Polizei und merkt sich wichtige Fakten, der andere versucht, zu schlichten.“ Den Moustelon-Platz hält er für exponiert genug, um an diesem öffentlichen Platz ebenfalls Security-Kräfte einzusetzen. „Es ist eine Stelle, wo sich Jugendliche Alkohol beschaffen. Gerade älteren Bewohnern wird durch Security-Kräfte mehr Sicherheit gegeben.“
Kurt-Christian Tennstädt, Vorsitzender des städtischen Arbeitskreises für Kriminalprävention, sieht derzeit hingegen keinen Handlungsbedarf. Man versuche, sich nicht von Einzelfällen leiten zu lassen. Hingegen soll eine Umfrage in Radolfzell Aufschluss darüber geben, an welchen Orten sich die Bürger unsicher fühlen. Auch wenn Einzelfälle dies emotional vermittelten, so habe die Jugendkriminalität nicht zugenommen, sie sei eher rückläufig.
In Bezug auf den aktuellen Fall ist die Polizei nach wie vor dankbar für weitere Hinweise von Zeugen, die sich eventuell noch nicht gemeldet haben (Tel. 07531/995 1020). Dies sei für die Kriminalpolizei wichtig, um bestehende Unklarheiten in der Eskalation der Situation zu klären. Zeugenhinweise seien bei diesem Fall sehr hilfreich gewesen, weil sie zur Feststellung des Fluchtfahrzeugs verholfen hätten. Auch die Familie des Opfers wünscht sich, dass der Fall vollständig aufgeklärt wird.
Im Juli 2012 wurde ein 40-Jähriger mit einem Cityroller schwer verletzt und liegt seitdem im Koma. Der mutmaßliche Täter, ein zur Tatzeit 19-jähriger Radolfzeller, muss sich vor Gericht wegen schwerer Körperverletzung verantworten.
