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Radolfzell Waghalsige Flucht als letzter Ausweg

Vor exakt 70 Jahren gelang den KZ-Häftlingen Oldrich Sedlácek und Leonhard Oesterle die Flucht aus dem Dachauer KZ-Außenkommando Radolfzell.

In den Abendstunden des 15. November 1943 gelang zwei Häftlingen des Dachauer KZ-Außenkommandos Radolfzell die gemeinsame Flucht in die Schweiz: Oldrich Sedlácek (1919 bis 1949), Friseur aus dem tschechischen Bílina, und Leonhard Oesterle (1915 bis 2009) aus Bietigheim-Bissingen, Mechaniker von Beruf. Sie gehörten zu jenem Kontingent von Dachauer KZ-Häftlingen, die am 19. Mai 1941 in Begleitung einer SS-Wachmannschaft am Radolfzeller Bahnhof angekommen waren und die man vor den Augen der Bevölkerung durch die Stadt zur SS-Kaserne geführt und in den ehemaligen Pferdeställen untergebracht hatte.

Leonhard Oesterle, der als Anhänger der KPD und wegen politischer Widerstandsaktivitäten in Stuttgart bereits 1936 zu fünf Jahren Zuchthaus mit anschließender „Schutzhaft“ verurteilt worden war, hatte bei seiner Verlegung ins Außenkommando Radolfzell ein Jahr als „Funktionshäftling“ im Krankenbau des Stammlagers Dachau hinter sich. Oldrich Sedlácek, der nach Hitlers Einmarsch in Prag 1939 entschlossen war, sich der tschechischen Exilarmee im Ausland anzuschließen, war auf seiner Flucht in Klagenfurt von der Gestapo aufgegriffen und schwer misshandelt worden. Ihn und seinen Bruder Véna verschleppte man am 27. September 1940 ebenfalls nach Dachau. Als Leonhard Oesterle (19. Mai 1941) und Oldrich Sedlácek (3. Januar 1942) nach Radolfzell verlegt wurden, trugen sie den roten Winkel der politischen KZ-Häftlinge auf ihrer gestreiften Häftlingsjacke.

KZ-Verhältnisse in Radolfzell

Unter Arbeits- und Existenzbedingungen, die denen im Stammlager Dachau entsprachen, hatten die 120 namentlich nachweisbaren Häftlinge des Radolfzeller KZ-Außenkommandos für die vor Ort stationierte Waffen-SS-Unterführerschule Zwangsarbeit zu leisten. Im ersten Jahr wurden sie von der SS getrieben, den für Ausbildungszwecke benötigten Schießstand im Gewann Altbohl fertigzustellen. Die ausgesprochen harte Arbeit bestand darin, das Terrain von Wurzelstöcken zu roden und den Erdaushub ohne hinreichendes Werkzeug zu seitlichen Erdwällen und Kugelfängen aufzuschütten und zu befestigen.Zwar wurde im KZ-Außenkommando Radolfzell „Vernichtung durch Arbeit“ nicht ausdrücklich betrieben, doch gehörten eine menschenunwürdige Unterkunft, Hunger, unzureichende Bekleidung und schlechte medizinische Versorgung ebenso zum Alltag der Häftlinge wie die schikanöse Behandlung durch das prügelnde SS-Wachpersonal unter SS-Hauptscharführer Josef Seuß (1906 bis 1946).Vom Kasernenareal gab es bis November 1943 mehrere Fluchtversuche, bei denen es Leonhard Oesterle zufolge zur Erschießung zweier tschechischer Häftlinge kam. Zwei weitere Häftlingstötungen, durch überlieferte Archivdokumente nachweislich, ereigneten sich ebenfalls in dieser Zeit: Bei Außeneinsätzen wurden am 11. November 1941 Jacob Dörr aus Frankfurt (geboren 1916) am Schießstand und am 5. August 1943 der aus Oberschlesien stammende Fritz Klose von SS-Wachpersonal ermordet. Im verschleiernden Jargon der Täter ist in den Lagerdokumenten als Todesursache „auf der Flucht erschossen“ beziehungsweise „Unfall“ vermerkt.

