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Radolfzell Versöhnung als höchste Kunstform

01.08.2008
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Er ist ein Zauberer. Er ist auch ein Schelm. Wenn der kleine Mann mit der goldenen Nickelbrille vor seinem Publikum steht und, während der Applaus nicht verebben will, milde lächelt, fragt man sich, was er in diesem Moment denkt. Wäre er Politiker, könnte er einem unheimlich werden. Charisma würde man seine Ausstrahlung dann nennen.

Aber Giora Feidman ist Künstler. Mit seiner Klarinette verzaubert er sein Publikum und nutzt dann den Moment, um seine Botschaft zu überbringen. Die ist denkbar einfach: "Juden und Deutsche. Man singt zusammen in einer Kirche in Deutschland. Das ist normal." Auch seine Worte ernten Applaus, weniger frenetisch als dankbar dieses Mal.

Mit seiner Musik hat er zuvor die bis an den Rand mit Menschen gefüllte St. Nikolaus-Kirche in Böhringen in einen ungewöhnlichen, weil gegensätzlichen Konzertsaal verwandelt. Schon bevor der erste Ton erklingt, wird es ehrfürchtig still im Publikum. Dann kommt er, schleicht sich regelrecht durch die Reihen, mit seiner Klarinette und ganz ganz leisen Tönen. So bringt er jeden einzelnen zum Zuhören, von der ersten Minute an. Doch seine Klarinette kann auch anders: In höchsten wie in tiefsten Tonlagen, jauchzend, klagend, dann wieder tänzerisch leicht und voller Lebenslust.

Vor dem inneren Auge der Zuschauer, die die Musiker auf der Empore kaum sehen, entstehen Bilder von einem Tanzabend im traditionellen jüdischen Schtetl. Und Bilder von trauernden Juden im Angesicht des Holocausts. Das ist Klezmer, mit vielen klassischen Versatzstücken angereichert, israelische Kultur, auch argentinische. In jedem Fall schwer einzuordnen, weil die Klarinette sich immer wieder die Freiheit nimmt, aus der Reihe zu tanzen.

Und dann ist da der Partner, der kulturelle Gegenpart, die Orgel. Der aus Dresden stammende Organist Matthias Eisenberg lässt das Instrument in sämtlichen Facetten leuchten. Die Orgel bildet die Tanzfläche für die Klarinette, tritt in Dialog mit ihr, übertönt sie, unterstützt sie und erhebt sich dann zu ihrer ganzen machtvollen schweren Klangfülle, wenn Eisenberg Bach spielt. Darin klingt viel Deutsches, die ganze Macht der Kirche und die Faszination durch sakrale Musik und es ist schwer, sich ihrer Wirkung zu entziehen. Und doch zieht sie sich immer wieder zurück, lässt der sorglosen Klarinette Raum und überlässt ihr die Themen.

Sie könnten auch als Menschen gegensätzlicher nicht sein: der introvertierte Deutsche, der nach einer Verbeugung schnell wieder an sein Instrument verschwindet, und der verschmitzte Sohn bessarabischer Juden, der in Argentinien aufwuchs. Das Publikum spürt die bestechende Kombination und lässt sich zum Mitsingen animieren, ob auf einem lang gehaltenen Ton oder im Zugabe-Lied "Dona, Dona", das wie wenige andere die Trauer um die im Dritten Reich ermordeten Juden ausdrückt. In dieser Fülle von virtuos improvisierender Orgel, Klarinette und einer Kirche voller Gesang will man Giora Feidmans Botschaft gerne glauben: von der versöhnenden Kraft der Musik.

Noch etwas glaubt man dem Meister: dass er vor allem der Gesellschaft dienen will mit seiner Musik, dass es nicht um seine Person geht. Er ist eben ein Schelm, der sein Publikum mit einer Klarinette verzaubert hat.

Claudia Wagner

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