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Radolfzell So kommt das Internet aufs Land

01.09.2012
Radolfzell -  Die Stadtwerke entdecken ein neues Geschäftsfeld: Internetdienstleistungen für unterversorgte Gebiete. Aber die Investitionen sind ein Risiko.

Anschluss dringend erwünscht: In den Dörfern ist schnelles Internet Mangelware. Dabei wird dort genauso gern im Netz gesurft.  Bild: Foto Zihlmann - Fotolia/Montage: Stephan Aust

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Michael Mader lernt zurzeit viele neue Menschen kennen. Der Mitarbeiter der Radolfzeller Stadtwerke schließt bei den Kunden höchstpersönlich die neuen Leitungen an. Aber nicht für Strom, Gas oder Wasser, nein, die Stadtwerke Radolfzell beliefern die ersten Privatkunden mit schnellem Internet, Installation vom Fachmann inklusive. Wie viele andere Stadtwerke im ganzen Bundesgebiet und der Region entdecken die kommunalen Versorger dieses neue Betätigungsfeld, das ja weit mehr als eine Nische ist. Die Grundidee klingt schlüssig: Leerrohre verlegen, Glasfaser einziehen, Kunden gewinnen, Geld verdienen. Aber ganz so einfach ist das Geschäft mit dem Internet nicht.

Jedes Unternehmen hat dabei eine eigene Strategie. Die Stadtwerke Konstanz investieren in den kommenden Jahren etwa 58 Millionen Euro in die eigene Datenautobahn (siehe auch Infokasten), wollen das Versorgungsgebiet flächendeckend mit Glasfaser bis ins Haus beliefern – wenn vom Kunden erwünscht. Da backen die Radolfzeller kleinere Brötchen: 1,6 Millionen Euro sind eingeplant, um die Ortsteile Güttingen, Möggingen, Liggeringen und Stahringen als eigener Anbieter mit Internet und Telefon zu versorgen. Als Pilotprojekt wurde bereits das Max-Planck-Institut für Ornithologie in Möggingen mit einer Glasfaserverbindung beliefert. In einer zweiten Ausbaustufe folgen Gewerbegebiete in der Kernstadt, auch die Mettnau-Kur hat Bedarf angemeldet. Nicht zuletzt wollen sich die Stadtwerke selber ans schnelle Glasfaserkabel anschließen.

Mit diesen neuen Angeboten füllen die Unternehmen eine Lücke. Die vier sogenannten Radolfzeller Bergdörfer liegen abseits der bestehenden Routen und kommen gemeinsam auf nur etwa 2800 Haushalte. Für große Anbieter lohnt sich der Ausbau des Glasfasernetzes nicht ohne zusätzliche Anreize – das wären zum Beispiel finanzielle Zuwendungen der Kommunen. Und statt nun wie in den vergangenen Jahren bei den etablierten Anbietern um bessere Netze zu betteln, greifen die Kommunen lieber den eigenen Stadtwerken unter die Arme, wie im Radolfzeller Fall. „Wie die Jungfrau zum Kind“ sei das Unternehmen zum Internetgeschäft gekommen, sagt auch Geschäftsführer Thomas Isele, der jedoch viel zu vorsichtig ist, als dass er sich Hals über Kopf auf unbekanntes Terrain stürzen würde. Die Verlegung neuer Leerrohre über 20 Kilometer Länge in besagte Bergdörfer hat im Radolfzeller Fall den Ausschlag gegeben, mit Investitionskosten von 250 000 Euro – eine durchaus große Ausgabe für das Unternehmen.

Obwohl in den Zielgebieten die Reaktionen positiv waren, die Bürger sogar sehnlich darauf gewartet haben, dass sie endlich den Anschluss ans digitale Zeitalter erwischen, ist die Resonanz verhalten. 140 Neukunden haben die Stadtwerke bis Mitte August gewinnen können. Die ersten 40 wurden im August angeschlossen, der Rest folgt bis Oktober. Auch Liggeringens Ortsvorsteher Hermann Leiz ist darunter. „Ich freue mich darauf, endlich die SÜDKURIER-Bildergalerien anzuschauen, ohne dass es ewig dauert“, erzählt er. Doch er weiß auch, dass viele potenzielle Kunden noch unschlüssig sind. „Viele warten ab, wollen erst schauen, wie es so läuft“, ist seine Erfahrung. Vor allem die Geschäftsleute sind jedoch schon mit von der Partie.

Und auch die Konkurrenz schläft nicht. „Die Wettbewerber haben sofort reagiert und stark akquiriert“, erzählt Isele. Preislich ist das Angebot der Stadtwerke auf dem Niveau der Telekom, also am oberen Ende der Skala. „Allerdings garantieren wir die Geschwindigkeiten, die wir verkaufen“, ergänzt Vertriebschef Joachim Kania. Die Telekom diktiert auch bei den Anschlüssen das Tempo, die Stadtwerke sind abhängig davon, wann der Kontakt zwischen dem Telekom-Kabel und dem eigenen Kabel hergestellt wird. Schließlich geht das letzte Stück des Wegs über die bestehende Telefonleitung – und die gehört der Telekom. Das lässt sich das Unternehmen mit 7 Euro Miete pro Anschluss bezahlen, was sich wiederum in den Tarifen niederschlägt. „Die Telekom sagt uns schon genau, wie und wann wir was zu machen haben“, beschreibt Kania diplomatisch die Zusammenarbeit mit dem Branchenriesen. Aber im Wettbewerb um Kunden gibt es keine Vorzugsbehandlung für Neulinge.

Schließlich wollen auch die Stadtwerke mit ihrem neuen Geschäftsfeld vor allem eins: Geld verdienen und sich ein weiteres Standbein aufbauen. Das Angebot ist keine milde Tat, um unterversorgte Gebiete endlich anzuschließen, wie im Radolfzeller oder Engener Fall. Innerhalb von 25 Jahren soll sich die Investition in Radolfzell gelohnt haben. Der entscheidende Unterschied zu einem beliebigen Kommunikationsanbieter ist jedoch, dass ein möglicher Imageschaden die jeweiligen Stadtwerke deutlich stärker treffen kann. Funktioniert das Internet nicht wie gewünscht, wird möglicherweise auch der Stromvertrag neu überdacht – der bunte Wettbewerb in allen klassischen Feldern der Energieversorgung macht's möglich. Der Bürger ist schließlich wählerisch und ein Opportunist – und das ist sein gutes Recht.

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