Radolfzell Wenn das Leben vom Komma abhängt
Die Schüler haben sich im Vorfeld mit der Zeitung beschäftigt und hatten einige Fragen an den Radolfzeller SÜDKURIER-Lokalchef. Bild: Wagner
Ein Komma ist selten lebensentscheidend. Manchmal aber doch. Das zeigt Torsten Lucht, Chef der Radolfzeller SÜDKURIER-Lokalredaktion den Schülern der Klasse 10 d des Friedrich-Hecker-Gymnasiums anhand des Satzes "Hängt ihn nicht begnadigen". Er erhält, aus Sicht des Häftlings gesehen, eine existentielle Bedeutung, je nachdem, wo das Komma steht: Hängt ihn, nicht begnadigen oder Hängt ihn nicht, begnadigen. Ganz so dramatisch ist die Frage von Sina Heilmann wohl nicht gemeint, aber dennoch relevant: Warum es im SÜDKURIER denn viele Rechtschreibfehler gebe. Gute Frage. Auf die der Lokalchef mehrere Antworten hat: Zum einen habe es früher hauptberufliche und ausgebildete Korrektoren gegeben, die gibt es heute aus Kostengründen nicht mehr. Zum anderen sei es wirklich ärgerlich, aber manchmal sehe man den eigenen Fehler nach einem Tag vor dem Computer-Bildschirm einfach nicht mehr. Drittens sei falsch und richtig nach der jüngsten Rechtschreibreform manchmal schwer zu definieren.
Zeitung ist aber mehr als Orthografie, das haben die Zehntklässler im Verlauf des "Klasse"-Projekts verstanden. Interessiert sind sie vor allem an den praktischen Aspekten des Zeitungswesens. Woher der SÜDKURIER die Informationen bekomme, will Philipp Marschall wissen und ihn interessieren besonders die Themen, bei denen es um die Polizei geht. Torsten Lucht erläutert anhand eines Beispiels, dass der Umgang mit Informationen nicht einfach ist: Kürzlich sei in Radolfzell ein Aufmarsch Rechtsradikaler angekündigt gewesen, der dann aber nicht stattgefunden habe. Stattdessen gab es eine Gegendemonstration.
Die Polizei meldete: keine Vorkommnisse. Er habe diese Meldung dann so ins Blatt gesetzt, woraufhin ein Bürger berichtete, es sei ganz anders gewesen: Viele Bürger hätten Angst gehabt vor den Demonstranten. "Auch Stimmungen sind Nachrichten", schlussfolgert der Redakteur aus diesem Ereignis und selbstverständlich finden diese neben den reinen Fakten einen Platz im Lokalteil.
Die Informationen, die man auf den drei Radolfzeller Lokalseiten liest, haben ganz verschiedene Quellen. Da sind die freien Mitarbeiter und Redakteure, die in der Stadt unterwegs sind und recherchieren. Außerdem liefern auch Vereine oder die Stadtverwaltung ihre Nachrichten. Nicht ganz einfach, allen gerecht zu werden. Denn, abgesehen von unterschiedlichen Rechtschreibgewohnheiten, haben die Altersgruppen in einer Stadt auch unterschiedliche Leseinteressen.
Dafür ist wiederum die Klasse 10d das beste Beispiel. Denn die meisten Schüler rümpfen genervt die Nase, wenn es um Vereinsberichte geht. Während sie plötzlich hellwach sind, als das Thema "Komasaufen" aufkommt. Das Thema betrifft sie und da schimmert ein gewisser Stolz auf, dass Jugendliche zum Gegenstand der Berichterstattung werden.
Außerdem haben die Jugendlichen Pläne. Es ist für viele ein letztes gemeinsames Schuljahr, da manche nach der zehnten Klasse die Schule verlassen wollen. Zum Abschied möchten sie eine Klassenzeitung erstellen und sind sich nicht so recht einig, ob sie gesellschaftliche Themen integrieren wollen. Das macht aber auch nichts. Denn so eine Zeitung, auch eine Tageszeitung, ist immer nur ein Versuch der Darstellung. Und ein Komma ist glücklicherweise meist nicht lebensentscheidend. Manchmal aber doch. Deswegen ist es sinnvoll, mit seinem Gebrauch sensibel umzugehen.
