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18.06.2011  |  von Torsten Lucht  |  2 Kommentare

Radolfzell Trampen für Fortgeschrittene auf der Höri

Radolfzell -  Das Mitfahrsystem auf der Höri ist ein Beispiel für die Bürgergesellschaft. Ältere Mitbürger befürworten das Angebot, jüngere sind reserviert. Höri-Mit bietet ökonomische und ökologische Vorteile – aber spielt die Psyche mit?
Trampen für Fortgeschrittene auf der Höri

Anne Overlack wirbt beim Einkaufsmarkt in Gaienhofen für das Mitfahrsystem „Höri mit“.  Bild: SK Archiv

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Susanne Dingler freut sich. Es ist Spargelzeit und die Familie macht sich auf den Weg in den Kaiserstuhl. Rund zehn Kilometer beträgt die Strecke, auch nach dem Schmaus geht's zu Fuß zurück nach Freiburg. „Das war für uns ganz normal“, sagt Susanne Dingler. Allerdings, die Normalität liegt weit zurück. Die sonntäglichen Ausflüge datieren aus ihrer Jugendzeit – heute ärgert sich die 85-Jährige, dass die Leute zwecks Einkaufs im örtlichen Lebensmittelmarkt bereits für wenige hundert Meter ins Auto steigen.

Immerhin, auch im hohen Alter hat Susanne Dingler Grund zur Freude. Sonntägliche Märsche von 20 Kilometern sind ihr alters- und gesundheitsbedingt nicht mehr möglich, das System „Höri mit“ aber findet sie richtig toll. Es handelt sich um eine Spielart des Trampens, bei dem sich sowohl Fahrer als auch Tramper registrieren lassen. Wenn Susanne Dingler von ihrer Wohnung in Gaienhofen zum Friseur in den Ortsteil Horn möchte, stellt sie sich an die Bushaltestelle beim Rathaus oder beim Internat und wird von einem der passierenden Autofahrer mitgenommen. Dabei ist leicht erkennbar, wer dem Kreis der beteiligten Fahrer und Tramper angehört. Susanne Dingler trägt eine Einkaufstasche mit der Aufschrift „Höri mit“ und ein Leuchtband am Handgelenk, ein Ausweis an der Windschutzscheibe weist den Autofahrer als Teilhaber an dem Netzwerk aus.

Nach mehrmonatiger Vorbereitungszeit wird das Mitfahrsystem seit Mai in der Praxis erprobt – und es gibt Überraschungen. Anne Overlack vom Bürgerforum Höri, von dem die Aktion ausgeht, stellt fest, dass die Jugendlichen als ursprüngliche Zielgruppe nur schwer zu erreichen sind. Erstaunlich, denn das Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln entspricht nicht ihren Bedürfnissen und so bleiben Chauffeurdienste meist bei den Eltern hängen. „Höri mit“ soll Abhilfe schaffen, doch bislang zeigen sich die Jugendlichen zurückhaltend. Möglicherweise ändert sich das mit den Ferien, wenn die Mobilitätsbedürfnisse spezieller werden, doch Anne Overlack sieht auch ein Imageproblem. „Wir müssen erreichen, dass die Jugendlichen das Mitfahrsystem als cool empfinden“, sagt sie, und zieht eine Parallele zu den drei Bürgermeistern der Höri. Sie unterstützen die Initiative prinzipiell, verhalten sich aber ebenfalls reserviert. Anne Overlack ist überzeugt, dass sich das ändert, sobald der Durchbruch geschafft ist und das Mitfahrsystem im Mobilitätsalltag der Bürger angekommen ist.