Chronologie einer Flucht

Oldrich Sedlácek und Leonhard Oesterle, die sich bereits in Dachau kennengelernt hatten, wurden in Radolfzell über ihren Fluchtplänen zu Freunden. Am Abend des 15. November 1943 gelangten sie durch ein aufgestemmtes Latrinenfenster auf das Kasernengelände und überwanden am Wachpersonal vorbei die Umzäunungsmauern. Auf ihrem Weg zum SS-Schwimmbad liefen sie in der Dunkelheit über die offenen Felder, überquerten die Landstraße Radolfzell-Böhringen, den Mühlbach und die Bahnlinie westlich der Mooser Brücke. Über den Brückendamm hinweg kamen sie schließlich hinunter zum SS-Bad im „Herzen-Gelände“. Dort brachen sie gegen 19.30 Uhr einen Bootsschuppen auf und setzten mit einem Faltboot ihre Flucht über den Untersee ins Schweizerische Berlingen fort. Auf Höhe des dortigen Schwimmbades erreichten sie gegen 21.40 Uhr das Schweizer Ufer.Nach der Vernehmung auf der Polizeistation und der ersten Nacht in Freiheit, die sie in einem Gasthaus in Berlingen verbrachten, kamen Leonhard Oesterle und Oldrich Sedlácek zunächst in das Gefängnis von Kreuzlingen, von dort als anerkannte „politische Flüchtlinge“ in das Lager Birmensdorf bei Zürich und schließlich in das Flüchtlingslager Bassecourt im Schweizer Jura. Dort trennten sich ihre Wege.Leonhard Oesterle begann 1944 eine bildhauerische Ausbildung bei dem im Exil lebenden Bildhauer Fritz Wotruba und lernte die Exilschauspieler Robert Freitag, Maria Becker und deren Mutter Maria Fein am Schauspielhaus Zürich kennen. 1952 kehrte er nach Deutschland zurück, ging zunächst nach München, später nach Berlin, von wo er 1956 nach Kanada auswanderte. Von 1963 bis 1987 lehrte Oesterle Bildhauerei am Ontario College of Art & Design in Toronto. Im Sommer 1988 führte er mehrtägige, auf Tonband aufgezeichnete Gespräche mit dem Autor Sigbert Kluwe, der Oesterles Lebenserinnerungen in dem 1990 erschienenen Jugendroman „Glücksvogel“ verarbeitete.Oldrich Sedlácek wurde am 16. Dezember 1944 über Genf „ausgeschafft“, ging nach London und wurde noch in den letzten Kriegsmonaten 1945 Soldat in der tschechischen 311. Staffel der RAF, Luftwaffenbasis Tain in Schottland. Sein Sohn Jiri Sedlácek (geboren 1947) schrieb anlässlich der Einweihung der Informationstafel am ehemaligen SS-Schießstand 2012: „Meine Mutter erzählte mir, dass seine Gesundheit durch den KZ-Aufenthalt bereits stark angegriffen war und wenn er nicht geflüchtet wäre, so wäre er dort gestorben. Es war seine letzte Möglichkeit, zu überleben. Er starb 1949 an Tuberkulose im Alter von nur 29 Jahren in Prag. Ich war zwei Jahre, meine Schwester Božena ein halbes Jahr alt. Unsere Mutter war so geschockt, dass sie den Kontakt zu seinen Freunden – wie Leonhard Oesterle einer war – nicht länger aufrechterhalten konnte.“Leonhard Oesterle hatte noch von Zürich aus versucht, Tuberkulose-Medikamente an seinen Freund zu schicken. Als sie in Prag ankamen, war Oldrich Sedlácek bereits tot.

Bildquellen: Die Porträtaufnahmen von Leonhard Oesterle und Oldrich Sedlácek stammen aus dem Dossier der Schweizerischen Fremdenpolizei, Schweizerisches Bundesarchiv Bern; zur Quelle des von Leonhard Oesterles benutzten Luftbildes gibt es keine Hinweise.

Der Autor

Markus Wolter, geboren 1964 in Radolfzell, hat Philosophie, Geschichte und Literaturwissenschaft in Freiburg und Berlin studiert. Er lebt als freier Historiker und selbstständiger Antiquariatsbuchhändler in Freiburg. Von ihm gibt es Veröffentlichungen zur Zeitgeschichte, Orts- und Landesgeschichte und zur Geschichte des Mittelalters.

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