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Radolfzell Ringen um die Geburtshilfe – was Geschäftsführer und Berufsverband sagen

Das mögliche Ende der Radolfzeller Klinikabteilung hat viele aufgeschreckt. Laut dem Geschäftsführer des Gesundheitsverbundes gibt es keine Schließungsabsicht. Und ein Vertreter der Berufsgenossenschaft der Frauenärzte plädiert für den Erhalt von patientennahen Einrichtungen.

Können schwangere Frauen im Radolfzeller Krankenhaus weiterhin Kinder zur Welt bringen? Diese Frage treibt derzeit viele Menschen in der Stadt um, eine relativ spontan organisierte Kundgebung am Dienstagnachmittag für den Erhalt der Radolfzeller Geburtshilfe brachte geschätzt etwa 150 Menschen auf den Münsterplatz. All diese Menschen wollen, dass es weiterhin gebürtige Radolfzeller gibt. Die Abteilung steht angesichts zum nächsten Jahr stark steigender Prämien zur Berufshaftpflicht offenbar auf der Kippe. Die drei Gynäkologen der Gemeinschaftspraxis, die als Belegärzte im Krankenhaus die Geburten betreuen, müssten deutlich mehr für die Versicherung bezahlen (Hintergrund siehe unten).

Im Wunsch nach einem Erhalt der Abteilung sind sich die Demonstranten offenbar auch mit denjenigen einig, die in der Sache Einfluss ausüben können. Die Frauenärzte der Praxis wollen gerne weiter belegärztlich die Geburtshilfe betreiben, das hört man den Äußerungen von Arzt Matthias Groß deutlich an. Oberbürgermeister Martin Staab hat ebenfalls das Ziel ausgegeben, die Geburtshilfe in Radolfzell zu erhalten. Und auch Peter Fischer, Geschäftsführer des Gesundheitsverbundes Landkreis Konstanz, zu dem das Radolfzeller Krankenhaus gehört, hätte nichts dagegen, dass alles so weiterläuft wie bisher: "Weder Aufsichtsrat noch Geschäftsführer haben Bestrebungen, die Geburtshilfe zu schließen", sagt er am Tag nach der Kundgebung. Die Abteilung haben einen sehr guten Ruf, liefere ebenso gute Qualität und sei beliebt, fügt Fischer hinzu. Der Verbund verdiene damit zwar nicht, lege aber auch nicht viel drauf.

Allein, für das Problem der Versicherungsbeiträge habe er keine Lösung, sagt Fischer auf der Grundlage eines rechtlichen Gutachtens, das er eingeholt habe: Arbeit auf Honorarbasis oder eine teilweise Festanstellung seien keine Lösung. Im ersteren Fall müssten sich die Ärzte auch selbst versichern, im letzteren gebe es sehr enge zeitliche und finanzielle Grenzen. Die Geburtshilfe in Radolfzell mit angestellten Ärzten zu betreiben, gehe ebenfalls nicht, so Fischer. Er habe die notwendigen Fachärzte nicht und sie seien viel teurer als das Belegsystem. Und: "Weder direkt noch indirekt darf der Gesundheitsverbund eine niedergelassene Praxis subventionieren." Das bedeutet im Klartext: Der Gesundheitsverbund kann sich nicht an den Versicherungsprämien beteiligen.

Genau das hält Axel Valet, Sprecher der Belegärzte beim Berufsverband der Frauenärzte, aber sehr wohl für möglich: Man würde damit nicht die Praxis subventionieren, sondern nur dafür sorgen, dass der Arzt, der die Geburtshilfe leistet, nicht auch noch Geld mitbringen müsse – und damit die Abteilung erhalten. Nicht zuletzt bekomme auch ein Krankenhaus Geld von den Kassen für eine Geburt – etwa für Anästhesisten, Hebammen oder Räume. Und Valet appelliert an die Gesellschaft. Geburtshilfe sei Daseinsvorsorge, bei der es darum gehe, den Bestand der Gesellschaft zu sichern, sagt der promovierte Gynäkologe, der selbst seit 25 Jahren belegärztlich Geburtshilfe leistet.

Die Hoffnungen ruhen nun auf einem runden Tisch aus den Belegärzten der Gemeinschaftspraxis, Fraktionsvertretern und Klinikgeschäftsführung, der sich am Mittwochabend zum ersten Mal getroffen hat, um eine Lösung zu finden.

Versicherung und Versorgung

  • Versicherungsprämien: Der Grund dafür, dass die Geburtshilfe am Radolfzeller Krankenhaus auf der Kippe steht, sind steigende Prämien für die Berufshaftpflicht von niedergelassenen Frauenärzten, die Geburtshilfe leisten – auch wenn es, wie in Radolfzell, keinen Schadensfall gab. Die Mehrkosten von mindestens etwa 100 000 Euro im Jahr für die drei Ärzte der Gemeinschaftspraxis würden bei den zuletzt etwa 500 Geburten im Jahr zu einem Verlust führen, erklärt Matthias Groß, Gynäkologe in der Gemeinschaftspraxis. Die Ursache für die steigenden Prämien ist nicht eine höhere Zahl von Behandlungsfehlern bei der Geburt, sondern die Höhe der jeweils zugesprochenen Schadenersatzsummen, wie unter anderem der Berufsverband der Frauenärzte in einer Stellungnahme aus dem Jahr 2014 schreibt, als das Problem akut wurde. Und Axel Valet vom Berufsverband der Frauenärzte sagt, dass Krankenkassen Aufwendungen für die medizinische Versorgung nach einem Behandlungsfehler bei der Geburt bis zum Tod des Betroffenen im Auftrag des Patienten einfordern könnten.
  • Versorgung: Schließt die Radolfzeller Geburtshilfe, müssten Schwangere und ihre Familien längere Wege in Kauf nehmen. Laut Peter Fischer, Geschäftsführer des Gesundheitsverbundes, wäre die Versorgungssicherheit nicht gefährdet, aber es würde in Singen und Konstanz mehr Personal nötig. Zu der Sorge, dass ohne die Geburtshilfe die 24-Stunden-Versorgung in Radolfzell eingestellt werden könnte, sagt Fischer, dass die Notfallaufnahme am Krankenhaus nicht zur Diskussion stünde. Es könnte aber passieren, dass man ohne Geburtshilfe über die 24-stündige OP-Bereitschaft nachdenken würde. Das oft gehörte Argument, dass Gebärende in einem größeren Krankenhaus besser versorgt werden, lässt Axel Valet vom Berufsverband nicht gelten. Einerseits würden Ärzte in kleinen Häusern vorher abklären, ob eine Frau am richtigen Platz ist. Andererseits gehe es mitunter um Minuten, etwa in Fällen, in denen sich der Mutterkuchen verfrüht löst – denn ohne die Verbindung zur Mutter stirbt das Kind. Das zu behandeln, gehe nur mit kurzen Wegen, so Valet. Sein aus der Ferne gegebenes Fazit lautet, dass es auch aus medizinischer Sicht sinnvoll sei, eine relativ kleine Geburtshilfe-Abteilung zu erhalten. Abgesehen davon sei eine geburtshilfliche Abteilung immer auch ein Aushängeschild für ein Krankenhaus. (eph)

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