Für ältere Mitbürger wie Susanne Dingler dagegen ist die Aktion schon jetzt cool. Zu ihnen gehört der 75-jährige Werner Dettling aus Hemmenhofen, für den es sich zugleich um eine späte Bestätigung seiner Anregungen als Gemeinderat in den 80er Jahren handelt. Damals hatte er an einer Bahnschranke auf der Strecke von der Höri in Richtung Konstanz ein Aha-Erlebnis: „Auf jeder Seite standen Autos mit jeweils nur einem Insassen und alle warteten darauf, dass ein Zug ohne Passagiere vorbeifuhr.“

Der ökonomische Leerlauf stört den Betriebswirt bis ins höhere Pensionsalter, als Eisenbahner-Kind vergleicht er zugleich die Auswirkungen des früheren und heutigen Mobilitätsverhaltens. „Früher hat man sich im Zugabteil getroffen und auch mal miteinander geredet. Heute fahren die Leute hintereinander her und aneinander vorbei – man winkt vielleicht durchs Fenster, das war's.“

An solche mitteleuropäischen Zustände gewöhnt sich Richard Hess nur langsam. Während 20 Jahren im Ausland – vor allem in Tansania – erlebt er Mobilität in aller Regel in gemeinschaftlicher Form. Da es einen öffentlichen Nahverkehr in Afrika so gut wie nicht gibt, gehört die Mitnahme von Personen zum Alltag. Diese geben dem Fahrer einen geringfügigen Betrag für die Mitfahrgelegenheit, wodurch im Prinzip jedes Auto als eine Art Zusteigetaxi dient.

Richard Hess ist klar, dass dies hierzulande allein aus haftungsrechtlichen Gründen nicht möglich ist und hält die Registrierungspflicht bei „Höri mit“ für eine gute Lösung. Doch nicht nur wegen des für die Praxis bis ins Detail durchdachten Systems ist er bei „Höri mit“ dabei, ihn reizt vor allem die Chance auf ein neues Bewusstsein – obwohl es für den 60-Jährigen so neu nun auch wieder nicht ist. Er gehört der Flower-Power-Generation der Tramper an und ist auf diese Weise in jungen Jahren weit gekommen. Die Ursache für die Zurückhaltung der Jugendlichen beim Mitfahrsystem auf der Höri fasst er vor diesem Hintergrund in einem Satz zusammen: „Unsere Eltern hätten uns nicht ständig durch die Welt gefahren.“

Das Verfallsdatum dieser luxuriösen Haltung ist streng genommen ökonomisch und ökologisch abgelaufen – aber ob die Höri für den Wandel bereits reif ist? Isa Folberth sieht in dem Mitfahrsystem ein spannendes Experiment, bei dem sie wie Anne Overlack davon überzeugt ist, dass es letztlich die Identität der Halbinsel freilegt. Für die 46-jährige Ärztin aus Gailingen mit psychotherapeutischem Ausbildungshintergrund ist das Sicherheitsbedürfnis die größte Herausforderung des Mitfahrsystems – schließlich wird dadurch ein wichtiger Raum der Privatsphäre geöffnet. Sie glaubt, dass diese Preisgabe zugunsten des verstärkten Miteinanders dann Aussicht auf Erfolg hat, wenn sie mit sozialer Anerkennung und/oder der Beruhigung eines latent schlechten Gewissens entgeltet wird. Hanne Hawle ist da ein gutes Beispiel: Die Porsche-Fahrerin aus Allensbach (in Sachen Mobilität ebenfalls im Tramper-Zeitalter sozialisiert) nimmt von jeher bei ihren Touren über die Höri Tramper mit und zählt zu den Pionieren von „Höri mit“. Der Dank für ihren Gemeinschaftssinn dürfte ihr sicher sein. Wie sonst kommt man im Leben zu einer Fahrt im Porsche?

Wie funktioniert das Mitfahrsystem?
Hintergrund: Gemeinsam fährt man besser
Modellhafte Idee
Das Konzept von Höri-Mit finde ich super. Es ist ein Modell für andere ländliche Regionen ohne ... mehr ...
Mitfahrer
Mir geht es genau so. Ich mache es wie bisher. Wenn ich zum Beispiel auswärts Leute aus unserm ... mehr ...
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