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Radolfzell Schwieriger Blick in die Vergangenheit

Radolfzell – Durch die halb geöffnete Tür blickt Hitler dem Museumsbesucher starr entgegen. Das Wahlkampfplakat empfindet man unwillkürlich als unheimlich.

Friederike Heimbach (vorne) findet die Ausstellung informativ und das Material gut dargestellt. Auch Bärbel Kempter verschafft sich einen Überblick über die jüngere Radolfzeller Geschichte.
Friederike Heimbach (vorne) findet die Ausstellung informativ und das Material gut dargestellt. Auch Bärbel Kempter verschafft sich einen Überblick über die jüngere Radolfzeller Geschichte. | Bild: Bild: Wagner

Der erst jetzt fertig eingerichtete Raum des Stadtmuseums Radolfzell ist nicht für stolze Rückblicke geeignet: Er beschäftigt sich mit dem dunkelsten Kapitel der Stadtgeschichte, dem Nationalsozialismus, dem Bau und dem Wirken der SS-Kaserne in Radolfzell.

Das Konzept, das zur Gestaltung des Raumes führte, stammt von Stadtarchivar Achim Fenner. Seine Idee: Das Kasernenareal alleine sei so etwas wie ein Brennglas der neueren Geschichte Radolfzells: Hier wurde die SS-Kaserne gebaut und in Betrieb genommen; hier war ein Außenlager des KZ Dachau. Nach 1945 war die Kaserne von der Anwesenheit der Franzosen bestimmt. In den 80er Jahren schließlich wurde das Gebäude für die Unterbringung von Asylbewerbern genutzt. Anhand ihrer Geschichten kann man das Thema Migration in Radolfzell beleuchten. Mit dem RIZ, das vor zehn Jahren in die Gebäude der Kaserne zog, wird ein Stück aktueller Gewerbegeschichte dokumentiert. Zwei gefundene Teile eines Segelflugzeugs waren Anlass, auf die Geschichte der Flieger-HJ einzugehen.

Eng verbunden mit der Geschichte der SS-Kaserne ist der Name Hermann Alker, der Architekt des Gebäudes. Er hatte unter anderem 1934 die Heidelberger Thingstätte auf dem Heiligenberg gebaut, außerdem Kirchen und Wohnhäuser. Typisch für seine Bauweise seien die fünfeckigen Fenster, so Achim Fenner, die auch bei der Radolfzeller SS-Kaserne auffallen. Die SS-Kaserne wurde 1937 fertig gestellt, die SS-Truppe Germania zog ein. Sie wurde später beim Anschluss Österreichs und dem Angriff auf Polen eingesetzt. Später kam eine SS-Totenkopfeinheit nach Radolfzell. 1941 holte man KZ-Häftlinge aus Dachau in die Kaserne, sie mussten die Großkaliber-Schießanlage im Altbohlwald bauen. Im Sommer 1942 sei der Schießstand fertig gestellt worden, die Hälfte der Häftlinge wurde zurück nach Dachau geschickt.

„Ich habe die NS-Zeit als Jugendlicher erlebt“, sagt ein Besucher, der namentlich nicht genannt werden möchte. „Was wir nach der Kapitulation in der Kaserne alles gefunden haben!“ Es habe viel Kontakt zu den SS-Offizieren gegeben, als Jungen hätten sie Munition gegen Äpfel getauscht und die Munition zu Knallkörpern gemacht. „Wir waren jung und begeistert, den Hintergrund haben wir nicht verstanden.“ Doch auch erschreckende Beobachtungen machten die jungen Männer. Einmal habe er eine standrechtliche Erschießung eines Deserteurs beobachtet.

Friederike Heimbach, Lehrerin, liest die Tafeln, die dem Besucher die Hintergründe erläutern. „Ich finde die Ausstellung gut aufgebaut und sehr informativ“, so ihr Eindruck. Ein Anlass zur Nachdenklichkeit ist sie in jedem Fall.

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